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Kultur im Norden Königsklasse der Improvisation
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18:10 01.02.2018
Till Brönner eilt der Ruf eines Tausendsassas voraus – der Jazz-Trompeter gilt als Multitalent. Quelle: Foto: Malzahn
Lübeck

Herr Brönner, in diesen Tagen erscheint Ihre neue CD mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg, der zehn Jahre älter ist als Sie. Begegnen sich in Ihrem Duo zwei Jazz-Generationen?

Till Brönner: Alles, was zehn Jahre älter oder jünger ist, läuft für mich noch fast unter der gleichen Generation. Im Musikbereich gibt es ganz andere Altersdifferenzen.

Sie haben als Zwölfjähriger durch die besessen-fröhlichen Bebop-Melodien von Charlie Parker zum Jazz gefunden. Wünschten Sie sich manchmal, in einem anderen Jazz-Zeitalter zu leben? Etwa in den 1940ern oder 50ern Jahren?

Jeder Mensch kennt den Moment, dass er mal Mäuschen spielen möchte. Die Vorstellung, für ein, zwei Tage in die Zeit damals einzutauchen, ist eigentlich ein schöner Gedanke. Dann ließe sich leichter ein Gespür entwickeln, was der Auslöser für diese Musik war. Vor allem die 1960er waren ein künstlerisch hochspannendes und ergiebiges Jahrzehnt. Da wäre ich gerne dabei gewesen, aber nicht real.

Was fasziniert Sie, Jahrgang 1971, am Jahrzehnt vor Ihrer Geburt?

Es gab viele Umbrüche und Infragestellungen. Die überkommenen Formen sind bis zur Unkenntlichkeit verzerrt worden. Auch die zeitgenössische Musik im Klassikbereich entwickelte sich avantgardistisch.

Gesellschaftliche Umbrüche sind der Urgrund für den Jazz. Jazz hat immer auch mit Missständen und mit Ungleichgewichten zu tun.

In den 1970er Jahren keimte dann die Hoffnung, der Jazz würde die Welt und den Mainstream erobern und die Hörgewohnheiten der Konsumente gehörig verändern.

Welchen Platz nimmt der Jazz heute im gesellschaftlichen Gefüge ein?

Bis auf die tanzbare Ära des Jazz, ich spreche von der großen Zeit der Ballrooms in den 1920er und 1930er Jahren, ist Jazz stets eine Kunstmusik gewesen und führte eher ein Nischendasein. Als Nische ist der Jazz heute auch in den klassischen Konzertsälen angekommen und wird nicht mehr allein in kleinen Clubs zelebriert. Die Freiheit, im Moment auf der Bühne zu entscheiden, was man gleich machen wird, insbesondere im Free- oder Avantgardejazz, das ist die Königsklasse der Improvisation.

Wenn Sie mit Ihrem neuen Album „Nightfall“ auf Tour gehen, wie viele Phrasen decken sich mit der CD-Einspielung?

Zu diesem Vergleich möchten wir die Besucher gerne einladen. Dass wir kein Album zum Mitsingen produziert haben, ist nicht zu überhören. Ich würde sagen, 90 Prozent sind Improvisation und zehn Prozent die Themen, von denen wir uns dann im offenen Dialog lösen. Das ist das Steckenpferd von Ilg und Brönner: Wir zitieren ein Motiv, aber unsere Interpretation klingen dann jeden Abend auf einer anderen Bühne anders. Wir geben alles und verlassen die Bühne am Ende schweißgebadet.

Sie sind durchaus auch ein politischer Menschen, haben sich zum Beispiel mit dem Rockmusiker und CDU-Politiker Leslie Mandoki im „Soulmates“-Projekt für den Fortbestand der westlichen Freiheiten eingesetzt. Irritiert es Sie, dass Mandoki ein Anhänger des ungarischen Autokraten Viktor Orbán ist?

Wissen Sie genau, was in Ungarn passiert? Ich bin den Medienberichten gegenüber eher skeptisch. Da begegne ich lieber Menschen und Kollegen wie Leslie Mandoki und lasse mir aus erster Hand berichten.

Sie sind an der Musikhochschule Dresden auch als Professor tätig und bilden den Nachwuchs aus. Wohin entwickelt sich der Jazz?

Es gibt einige großartige junge Musiker, die ich aber um ihre Zukunft nicht beneide. Ich hatte Glück, meine Popularität entstand noch über Sendeformate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Heute mit einem herkömmlichen Instrument etwas wirklich Neues zu entwickeln, scheint mir kaum möglich. Es geht darum, dass ein Musiker markant und erkennbar ist, dass er anders klingt als alle Formen der Unterhaltung ringsum. Außerdem muss ein Musiker auch seine Persönlichkeit, seine Geschichte, seinen Unterschied mit in die Waagschale werfen. Es reicht nicht, sich einen schrägen Hut aufzusetzen.

Warum bringen Sie eine neue CD heraus, obwohl kaum noch CDs gekauft werden?

Um eine Tournee zu machen, ist es immer noch wichtig, dass eine neue CD vorliegt. Ich hoffe trotz Verkaufs-Krise aus Sicht der Künstler auf ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Musik und geistiges Eigentum ihren Preis haben. Die Umsonst-Mentalität im Netz und die unzureichende Entlohnung der Künstler durch Streaming-Dienste sind erheblich. Dafür habe ich kein Verständnis.

Interview: Karim Saab

Zur Person

Till Brönner wurde 1971 in Viersen am linken Niederrhein geboren. Nach seinem Studium der Jazz-Trompete wurde er Solist in der Berliner RIAS Big Band.

2009 begann er eine Professur an der Hochschule für Musik in Dresden – Fachrichtung Jazz. 2010 war er Jurymitglied in der RTL-Castingshow X Factor. Brönner wohnt in Berlin-Charlottenburg und seit 2013 auch in Los Angeles.

LN

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