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Kultur im Norden „Kultur darf auch kosten“
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18:10 30.12.2017

Konzert, Theater, Museum – wohin würden Sie gehen, wenn Sie heute die Wahl hätten?

 

„Das Orchester auch mal im Hafen spielen lassen“: Jan Lindenau im Audienzsaal des Lübecker Rathauses. Quelle: Foto: Wolfgang Maxwitat

Ich glaube, ins Theater. Da hat man Schauspiel, da gibt es Musik und beim Bühnenbild auch noch bildnerische Eindrücke.

Sind Sie häufig im Theater?

Zwei, drei Premieren im Jahr schaffe ich in der Regel. Aber es gibt keine besonderen Vorlieben. In der vorigen Spielzeit habe ich die „Comedian Harmonists“ sehr gern gesehen, aber da bin ich auch textsicher.

Das SPD-Kulturprogramm von 2016 bezeichnet Lübeck als „die Kulturstadt des Nordens“. Wie sehr liegt Ihnen Kultur am Herzen?

Sehr, weil sie einen großen Teil der Identität der Stadt ausmacht. Fragen danach, wie viel Kultur kosten darf und ob sie sich rechnen muss, sind der Tod für die Kulturszene in der Stadt. Kultur darf auch kosten. Kultur darf auch mal organisatorisch scheitern und Kosten verursachen, weil sich Kreativität und Kunst sonst nicht entfalten können. Wenn man Kultur nur rechnet und unter touristischen Aspekten betrachtet, geht etwas verloren. Wir müssen die Vielfalt stärken, die wir haben.

Kultur steht also gleichberechtigt neben Tourismus und Wirtschaft?

In einer Stadt wie Lübeck würde ich das ganz klar bejahen.

Nur knapp fünf Prozent des Haushalts entfallen auf kulturelle Zwecke. Wird es dabei bleiben?

Die prozentuale Betrachtung ist ja nicht nur von städtischen Mitteln abhängig. Ich werbe dafür, dass sich das Land stärker an der Theaterfinanzierung beteiligt. Und wenn wir an der Grundstruktur der kulturellen Ausstattung in der Stadt festhalten wollen, entstehen durch Preis- und Tarifsteigerungen automatisch Mehrausgaben – wie in anderen Bereichen auch.

Wird sich das Theater auch künftig Jahr für Jahr Sorgen machen müssen um seine Finanzierung?

Ich stehe dafür, dass das Theater in seiner heutigen Struktur Bestand hat. Es hat eine hohe Akzeptanz und Qualität, es leistet Beträchtliches an Eigenfinanzierung. Und den vernünftigen Umgang mit Geld dort wünschte ich mir auch von mancher städtischen Gesellschaft. Ich fände es toll, wenn das Theater noch mehr nach draußen ginge, um Orchester und Schauspiel für mehr Menschen in der Stadt erlebbar zu machen. Ich habe zum Beispiel angeregt, dass das Orchester mal im Hafen spielt.

Und die freie Szene in der Stadt?

Auch da haben wir große Potenziale. Die Gemeinschaft Lübecker Künstler etwa gehört zu Lübeck. Es kann nicht sein, dass ihre Jahresschau außerhalb der Stadt stattfindet. Darüber muss noch mal geredet werden. Bei der Theaternacht ist nicht einzusehen, dass alle beteiligten Einrichtungen tolle Arbeit leisten, aber keinen Cent vom Eintritt bekommen. Das werde ich angehen.

Die Macher der Kunsttankstelle beim Holstentor hängen in der Luft. Sie würden gern renovieren und sanieren, brauchen aber eine verlässliche Perspektive.

Ich habe das Projekt ja vor etwa zwei Jahren mit auf den Weg gebracht und bin im Moment in politischen Gesprächen, dass wir da eine Lösung finden. Real geht es am Ende nur darum, dass der Verein das Gebäude kaufen kann und wir einen Erbpachtvertrag abschließen. Dafür braucht man politische Mehrheiten, dafür werbe ich. Und ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen.

Es war mal im Gespräch, auf dem Grundstück ein Hotel zu bauen. Ist das vom Tisch?

Aus meiner Sicht ja. Wir dürfen nicht den Fehler machen, mitten im Unesco-Weltkulturerbe jeden Zentimeter durch möglichst hohen Geschossbau auszunutzen. Schon gar nicht an einer solch prominenten Stelle neben Holstentor und den Salzspeichern. Man könnte statt dessen die Kunsttankstelle einbinden in eine touristische Meile von dort über die Musik- und Kongresshalle und die „Alternative“ bis hin zur nördlichen Wallhalbinsel und dem Museumshafen.

Haben Sie sich ein zentrales Kulturprojekt vorgenommen für Ihre Amtszeit?

Ich würde gern bei den Projekten, die schon lange in der Schwebe hängen, endlich mal zu einem klaren Ergebnis kommen. Dazu gehört das Umweltbildungszentrum als Verbund aller beteiligten Akteure und nicht als Naturkundmuseum 2.0. Und dazu gehört die Völkerkundesammlung, die ins Bundesbankgebäude und ins Holstentor einziehen könnte. Ich hielte das für einen guten Weg.

Ohne Stiftungen würde vieles in Lübeck nicht laufen. Ist es eine Haltung, sich als Stadt darauf zu verlassen?

Die öffentlichen Kassen müssen für die kulturelle Grundversorgung aufkommen. Es ist gut, dass sich die Stiftungen in Lübeck engagieren, aber das sollte immer die Finanzierung des Besonderen sein.

Diese Balance müssen wir halten. Und es gibt sie in Lübeck, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung vielleicht eine andere ist.

Ihre Gegenkandidatin Frau Weiher hat im Wahlkampf gesagt, sie würde als Bürgermeisterin Kultur zur Chefsache machen. Sie auch?

Frau Weiher ist eine engagierte Kultursenatorin und hat damit eine wichtige Aufgabe in der Stadt. Man muss Kultur daher nicht zwingend zur Chefsache machen. Wenn ich allerdings feststellen muss, dass Dinge dauerhaft auf die lange Bank geschoben werden, wird der Chef auch mal eingreifen.

Ist es richtig, sich nicht noch einmal als europäische Kulturhauptstadt zu bewerben?

Ja, ich halte das für vernünftig. Das Geld für eine Bewerbung investieren wir viel besser in die Kultur vor Ort.

 Interview: Peter Intelmann

„Kulturstadt Europas“

Jan Lindenau (38, SPD) wird im Mai 2018 in der Nachfolge Bernd Saxes neuer Bürgermeister – der jüngste, den Lübeck je hatte. Von den drei Nobelpreisträgern der Stadt ist ihm Willy Brandt am nächsten. Von dem früheren Bundeskanzler hat er jedenfalls am meisten gelesen. Thomas Manns „Buddenbrooks“, die er als Hörbuch genossen hat, würde er gern mal „für unsere Zeit umschreiben, also mit heute in der Stadt lebenden Personen“. Die 875-Jahr-Feier im neuen Jahr werde deutlich machen, „dass wir in einer Kulturstadt Europas leben und eine Menge zu bieten haben“.

LN