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Kultur im Norden Jason Clarke über die Kunst der Vergebung
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18:09 12.04.2019
Der Australier Jason Clarke (50) war lange der Mann für die Nebenrollen. Mit „Niemandsland“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ nahm Hollywood ihn jetzt in den Fokus. Quelle: Foto: Getty images
London

Vielseitigkeit – das zeichnete Jason Clarke in den bald 25 Jahren Berufserfahrung schon immer aus. Wir trafen uns mit dem 50-Jährigen in London.Vielseitigkeit – das zeichnete Jason Clarke in den bald 25 Jahren Berufserfahrung schon immer aus. Wir trafen uns mit dem 50-Jährigen in London.

Jason, wie hat Ihnen denn Hamburg als Drehort gefallen, wo Sie „Niemandsland“ gedreht haben?

Ich war begeistert! Wir waren im Winter da und konnten von unserem Lieblings-Fischrestaurant auf das gefrorene Wasser der Elbe sehen. Die Dreharbeiten fanden unter der Woche eine Stunde nördlich von Hamburg statt. Leider habe ich den Besuch der Elbphilharmonie verpasst – und das als Musikfreak! Ich bin ganz vernarrt in klassische Musik und versuche mich in dem Bereich etwas weiterzubilden.

„Die Magie des Moments einfangen“

Wer oder was begeistert Sie besonders?

Violinkonzerte. „The Lark Ascending“ von Robert Vaughan Williams ist das schönste Musikstück, das ich je gehört habe! Es basiert auf einem Gedicht, das während des Ersten Weltkriegs verfasst wurde und von ihm dann in ein Violinkonzert verwandelt wurde. Für „Die Macht des Bösen“, in dem ich Reinhard Heydrich darstelle, habe ich sogar gelernt, Violine zu spielen. Jetzt kann ich’s schon nicht mehr, denn man muss ständig üben.

Sie kennen Ihre „Niemandsland“-Filmgattin Keira Knightley schon vom Film „Everest“. Sind Sie ein eingespieltes Team bei diesem Drama?

Auf jeden Fall, es hat uns beiden die Arbeit ungemein erleichtert. Natürlich hatten wir hier beide immer noch herausfordernde Figuren zu spielen, aber zumindest war die Arbeit angenehmer, weil man sich menschlich schon vertraut. Wir mussten die Szenen vorher nicht totreden, sondern konnten relativ schnell loslegen und dann die Magie des Moments einfangen.

Sir Ridley Scott hat den Film produziert. Seine eigene Biographie spiegelt sich im Film, er hat als Junge selbst über Monate im Nachkriegsdeutschland gelebt, sein Vater sollte den Wiederaufbau unterstützen. Konnten Sie mit ihm über seine Zeit in Hamburg sprechen?

Ja. Ridley erzählte mir, dass er all die Jahre an dieser Geschichte festgehalten hat und sie unbedingt ins Kino bringen wollte, weil er es den Menschen seiner Kindheit schuldete. Für die Europäer war der Zweite Weltkrieg das Ende der Welt. Man hatte sich so lange bekämpft. Aber danach mussten die Menschen sich zusammenreißen und zusammenarbeiten, um Europa wiederaufzubauen. Meine Figur Lewis steht symbolisch für die vielen Menschen, die lernen mussten, dem früheren Feind wieder auf Augenhöhe zu begegnen. Zusammen haben sie den Krieg hinter sich gelassen und Europa eine Zukunft gegeben. Diesen Menschen wollte Ridley mit „Niemandsland“ ein Denkmal setzten.

Um einen Satz aus „Niemandsland“ zu zitieren: „Es ist nicht der Krieg, der aus uns wahre Männer macht.“

Ein wunderbarer Satz! Lewis hat keine Ahnung, wie er ein Mann sein soll - er weiß nicht mal, wie er sich seiner Frau nähern soll. Er hat Angst vor Intimität, Angst, sich zu öffnen, er hat den Verlust seines Sohnes nicht verarbeitet. … Dennoch war er und diese britischen Männer sich ihrer Verantwortung bewusst, dass man Deutschland nicht im Stich lassen kann. Es bringt nichts, sich gegenseitig die Schuld für den Schrecken des Krieges zu geben. Genau das hat nach dem Ersten Weltkrieg direkt zum Zweiten Weltkrieg geführt! Man muss Schuld hinter sich lassen und zusammen für eine bessere Zukunft arbeiten.

Finden Sie es leicht, so uneingeschränkt zu vergeben?

Für mich geht es in „Niemandsland“ um die menschlichste Sache der Welt – egal ob im Kontext eines Krieges oder einer Ehe: Man muss die Hand ausstrecken und sich mit dem anderen verbinden können. Man muss miteinander auskommen und kommunizieren. Es geht um Menschlichkeit, darum, für einander da zu sein statt wegzusehen.

„Als würde man in der Zeit zurückreisen“

Sie sind Australier. Haben historische Stoffe deshalb einen besonderen Reiz für Sie?

Auf jeden Fall. In meiner Heimat werden solche Filme nicht realisiert, weil wir weder das Budget dafür haben noch die historische Fülle, auf die wir zurückgreifen können. Ich bin mit den großen Dramen der britischen BBC aufgewachsen und habe immer davon geträumt, in solch epischen Werken mitspielen zu können. Das fühlt sich an, als würde man in der Zeit zurückreisen können.

Wie entscheiden Sie im Allgemeinen, welche Rollen Sie annehmen?

