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Kultur im Norden Wie bekommen Sie die Stars nach Lübeck, Herr Gollan?
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08:30 07.10.2019
Abfallunternehmen und Kulturwerft – beides ist für Inhaber Thilo Gollan „Rock’n’ Roll“. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Wer ist der Mann, der hinter der Kulturwerft steckt? Was treibt ihn an und wie kommt man von Recycling zu Konzerten und Kunst? Wir haben bei Inhaber Thilo Gollan (53) nachgefragt.

Herr Gollan, dann verraten Sie mal, was Abfallwirtschaft und Kulturevents gemeinsam haben.

Im Prinzip ist beides Rock’n Roll. Hoch, tief, laut, leise, rau, roh, verbraucht, wiederbelebbar und von einem zum nächsten. Das erlebe ich täglich in beiden Bereichen, in denen ich tätig bin. Letztendlich ist die Abfallwirtschaft für mich wie ein Fraktal – man beschäftigt sich mit Rohstoffen und überlegt, was man damit machen könnte. Das hört nicht auf, das wird nicht langweilig. Und so ähnlich ist das mit dem Rohstoff Kultur auch.

Wobei das Eine, nämlich die Kultur, Ihnen aufgrund der Firmenfeier 2014 förmlich in den Schoß gefallen ist...

So ungefähr. Nachdem wir die still gelegte Werft entdeckt und 2011 aus der Insolvenz erworben hatten, wollte ich nicht nur einen logistisch günstigen Firmen-Standort in Lübeck, sondern war auch so angetan von den Möglichkeiten, die die Werft bietet. Wir sind damals durch die Hallen gegangen und haben so viel Geschichte auf diesem Industriegelände entdeckt. Einige Arbeitsplätze waren noch so unberührt, wie sie vor Jahrzehnten, als hier noch die Werftindustrie, ansässig war, verlassen wurden. Das war einfach cool –und daraus wollte ich was machen.

Historischer Rückblick

Das Gelände rund um die Kulturwerftist eines der ältesten Industriegelände Schleswig-Holsteins. Die Werftindustrie war einmal einer der größten Arbeitgeber in Lübeck.

Die Roddenkoppel ist traditionell ein Hafen- und Industriegebiet am westlichen Ufer der Trave gegenüber der nördlichen Wallhalbinsel und dem Burgtorhafen. Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1980er-Jahre war es geprägt von Maschinen- und Schiffbauindustrie. Die Lübecker Maschinenbau-Gesellschaft (LMG)dominierte das Gelände.

Die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem Jahr 1870. Bis 2010 wurden hier unter anderem Spezialschiffe, Nass- und Trockenbagger gebaut, zunächst von der Lübecker Maschinenbau Gesellschaft (LMG), später von Orenstein & Koppel und Krupp Fördertechnik. Orenstein & Koppelwar spezialisiert auf Schiffsbagger, auch der Großmaschinenbau und die Fertigung von Windkraftanlagen gehörten zum Fertigungsprogramm. O&K fusionierte 1950 mit der Lübecker Maschinenbau Gesellschaft (LMG).

Durch den Bebauungsplan, den die Bürgerschaft 2015 beschloss, ist die Roddenkoppel nicht mehr Industrie-, sondern Gewerbegebiet. Heute nutzen das Gelände neben der verkleinerten LMG (Maschinenbau) die Unternehmen Lagerhaus Lübeck, Gollan Recycling und Nordic Rail Service – unter Denkmalschutz stehen die Tudorhalle, eine ehemalige Schiffbauhalle auf dem LMG-Gelände, und der Spitzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gollan-Gelände.

Was genau?

Ein neues Kapitel an diesem Ort aufschlagen. Wir hätten auch abreißen können, weil das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, aber das wollte ich nicht und die Firmenfeier hat gezeigt: Es geht mehr!

Und das Musikerherz in Ihnen schlug auf...

Anfangs noch nicht. Anfangs gab es nur das Gelände und den Wunsch, irgendwas für möglichst viele Lübecker zu machen, weil hier dieses Areal für viele Firmen und Familien einst eine große Bedeutung hatte. Meine Frau und ich wussten zwar nicht, wo der Weg hinführt, aber wir wollten diesen Standort unbedingt wieder beleben.

