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Kultur im Norden Kunsthalle Kiel zeigt Lotte Laserstein
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Kunsthalle Kiel zeigt Lotte Laserstein
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08:00 23.09.2019
Ein Besucher vor Gemälden von Lotte Laserstein in der Kunsthalle Kiel. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Sie schauen den Betrachter an aus großen, dunklen Augen – versonnen, in sich gekehrt oder mit selbstbewusster Entschlossenheit. Den Blicken der Menschen auf den Porträts von Lotte Laserstein (1898-1993) kann man sich kaum entziehen. „Von Angesicht zu Angesicht“ heißt die Ausstellung mit Werken der Künstlerin, die 1937 nach Schweden emigrierte, nachdem die Nationalsozialisten sie aufgrund jüdischer Verwandter als Jüdin „eingestuft“ und ihr die Ausübung ihres Berufes unmöglich gemacht hatten.

Nach dem Städel Museum in Frankfurt und Berlin, wo die Ausstellung in der Berlinischen Galerie gezeigt wurde, ist die Kieler Kunsthalle die dritte Station der Schau. Von Kunsthallendirektorin Anette Hüsch zusammen mit Regina Göckede kuratiert, wurde sie um bisher kaum öffentlich gezeigte Werke ergänzt.

Ausgewählte Exponate

Wie in Frankfurt und Berlin liegt auch in Kiel der Fokus auf ausgewählten Exponaten aus dem Hauptwerk der Künstlerin, entstanden in den Jahren der Weimarer Republik. Obwohl im Umfang vergleichsweise gering, spiegelt sich hier ein vielseitiges kreatives Schaffen, das mit der Emigration einen markanten Bruch erkennen lässt – im schwedischen Exil musste Laserstein sich mit Auftragsarbeiten den Lebensunterhalt verdienen.

Lotte Laserstein zählt zu den wichtigen Wiederentdeckungen der letzten Jahre. 2003 präsentierte das Museum Ephraim Palais in Berlin eine erste Retrospektive der Malerin, die einst in ganz Deutschland bekannt war.

Ihre Gemälde, darunter viele Selbstporträts, spiegeln unter anderem den Typus der Neuen Frau. Befreit vom Korsett der Kaiserzeit, ist diese Frau selbstbewusst, trägt bequeme Kleidung, das Haar ist kurz geschnitten.

„Als ich fünf war, hatte ich einen sieben Jahre alten Verehrer“, wird die Künstlerin zitiert. „Schon damals sagte ich zu ihm: ,Verschwende nicht deine Zeit. Ich werde mein Leben der Kunst widmen’.“ Eine Tante unterrichtet das Kind in ihrer Malschule, später studiert Lotte als eine der ersten Frauen an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.

Abstrakte Avantgarde

Geschult am Realismus des 19.Jahrhunderts entwickelt sie eine Bildsprache jenseits der Neuen Sachlichkeit und der Abstrakten Avantgarde, die in den 1920er und 30er Jahren den Ton angeben. Gedeckte, erdige Farbtöne beherrschen die Palette ihrer sensiblen Gemälde.

Ihr Motiv ist der Mensch, sie malt Freunde und Weggefährten, deren Persönlichkeit sie versiert einzufangen versteht. Ihr Hauptmodell ist Traute Rose. Die Freundin inszeniert sie in wechselnden Rollen – leger als Tennisspielerin oder mondän mit Krawatte, sorgenvoll als Ehefrau oder als Aktmodell im Atelier. Nicht selten ist Laserstein auf den Aktgemälden selbst zu sehen: Mit Pinsel und Palette in der Hand wird die akademisch ausgebildete Künstlerin zur relevanten Komponente der Bildkonzeption.

Im der weitgehend chronologisch aufgebauten Ausstellung folgt auf die unbeschwerten 1920er Jahre die Zeit der Krisen und der bösen Vorahnungen. Auch hier transportiert Laserstein Gefühle von Depression und Desillusionierung, von Sorge und Angst vor Unterdrückung in atmosphärisch dicht komponierten Menschenbildern.

Tod in Schweden

Als die Zeit der Redefreiheit bedroht ist, malt sie „Die Unterhaltung“ (1934). Drei Männer diskutieren hier lebhaft miteinander, eingepfercht in einem dunklen Raum. Gänzlich verstummt scheint die Gesellschaft auf dem Gruppenbild „Abend über Potsdam“ (1930), das als das wichtigste Gemälde von Lotte Laserstein gilt.

1937 nutzt sie eine Einladung der Stockholmer Galerie der Moderne, um Deutschland zu verlassen. Gleichzeitig gelingt es ihr, einen Großteil ihres Werkes mit nach Schweden zu nehmen, wo sie bis zu ihrem Tod im Alter von 94 Jahren bleibt.

Kunsthalle zu Kiel, Düsternbrooker Weg 1. Bis 19. Januar. Begleitprogramm: u. a. Führung mit der Kuratorin (9. 10., 1. 12.), Revue zu Lotte Laserstein – ein Abend mit Chansons und Gedichten der 20er und 30er Jahre (1. 11.). Alle Infos und Termine unter www.kunsthalle-kiel.de

Von Sabine Tholund