Ich reserviere mir immer Zeit für das Lesen von Skripts. Wenn ich in dieser Zeit oft in die Küche runtergehe oder sonstige Dinge erledige, weiß ich, dass das Drehbuch nicht das Richtige für mich war. Davon abgesehen versuche ich etwas Abwechslung zu bekommen und nicht nur ähnliche Figuren zu spielen. Nach „Friedhof der Kuscheltiere“ hatte ich Lust auf eine Liebesgeschichte oder einen Kostümfilm. Der Dreh war so düster, dass ich danach unbedingt Ablenkung brauchte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe den Film und die Buchvorlage von Stephen King. Aber die nach monatelanger Konfrontation mit toten Kindern und ausgehobenen Gräbern hatte ich das Gefühl, einfach ausgebrannt zu sein. Trauer ist ein Thema, das mich völlig überwältigen kann. Deshalb war es mir wichtig, nach „Friedhof der Kuscheltiere“ etwas ganz anderes zu drehen. Die ständige Beschäftigung mit toten Kindern war mir irgendwann zu viel.

. Außerdem ich bin etwas abergläubisch, deshalb wollte ich einen Schlussstrich unter das Thema ziehen, damit es mich nicht irgendwann privat einholt.

Das ist sicher etwas sehr Seltenes, wenn ein Profi so von einem Dreh so verschlungen wird...

Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ wurde bereits einmal verfilmt. Wie sehr haben Sie sich an dieser Version orientiert?

Gar nicht, ich habe das Original nicht mal gesehen! Wir wollten eine ganz eigene Version dieses Kultromans erschaffen. Die Inspiration für meine Rolle kam aus dem neuen Drehbuch. Die Buchvorlage hat mir aber sehr geholfen, um in die richtige Stimmung für den Dreh zu kommen: Ich hatte sie immer als Hörbuch dabei. Die Beschreibung, wie nachts ein Grab geöffnet und ein Sarg entnommen wird, ist fantastisch.

Wissen Sie, wie Stephen King auf Ihren Film reagiert hat?

Glücklicherweise sehr positiv. Er findet ihn richtig gruselig. Soweit ich weiß, wollte er sein Buch damals gar nicht veröffentlichen, weil er es für zu verstörend hielt.

Warum wollten Sie überhaupt Schauspieler werden?

Die größte Motivation war wohl, reisen zu können. Meine Welt kam mir damals sehr klein vor: Wir waren eine Arbeiterfamilie und lebten auf dem Land. Meinen Horizont habe ich erweitert, indem ich in der Bibliothek Bücher über Ägypten, Rom oder England las. Oder auch historische Romane wie „Stolz und Vorurteil“ – ich wollte andere Welten kennenlernen. Meine Abenteuerlust hat mich dann zur Schauspielerei gebracht.

Wie hart war es, sich dann im Filmgeschäft auch durchzusetzen?

Es ist noch immer hart! In der Filmwelt wird mit immer härteren Bandagen gekämpft. Buchhalter und Kapitalanleger entscheiden inzwischen, was in Hollywood gemacht wird. Alles dreht sich ums Geld - als Schauspieler muss man sehen, wo man bleibt. Wir versuchen alle, unseren Traum zu leben, aber es wird zunehmend schwerer, sich dabei nicht zu verbiegen. Und natürlich wollen wir der nächsten Generation von Schauspielern eine Branche hinterlassen, in der man sich verwirklichen kann statt nur Auftragsarbeiten zu erledigen.

Welche Filme haben Sie inspiriert, als Sie ein junger Schauspieler waren?

Es gibt Filme, die ich bis heute auf meinem I-Pad habe und in Drehpausen anschaue. „Erbarmungslos“ ist so ein Film, oder auch „Lawrence von Arabien“, außerdem „Endstation Sehnsucht“ , „Wiedersehen mit Brideshead“ und „Der Pate“ natürlich! Ich liebe auch den ersten Teil von „Matrix“. Was für ein visuell atemberaubender Actionfilm! Und „Blade Runner“ darf ich auch nicht vergessen! Ich mag aber auch deutsche Filme. Vor kurzem ist ja Bruno Ganz verstorben. Er war eine Wucht, seine Filme waren unglaublich!

Welche Erwartungen hatten Sie einst an Ihre Karriere, und wurden sie dennoch übertroffen?

Oh ja, absolut. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich möchte aber auch weitere Ziele erreichen und immer besser werden. Ich glaube nicht, dass ich ein perfekter Schauspieler bin - in meinen Augen gibt es so etwas wie Perfektion nicht mal. Schauspiel muss lebendig sein, das ist das Wichtigste. Ansonsten gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ in unserem Beruf. Man arbeitet ständig an sich, um besser zu werden und kann sich auf seinem Erfolg nie ausruhen.

Was sind für Sie die Nachteile und nervigen Momente Ihres Jobs?

Ich bin z.B. viel unterwegs und vermisse meine Kinder oft. Dann denke ich wieder daran, was für ein Privileg es ist, First Class zu fliegen und dabei Leute wie Charlie Watts von den Stones zu treffen oder John Kerry, den ehemaligen US-Außenminister - beide saßen gerade im gleichen Flieger nach London wie ich.(lacht) Früher war ich der Sohn eines Farmers und habe auf dem Land gelebt. Jetzt habe ich ein ganz anderes Leben und bin sehr dankbar dafür.

Wo leben Sie heute? Australien ist sicher zu weit ab vom Schuß...

Ich pendele zwischen den USA und Paris, denn meine Frau ist Französin. Ich fühle mich in Europa aber auch sehr wohl. Vor drei Wochen habe ich mit meinen beiden Kindern Australien besucht. Nach dem langen Rückflug war ich beruflich acht Tage in Montreal, dann in London und von hier wieder zurück nach Amerika, nachAlabama. Ich bin nur auf Achse! Das kann schon schlauchen.

Mariam Schaghaghi

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