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Kultur im Norden Im Tonfink gehören Musiker zur Familie
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Im Tonfink gehören Musiker zur Familie
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16:58 30.03.2019
„Das ganze Viertel ist unsere Community“: Tonfink-Betreiber René Kragl und Carolin Peter haben einen guten Draht zu den Nachbarn. Quelle: Agentur 54°
Lübeck

Manche Menschen seufzen, wenn sie sich zur Arbeit aufmachen müssen. René Kragl gehört nicht dazu: „Ich freue mich darauf.“ Seiner Geschäftspartnerin Carolin Peter (54) geht es ebenso. Für sie sind Musiker und Gäste wie eine Familie – „aber eine von mir selbst bestimmte“.

Seit 2011 betreiben sie das Kulturcafé „Tonfink“. Die beiden kannten sich schon aus der Kinoszene. René hat am Jungfernstieg in Hamburgs Filmtheater „Streits“ gearbeitet, in Lübeck das Kino „Hoffnung“ geleitet. Für den gelernten Handwerker, der zuvor zehn Jahre als Ausbilder gearbeitet hatte, war klar, dass er in der Kulturszene bleiben möchte. Carolin übte ihren studierten Beruf Sozialpädagogin nie aus, sondern leitete das „2,50“ und das Filmhaus an der Königstraße. Beide wollten etwas anderes machen, weg vom zunehmenden Kommerz.

Gute Akustik als Bonus

Als sie sich in der Museumsnacht 2011 in Lübeck trafen, entstand die Idee, einen Musikclub zu eröffnen. Sie fackelten nicht lange und übernahmen die Räumlichkeiten an der Großen Burgstraße 46, die seit dem Bau des Hauses 1890 bereits für Gastronomie angelegt waren. Dann bauten sie passend zur holzvertäfelten Decke eine Barwand ein, die wirkt, als gehöre sie seit Ewigkeiten zum Gebäude. Ein Bonus, mit dem sie gar nicht gerechnet hatten, ist die gute Akustik.

Ein Netzwerk brachten beide mit, vor allem Carolin, wie René erzählt: „Sie war hier bekannt wie ein bunter Hund.“ Und kochen mochte sie partout nicht. Jetzt verwöhnt sie ihre Gäste mit selbst gebackenem Kuchen und bestückt die Speisekarte in einer Weise, die ihr viel Lob einbringe, wie René betont. „Das habe ich meiner Oma zu verdanken“, wirft Carolin ein.

Hohle Mopsfigur

Bei den Musikern hat sich die Location längst herumgesprochen, mittlerweile gibt es eine international besetzte Warteliste. Kontakte reichen bis in die USA, nach Australien oder Großbritannien. Viele machen auf ihren Touren im „Tonfink“ Halt, wenn sie in Berlin oder Hamburg spielen oder auf dem Weg nach Skandinavien sind. Gezahlt wird in die Hutkasse, eine immer noch namenlose hohle schwarze Mopsfigur. „Wir wollten die Hemmschwelle für Konzertbesucher so gering wie möglich halten“, betont René.

Das Konzept ging auf. Ans Aufgeben dachten die beiden bisher noch nicht. Aber zur Selbstständigkeit, stellt René klar, gehörten nun mal auch jene dunklen Tage, an denen alles nur noch schwierig und sperrig erscheine; etwa, wenn die Kaffeemaschine streike, der Keller mal unter Wasser stehe oder ein Jahrhundertsommer wie der letzte die Leute an die Strände treibe anstatt in den „Tonfink“. Dann gebe es nur zwei Optionen, sagt Carolin Peter: aufgeben oder erst recht weiter machen und noch mehr Musik anbieten. Ob das die Leute vom Wasser ins Kulturcafé gelockt habe? „Nein“, meint René Kragl, „aber uns selbst hat es geholfen“. Carolin Peter bestätigt: „Für uns geht es immer nur nach vorne.“

Im Bett auf und ab gesprungen

Für den guten Draht zu ihren Nachbarn sind sie dankbar. Zu einer belebten Innenstadt gehöre eben beides, so Carolin: eine vitale Kulturszene mit Musik – aber auch Leute, die gern in der Stadt wohnen und sie beleben. Und René Kragl berichtet, wie schon mal eine junge Mutter vorbeigekommen sei, deren Nachwuchs gut gelaunt zur Musik im „Tonfink“ im Bett auf- und absprang, anstatt einzuschlafen. Dann Rücksicht zu nehmen, ist für den dreifachen Vater selbstverständlich: „Wir hatten damals den Fehler gemacht, die Fenster offen zu lassen.“ Um 22 Uhr sei Schluss mit Live, „auch wenn es den Umsätzen schadet“. Mit der Nachbarschaft bleibe man ohnehin stets im Gespräch. „Das ganze Viertel ist unsere Community.“

Auf die Frage nach besonders schönen Momenten mag sich Carolin Peter nicht festlegen. Davon gebe es einfach zu viele. „Erst gestern, das Konzert …“ schwärmt sie. René Kragl geht es ähnlich, dennoch blieb ihm ein vollkommen verkorkster Konzertauftakt in Erinnerung, als wegen starken Schneegestöbers die Combo zu spät eintraf und aufgrund des Wetters nur zehn Gäste eintrudelten. Die Musiker verzichteten auf eine Verstärkung und legten los. „Ich hatte richtig Gänsehaut.“ Denn da sei sie wieder gewesen, jene magische Verbindung zwischen Künstlern und Publikum. Und dann ist man eben da, wo man ist, genau richtig.

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Margitta True