Als hier noch keine Kultur sondern Schiffe geschaffen wurden

Der Weg war das Ziel?

Genau. Wir wollten den Ort in seiner Ursprungsarchitektur lassen und eine Stätte aus der Region für die Region schaffen. Und wir hatten durch unser Unternehmen einen Vorteil, weil wir von Haus aus Bagger, Container und Geräte schon mitgebracht haben. So war Vieles für uns sehr viel schneller in die Wege geleitet, als wenn zum Beispiel die Stadt das Gelände gekauft hätte.

Wann kam die Musik ins Spiel? Sie selbst sind ja sehr musikaffin.

Ich spiele zwar kein Instrument, aber ich höre Musik sehr gerne. Am liebsten die mit den schreienden Menschen und den schrabbeligen Gitarren.

Metal?

Metal –und den guten alten Hard-Rock.

Wie ein altes Industriegebiet wieder zum Leben erweckt wurde.

Und Sie gehen selbst auch gern auf Festivals.

Ja, da ist aus privatem Interesse im Laufe der Zeit der Beruf geworden. Anfangs hab ich noch relativ unwissend auf das Projekt Kultur eingelassen – bin auf Konzerte und Festivals gegangen, die mich interessiert haben, habe Künstler gesehen und Veranstalter angesprochen. So wurde das Netzwerk immer größer. Ich hatte zwar keine Ahnung vom Veranstaltungswesen – aber Lust auf Events und Rückenwind.

Von wem?

Von meiner Frau und von der Stadt.

Die Kulturwerft ist ein privates Unternehmen – wie gehen die städtischen Spielstätten damit um?

Sehr positiv.

Und die Stadt selbst? Machen Auflagen Ihnen das Leben hier schwer?

Nein, im Gegenteil. Wir bekommen viel Zuspruch und Unterstützung.

Und wie schaffen Sie es nun, Acts wie Foreigner oder Fünf Sterne Deluxe nach Lübeck zu holen?

So, wie ich angefangen habe. Ohne große Ahnung, aber mit einer Vision und einem inzwischen tollen Team, in dem jeder sein Know How mitbringt – so entstehen neue Ideen und Events in einem gemeinsamen Prozess. Und das begeistert mich. Mir wurde erst im Laufe der Zeit klar, wie besonders dieser Ort ist. Lage, Historie und Möglichkeiten sorgen für ein gutes Karma.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem sie realisiert haben, was Sie hier auf die Beine gestellt haben?

Das kam nach und nach. Der Masterplan im Kopf reifte mit der Zeit. Als sich mit der Zeit zeigte, welche Möglichkeiten sich hier ergeben, wollte ich eben nicht nur vermieten sondern auch selbst ausrichten.

Noch mehr Beiträge zur Kulturwerft gibt es auf unserer Themenseite

Erinnern Sie sich an das erste Konzert hier in der Kulturwerft?

Das erste Event war eine Messe. Und das erste Konzert war ein Konzert des SHMF. Die hatte ich angesprochen, ich glaube 2014 war das. Da gab es hier noch nicht mal Toiletten, aber das war ja alles Teil des Prozesses. Mit den Anfragen kamen die Anforderungen. Und mit den Anforderungen entstand immer ein neuer Teil des Ziels.

Was ist das Ziel?

Wir hatten uns hier ja immer schon eine Art Begegnungsstätte gewünscht, keinen reinen Event-Club sondern eine große Ansiedlung von Kultur, Kunst und Kulturschaffenden, die hier zusammen ein großes Ganzes auf die Beine stellen und immer weiter wachsen.

Und das – weil es nicht städtisch ist – aus eigener Tasche finanziert?

Das ist zwar aufwändiger und rechnet sich nicht immer, aber ich muss niemanden überzeugen, hier etwas machen zu dürfen. Nur mich selbst. Und so probieren wir uns eben aus und kommen auf Konzertideen und neue Konzepte, die neu und anders sind.

