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Kultur im Norden Körper ohne Schatten: Leïla Slimanis Roman „All das zu verlieren“
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18:09 05.06.2019
Scheut keine Tabus: die französische Autorin Leila Slimani. Quelle: dpa
Hannover

Das Glück könnte perfekt sein. Vater Mutter und zwei Kinder. Die Familie lebt in Paris, die Eltern haben Arbeit, für die Kleinen stellen sie eine Nanny ein. Diese Nanny tötet beide Kinder. „Dann schlaf auch du“ heißt Leïla Slimanis Roman, der 2017 auf deutsch erschienen ist. Es war das zweite Buch der französisch-marokkanischen Schriftstellerin, ein preisgekrönter Bestseller. Nun hat der Luchterhand Verlag Slimanis Debüt in deutscher Übersetzung nachgereicht: „All das zu verlieren“ aus dem Jahr 2014.

Erneut ist die Handlung überwiegend in Paris angesiedelt. Das Spannungsfeld sozialer Unterschiede spielt diesmal keine Rolle, doch wieder bilden Überforderungen beim Aufrechterhalten der Fassade den Hintergrund eines psychologisch ausgeleuchteten Dramas.

Geschichte einer Gefangenschaft in Liebe und Lüge

Dies ist die Geschichte von Adèle, einer Journalisten, und ihrem Mann Richard, er ist Arzt. Unter dem Dach des Familiennamens Robinson wächst Sohn Lucien auf. Ihm stößt zwar nichts zu, das heißt jedoch nicht, dass er unversehrt aus dieser Sache herauskommen wird, soviel kann man sich denken. Wovon die Leser sofort erfahren, ist Adèles Obsession. Denn dies ist die Geschichte einer Gefangenschaft in Liebe und Lüge, von Sucht und Schmerz, Bevormundung und Erniedrigung. Leïla Slimani findet dafür eine Sprache, die schon fast so bezwingend und konzis ist wie in „Dann schlaf auch du.“ Noch dazu beim Beschreiben von Sexualität als Trieb, der im Moment seiner Erfüllung zu Gleichgültigkeit gerinnt: „Adèle hat viel in die Luft geguckt. Sie hat Dutzende von Decken gemustert, ist den Schnörkeln der Stuckverzierungen gefolgt, dem Schwingen der Kronleuchter. Lang ausgestreckt, auf der Seite liegend oder die Füße auf die Schultern des Mannes gestützt, hat Adèle den Blick gehoben. Sie hat die Risse eines abgeblätterten Anstrichs inspiziert, einen Wasserschaden festgestellt, einmal, in einem Wohnzimmer, das gleichzeitig als Kinderzimmer diente, hat sie Plastiksterne gezählt.“

Betrug verändert alles

Adèle, 35 ist sie und schön, will dazugehören. Aus diesem Grund hat sie geheiratet, aus diesem Grund hat sie vor drei Jahren Sohn Lucien bekommen. So hat sie sich „mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben, die ihr keiner mehr nehmen kann“. Doch Leere und Einsamkeit füllen ihre Tage. Die Befriedigung ihrer Sex-Sucht hält sie gesellschaftsfähig und führt sie gleichzeitig an den Abgrund. Einerseits wegen der Gefahr, aus der Gesellschaft verstoßen zu werden, andererseits wegen des Gefühls der Scham, doch wieder ihrer Schwäche erlegen zu sein. „Ihre Obsessionen verzehren sie. Sie kann nichts dagegen tun.“

Es geht hier auch um Fremd- und Selbstwahrnehmung, um Projektionen gesellschaftlicher Vereinbarungen, wenn Männer denken, dass Adèle ein kleines Luder ist, und manche Frauen sie als Vamp sehen. „Du bist genauso gewöhnlich wie wir“, sagt ihr Mann Richard nach einem Abend bei Freunden. „Wenn du das erstmal akzeptierst, wirst du sehr viel glücklicher sein.“ Er ahnt nichts.

Doppelleben mit Präzision

Betrug verändert alles. Er nimmt allem den Wert: den Erinnerungen, den Versprechen. Darum arrangiert Adèle ihr Doppelleben mit Präzision, „eine aufreibende Organisation, die sie ganz und gar in Beschlag nimmt“. Jedes Mal, wenn sie die Wohnung verlässt, „hat sie einen Stein im Magen. Sie kehrt wieder um, fürchtet, dass sie etwas vergessen, ein Beweisstück nicht beseitigt hat.“ Die Gefahr der Entdeckung treibt die Handlung voran und hält sie zusammen. Interessanter aber sind die Zerrissenheit und das Zwiespältige. Der Kontrolle, mit der Adèle auch den Hunger besiegt und so zumindest dieses Verlangen im Griff hat, steht ein Kontrollverlust gegenüber, wenn der Körper „gegen seinen Willen“ handelt.

Adèle hat der Anziehungskraft des Niederen und Obszönen nichts entgegenzusetzen, seit sie das zum ersten Mal gespürt hat: Angst und Lust, Abscheu und sexuelle Erregung. Ihr „ging es nicht um die Körper, sondern um die Situation. Genommen werden“, wenn sie mit Fremden mitgeht oder mit Kollegen. Die Gesichter der Sucht zeigen das immer gleiche Porträt, in dem Selbstbestimmung und Scheitern einander überlagern.

Oberfläche ohne Grund und ohne Kehrseite

Wie Leïla Slimani Situationen und Empfindungen deutlich macht, ohne zu viel zu sagen – das ist schlicht großartig. Auch wenn der Roman von Anfang an auf eine Katastrophe zusteuert, braucht er die Krise. Und die tritt ein, als Richard bei einem Unfall verletzt wird, für dessen Umstände Adèle sich die Schuld gibt. Ihr wird klar, dass sie Richards Tod für nicht die schlimmste Möglichkeit hält – doch ohne ihn nicht überlebensfähig wäre. In ihrer emotionalen Gefangenschaft sind Männer „die einzigen Bezugspunkte“, sie „wollte, dass sie sich nach ihr verzehrten, dass sie bereit waren, alles für sie aufzugeben, für sie, die nie etwas aufgegeben hat“. Wenn sie diesen Teil von sich aufgibt, „wird sie nur noch das sein, was alle sehen. Eine Oberfläche ohne Grund und ohne Kehrseite. Ein Körper ohne Schatten.“ Sie wäre Fassade, die anderen Fassaden gleicht. So möchte sie nicht leben.

Was Richard für seine Familie erträumt, ist ein Umzug aufs Land. Als gäbe es dort Sicherheit vor sich selbst und nicht weiter „ein Leben, bestehend aus Zwängen und Gewohnheiten“. Für Adèle bedeutet das: keine Arbeit, keine Freunde, kein Geld. Stattdessen ein Haus mit Garten, in dem der Winter gefangen hält und wo der Sommer etwas vorgaukelt. In so einer Zukunft sind Besitz und Ruhe die größten Versprechen. Es fehlt an nichts, sagen Menschen, wenn ihnen eigentlich alles zu viel ist.

Info: Leïla Slimani: „All das zu verlieren“, Luchterhand; 224 Seiten, 22 Euro

Janina Fleischer

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