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Kultur im Norden Keramiken von Jan Kollwitz: Kunst zwischen Feuer und Wasser
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15:09 27.06.2019
Den Brennofen in Cismar hat ein japanischer Ofenbau-Meister für Jan Kollwitz gebaut. Der Keramikkünstler ist der einzige in Deutschland, der nach japanischer Tradition brennt. Quelle: Foto: Felix König
Hamburg/Cismar

Jan Kollwitz liebt den Regen. „Er macht die schönsten Farben“, erklärt der Keramik-Künstler und zeigt auf eine Vase, die in ihren Blau- und Sandtönen besonders kontrastreich ist. In einem Holz-Ofen brennt er im einmal im Jahr Keramiken nach einem japanischen Verfahren, das bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Vom 28. Juni an zeigt der Ur-Enkel der Bildhauerin Käthe Kollwitz im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe unter dem Titel „Unter Freunden – Japanische Teekeramik“ einen Teil seiner Kunst.

Ausstellung

„Unter Freunden“ heißt die Schau, in der das Museum für Kunst und Gewerbe vom 28. Juni bis zum 23. Februar 2020 seine Sammlung japanischer Teekeramiken zeigt. Die Ausstellung gibt Einblick in die jahrtausendealte Tradition der Keramikkunst und der traditionsreichen Teezeremonie, die eine große Rolle in der japanischen Kultur spielen.

„Ich bin weit davon entfernt, den Ofen zu beherrschen“, sagt der 58-Jährige. „Er ist launisch und reagiert auf viele Faktoren wie Luftfeuchtigkeit und Windstärke.“ Und eben auch auf Regen, der auf ihn herabprasselt. Wie ein überdimensional großer Pizzaofen thront er im Garten des ehemaligen Pastorats im ostholsteinischen Cismar, in dem Jan Kollwitz wohnt. So als ob der steinerne Koloss wüsste, dass es auf ihn am Ende ankommt.

Immer wieder überraschend

Den begehbaren sogenannten Anagama-Ofen ließ Kollwitz vor 30 Jahren von einem japanischen Ofenbaumeister bauen. Einmal im Jahr brennt er vier Tage lang Tag und Nacht, im Inneren stehen dann mehrere hundert Schalen, Vasen und Becher. Um das Feuer auf die erforderliche Temperatur von 1320 Grad Celsius zu bringen, muss alle drei Minuten Kiefernholz nachgeworfen werden. Die Tag- und Nachtschichten teilt Kollwitz sich mit einem befreundeten Architekten, der sich dafür extra Urlaub nimmt.

Wie die Keramiken aus dem Ofen kommen, ist auch für Kollwitz jedes Mal wieder eine Überraschung: Da er den Ofen mit unglasierten Objekten befüllt, führt ausschließlich das Zusammenspiel des Tons mit der Flugasche zu den Farbausprägungen auf den Keramiken. Je schöner und kontrastreicher die Farben, desto hochpreisiger kann Kollwitz sie verkaufen. Im vergangenen Jahr regnete es in der wichtigen Dezemberwoche nicht. Stattdessen gab es Sturm. Der Ofen überfeuerte und schlug auf einigen Keramiken Blasen.

„Unfassbare Schönheiten“

Das Ergebnis des Brands kann Kollwitz eben nur bedingt beeinflussen. Er rechnet damit, dass er bis zu einem Drittel der Keramiken nicht verkaufen kann. „Das Öffnen des Ofens ist erst mal bitter“, sagt Kollwitz. Eine Woche lang dauert es, ihn zu befüllen. Der Standort jeder einzelnen Schale ist genau überlegt. Trotz mancher Enttäuschung lohnt sich die Mühe, sagt er, denn: „Jeder Brennvorgang bringt auch unfassbare Schönheiten hervor.“

Kollwitz ist der einzige Keramikmeister in Deutschland, der nach dieser japanischen Tradition mit einem Original-Ofen eines japanischen Meisters arbeitet. Wie es dazu kam, erzählt er bei grünem Tee und Lübecker Marzipan. Das Kaminfeuer im alten Pastorat lodert, auf dem Tisch stehen Schalen, wie sie in japanischen Teezeremonien verwendet werden. Kollwitz hat sie selbst hergestellt. „Die Japaner machen keinen Unterschied zwischen Kunst- und Gebrauchskeramiken“, erklärt er und schenkt Tee ein.

Nach dem Abitur ging der gebürtige Berliner drei Jahre lang auf eine Schauspielschule, hatte anschließend ein Engagement am Theater. „Es lief gut. Aber ich merkte, ich wollte selbstbestimmter arbeiten und mit meinen Händen etwas schaffen“, sagt Kollwitz. Die Bildhauerei interessierte ihn. Aber die hatte schon seine Urgroßmutter Käthe Kollwitz berühmt gemacht. In ihre Fußstapfen wollte er bewusst nicht treten. „Alle hätten gesagt: ‚Was er macht, ist ja ganz schön. Aber er kommt nicht ran an die Käthe.’“

Mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Japan

Mit 22 Jahren ging er für drei Jahre in die Ausbildung beim Keramikmeister Horst Kerstan (1941-2005) in Kandern in Baden-Württemberg, kam dort zum ersten Mal mit japanischer Töpferkunst in Berührung. „Dieser Zwischenbereich von Gefäß und Skulptur, wie er für die japanische Kunst typisch ist, hatte auf mich eine magische Anziehung.“

Kurzerhand brachte Kollwitz sich innerhalb von ein paar Wochen Japanisch im Selbststudium bei und reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Japan, um sich einen Lehrer zu suchen. Zwei Jahre dauerte seine Ausbildung, in denen Kollwitz 70 Stunden in der Woche arbeitete und mehrere tausend Teeschalen formte. Lediglich eine Handvoll davon war dem strengen Meister Nakamura gut genug für den Verkauf. Der Rest ging zurück in die Tonaufbereitung.

Der vielfach ausgezeichnete Lyriker Jan Wagner ließ sich von Kollwitz zum Gedicht „Die Tassen“ inspirieren: Es erzählt von unzähligen Tassen, welche der Meister begutachtet, kommentarlos zerstört – und schließlich eine als „Schale“ bestehen lässt. Und der Schriftsteller Christoph Peters widmete Kollwitz einen ganzen Roman mit dem Titel „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“.

„Zweifel habe ich immer“

Sieben Monate lang bereitet sich der Keramikmeister in Cismar auf die eine jährliche Brenn-Woche vor. Vier Wochen braucht er allein, um die nötigen 20 Kubikmeter Kiefernholz zu sägen und aufzuspalten. Anschließend bereitet er einen Monat lang den Ton auf, den er selber mischt und knetet. Weitere vier Wochen veranschlagt er für den Aufbau von Keramiken, acht weitere Wochen sitzt er an der Töpferscheibe. Im Sommer verkauft er außerdem seine Stücke und führt Touristen durch seine Galerie im alten Pfarrhaus in Cismar.

Heute kosten Kollwitz-Keramiken zwischen 50 und 16 000 Euro. Die Werke des Künstlers mit der buddhistisch zurückhaltenden Art stehen in etlichen deutschen Museen und in Galerien in London und den USA.

Vom Schauspieler zum Keramik-Künstler war es ein harter Weg. Auf die Frage, ob er nie Zweifel an seiner beruflichen Neuorientierung gehegt habe, lacht Kollwitz und sagt: „Zweifel habe ich heute noch. Etwa zwei- bis dreimal täglich.“ Letztendlich nehme er die aber nicht ernst. „Denn ich weiß, dass im Grunde die Keramik das Zentrum meines Lebens ist.“

Nadine Heggen

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