Und teuer...

Ein Plusminusnull irgendwann wäre toll. Im Moment investiere ich aber mehr als ich mit der Kulturwerft verdiene.

Was treibt Sie an?

Die Werft ist meine Passion geworden, ein Teil meiner persönlichen Erfüllung.

Wie teilen Sie Ihre Ressourcen auf, als Unternehmer der Abfallwirtschaft und als Kulturschaffender?

Mittlerweile nimmt die Kulturwerft viel Raum ein, weil viel ansteht und das Team immer größer wird. Ich bin hauptsächlich an unserem Standort in Neustadt und einen festen Tag in der Woche in Lübeck – aber die Tage in der Werft werden immer mehr.

Die Kulturwerft in Zahlen

Gegenüber der nördlichen Wallhalbinsel mit Blick auf die schöne Altstadt liegt das rund fünf Hektar große Gelände mit insgesamt 30 Hallen.

Das ehemalige Werftgelände in der Einsiedelstraße 6 kann auf eine 135-jährige Geschichtezurückblicken.

Insgesamt 53 000 Quadratmeter, davon 17 000 Quadratmeter Hallenflächeund 160 Meter Kai-Linie an der Trave hat Thilo Gollan 2011 aus einer Insolvenz gekauft.

Die Feier zum 60. Firmenjubiläum von Gollan im September 2015 mit mehr als 1000 Gästen war wie die Generalprobe für das Projekt Kulturwerft. Dazu mussten 2500 Tonnen Schutt und Altlastenaus den Hallen geschafft, Gestrüpp und Farne entfernt, Fenster und Dächer erneuert werden.

2017 gab es mehr als 1o0 Veranstaltungenauf dem Areal der Rodenkoppel, darunter auch die Wahlkampfarena zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD).

Die große Halle bietet Platz für rund 2500 Gäste.

Im November kommen Jethro Tull, die Donuts und Sänger Joris in die Hallen. Haben Sie da wieder genetztwerkt?

Ja. Manchmal nutze ich auch gern Kontakte, die ich zum Beispiel über die Abfallentsorgung habe – und daraus ergibt sich dann wieder was Neues. Und dann ist da auch noch mein Team, darunter eine sehr erfahrene Bookerin aus Wien, die ich eingestellt habe und die viel Erfahrung im Bereich Hip Hop und Pop hat. Um Jethro Tull hab ich mich selbst gekümmert, bei Santiano hatte ich Glück über einen Wacken-Kontakt an die Band zu kommen.

Sind Sie Wacken-Fan?

Mittlerweile ja.

Und hört Ihre Frau auch gerne Rockmusik?

Nee. Der ist mein Geschmack dann doch zu speziell.

Sind Ihre Kinder schon im Festival-Alter?

Mein ältester Sohn ist 18, der gibt mir auch noch mal einen guten, neuen Input.

Gibt es noch einen Act, den Sie persönlich noch gerne nach Lübeck holen würden?

Viele. Aber was mir am Herzen liegt, wäre mal ein großes Open-Air-Konzert auf der Kai-Fläche mit der Stadt zusammen, damit möglichst viele Menschen etwas davon haben.

Sind Sie per Du mit den Stars?

Oft, ja. Wir halten es hinter den Kulissen sehr familiär und sitzen nach den Events auch gern noch Backstage mit den Künstlern zusammen. Und auch dabei ergeben sich wieder neue Möglichkeiten.

Ausprobieren und netzwerken – ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

Inzwischen habe ich ganz konkrete Pläne auf meinem Weg zur Begegnungsstätte. Hier gibt es noch so viele Räume, die man beleben kann. Als Restaurant, als Kneipe, als Atelier. Da bin ich schon am Planen mit Architekten. Das alles ist wie eine Perlenkette mit vielen einzelnen Perlen, die wir aufstecken.

Fehlt nur noch die Brücke zur Stadt...

Ja, eine Verbindung im wahrsten Sinne des Wortes, wäre toll. Die Pontonbrücke des Architektur Forum Lübeck im September war ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

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Von Schabnam Tafazoli