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Kultur im Norden Künstler öffnen Türen
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19:16 04.11.2014
Bitte nicht stehenbleiben: Tim Adam (Kählstorf) und Claus Görtz (Schattin) haben auf dem Spazierweg am See eine durchlässige Grenze geschaffen. Einige der Türen lassen sich öffnen, andere nicht. Quelle: Fotos: Thorsten Wulff
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Ratzeburg

Eine Ausstellung will Verbindungen schaffen. Unter dem Titel „Brücken ins Paradies“ trägt der Lauenburgische Kunstverein auf seine Art und Weise zu den Feierlichkeiten anlässlich des Falls der deutsch-deutschen Grenze vor 25 Jahren bei. Die Freiluftausstellung ist eine Einladung zu einem Spaziergang durch den Garten des Kreismuseums in Ratzeburg.

Wundersames gibt es dort zwischen Herrenhaus und Domsee zu erleben: Kunst zum Ausruhen, eine märchenhafte Riesenschlange und eine verwunschene Prinzessin auf dem See, eine halbe Brücke, blühende Terrassen und mehr.

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Bevor Besucher in den Garten gelangen, werden sie jedoch am Zaun mit Plakaten empfangen. Miro Zahra, 1960 in Böhmen geboren und jetzt in Plüschow/Mecklenburg zu Hause, zeigt, worauf es vielen heute ankommt: Auf einem ovalen Auto-Nationalitätenkennzeichen stehen die drei Buchstaben „ICH“. Auch ein prominenter Plakatkünstler und Provokateur hat einen Beitrag geliefert: Klaus Staeck, einfallsreicher politischer Geist, hat Albrecht Dürers Holzschnitt „Die apokalyptischen Reiter“ in unsere Zeit transferiert. Die Bedrohungen sind andere geworden. In weißer Schrift auf rotem Untergrund schlagen Betrachtern vier Begriffe entgegen: „Amazon“, „Apple“, „Google“ und „Facebook“.

Der Mauerfall war für den Kreis Herzogtum Lauenburg, an der Nahtstelle der beiden deutschen Staaten gelegen, von besonderer Bedeutung. Die Beziehungen zwischen den Regionen im Westen und Osten lassen sich nach Ansicht des Kunstvereins jedoch durchaus intensivieren.

Vor zwei Jahren sei die Idee entstanden, eine Ausstellung zur Grenzöffnung vor 25 Jahren ins Leben zu rufen, sagt William Boehart, Vorsitzender des Vereins. Aber keine rückwärtsgewandte sollte es sein, keine, die sich „mit Trabis und Stacheldraht“ beschäftige, wie der Mustiner Objektkünstler Christian Egelhaaf hervorhebt. Ganz ohne Erinnerung kommen aber auch Künstler nicht aus. Die Ausstellung soll ein Beitrag zur Wiederbelebung verloren gegangener Aufbruchstimmung sein und eine Ermunterung, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, anstatt Entwicklungen nur zu erdulden.

Eine Ausschreibung brachte Künstler und Künstlerinnen aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Künstler-Paare bildeten sich, um gemeinsam für die Ausstellung zu arbeiten.

Tim Adam (Kählstorf) und Claus Görtz (Schattin) haben eine „durchlässige Grenze“ geschaffen. Viele verschiedene Türen stellen sich dem Betrachter auf dem Uferweg wie ein Wall in den Weg. Einige Türen lassen sich öffnen, andere nicht — eine Aufforderung, Barrieren zu überwinden. Von weit oben blickt eine grüne Schlange auf den See hinab. Die Arbeit der Möllner Künstlerin Heidemarie Ehlke lehnt sich an Goethes Märchen „Die grüne Schlange und die schöne Lilie“ an. Eine Prinzessin gibt es auch: Die Wasserlilie wartet auf dem See auf Erlösung.

Mit mehreren Arbeiten ist das Künstler-Ehepaar Sabine und Christian Egelhaaf vertreten. Eine halbe über eine Mauer gespannte Brücke aus Holzleisten, die mit Fahrradschläuchen verbunden sind, wartet auf Vollendung. Auf dem Uferweg gibt es eine „Hängebrücke“: Ein hölzerner Balken, mit Tauen an zwei Weiden befestigt, ist Sitzbank — Kunst zum Ausruhen. Und mit ihren „Blühenden Terrassen“ will Sabine Egelhaaf die Ost-West-Achse des Gartens sichtbar machen. Untertitel nach einem Lied von Ton, Steine, Scherben: „Wer soll die neue Welt bau‘n, wenn nicht du und ich!“

„Brücken ins Paradies“, bis 9. November. Heute (Sonntag) gibt es ab 16 Uhr im Rokokosaal des Kreismuseums eine Feier zum 30-jährigen Bestehen des Lauenburgischen Kunstvereins mit Vortrag von Gottfried Stockmar über „Brücken — Bau — Kunst“ und Goethes Märchen „Die grüne Schlange und die schöne Lilie“.

„Wir möchten mit dieser Ausstellung die Begeisterung nach der friedlichen Revolution wiederbeleben.“
William Boehart,
Lauenburgischer Kunstverein

Liliane Jolitz