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Kultur im Norden Knallbunter Klamauk im Theater Altona
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15:31 30.07.2019
Frauenschwarm Iván (Dirk Hoener) hat Stress mit Anwältin Paulina (Madeleine Lauw), seiner Ex-Geliebten Pepa (Lisa Huk) und Noch-Ehefrau Lucia (Katrin Gerken, v.l.). Quelle: G2 Baraniak
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Lübeck

Dauertelefonierende Frauen kollabieren auf Sitzgruppen, springen vom Balkon oder werden durch mit Valium versetzte Gazpacho-Suppen außer Gefecht gesetzt. Stofftiere regnen vom Himmel, Kissen explodieren, Konfettikanonen ebenso. Wer sich der „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ im Altonaer Theater annimmt, kann sich auf einen turbulenten Abend voller Klamauk und schräger Kapriolen freuen.

Eine Oscar-Nominierung für den Film

Pedro Almodovars hochgelobtes Alterswerk „Leid und Herrlichkeit“ mit Antonio Banderas in der Hauptrolle ist gerade in den Kinos angelaufen. 1988 gelang dem Kultregisseur mit der rasanten Komödie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ der internationale Durchbruch. 50 Auszeichnungen und eine Oscar-Nominierung würdigen seine Liebeserklärung an das -zumeist abwesende- Mysterium Mann. Als Broadwayproduktion wurde das Stück 2010 uraufgeführt.

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Auf der Bühne schlängelt sich ein mit allerlei Sitzgruppen bestückter Laufsteg sepentinenartig in die Tiefe des Raums. Hier wirbelt die achtköpfige Truppe zwei energiegeladene Stunden umher und beansprucht die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Synchronsprecherin Pepa wird von ihrem Freund Ivan, der eigentlich mit Lucia verheiratet ist, im Stich gelassen und erfährt durch Zufall, dass dieser einen Sohn namens Carlos hat. Die von Lucia konsultierte Anwältin entpuppt sich als Ivans neue Geliebte. Pepas Freundin Candela ist auf der Flucht vor der Polizei, weil sich ihr Freund als Terrorist entpuppt hat. „Vielleicht ist der Sex so gut, weil er ständig auf der Flucht is?“, mutmaßt sie. Carlos wiederum und seine Freundin Marisa interessieren sich für Pepas Wohnung. Marisa trinkt eine von Pepa mit Valium versetzte Gazpacho, die eigentlich Ivan zugedacht war und wird außer Gefecht gesetzt.

Emotionale Berg- und Talfahrt

Regisseur Franz-Joseph Dieken setzt auf allerlei selbstreferentielle Gimmicks und genreparodierende Elemente. In der atemlosen Choreographie parodieren die quirligen Akteure Yoga-, Flamenco- und Schwimmbewegungen, quetschen sich in eine Telefonzelle oder ersetzen bedeutungsschwangere Songtexte schon mal durch ein monotones „Bla-Bla“. Dabei wird das spielfreudige Ensemble rollenbedingt von einer emotionalen Talfahrt in die nächste geschickt. Da werden Candelas selbstmörderischer Sprung von der Terrasse und ihre Rettung durch Carlos solange wiederholt, bis die Aktion am effektvollsten aussieht. Auch den Showdown am Flughafen, bei dem Pepa ( herrlich überdreht: die 35 -Jährige , aus „Schmidt“- Produktionen bekannte Lisa Huk) den Terroristen erschießt, dürfen die Zuschauer in mehreren Varianten erleben.

„Goldener Schuss ins Herz“

Bei den 14 eingestreuten Songs überwiegen lateinamerikanische Klänge und NDW- lastiger Wortwitz. Doch das restlos exaltierte Spiel wird immer wieder durch Balladen mit hintergründigen Texten ausgebremst. Kostprobe: „Eine Insel zu zweit ist ein Paradies, allein bist du einfach gestrandet“. Wenn die von Ivan verlassene Pepa über den „Goldenen Schuss ins Herz“ lamentiert oder nach Candelas Suizidversuch die eigene Endlichkeit und die emotionale Leere besungen wird, darf es schon mal ein Sekündchen sentimental werden.

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Altonaer Theater, bis 1.9., Do-Sa jeweils 19 Uhr, So 20 Uhr

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Alexander Bösch

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