Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Lese-Marathon in Lübecks Altstadt
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Lese-Marathon in Lübecks Altstadt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:39 25.02.2019
Literaturnacht Große Kiesau: Alan Schweingruber liest im Burgtor
Literaturnacht Große Kiesau: Alan Schweingruber liest im Burgtor Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Anzeige
Lübeck

Die 13. Groß Kiesauer Literaturnacht fand in 18 Häusern der Altstadtinsel statt. Zum ersten Mal beteiligten sich Lou Arndt und Max Zeidler, seit zwei Jahren Mieter der Wohnung und ehemaligen Weberwerkstatt im Burgtor, als Gastgeber der Große Kiesau Literaturnacht. Im zugleich anheimelnd privaten und historischen Ambiente des sogenannten Turmzimmers las der Schweizer Autor und Journalist Alan Schweingruber drei Textpassagen aus seinem Debütroman „Simona“, erschienen im Herbst 2018 im Frankfurter Verlag weissbooks. Die erste, hochdramatische Szene packte die Zuhörer besonders, sie ist am Morgen nach dem Terroranschlag mit einem LKW auf der Strandpromenade von Nizza im Juli 2016 angesiedelt: Simona, „eine Frau Mitte 30, die glücklich sein könnte, aber es nicht ist“ (Schweingruber), macht mit Mann und Tochter in der französischen Hafenstadt Urlaub. Doch sie sucht Abstand, verbringt die Nacht ohne ihre Familie und mit einem anderen Mann. In einer detailreichen, bildhaften Sprache schildert Schweingruber die quälende Ungewissheit, die Simona durchlebt, als sie am Morgen von dem Anschlag erfährt und ihren Mann und ihre Tochter nicht im Appartement antrifft. Er selbst habe zwei Wochen vor dem Anschlag in Nizza mit Freunden ein Ferienappartement an der Promenade bewohnt, erzählt der Autor. Das sei auch der Auslöser für die Geschichte gewesen. Es gehe in seinem Roman um die Frage nach dem Zufall, aber auch um Liebe und Glück. „Ich wollte keinen Roman über den Anschlag schreiben. Er kommt auch nur auf fünf Seiten vor.“ Für die Titelfigur Simona gibt das tragische Ereignis mit vielen Toten lediglich den Anstoß, aus ihrer bisherigen Lebenssituation auszubrechen und einen zunächst ziemlich holprigen Neustart zu wagen. Davon erzählten die anderen beiden Lesepassagen.

Polyglotter Liebhaber

In Finder’s Haus an der Untertrave begrüßte Gastgeberin Jutta Hastenrath zur Lesung aus „Die polyglotten Liebhaber“ von der Erfolgsautorin Lina Wolff. Maria Steurich stellte das Buch vor. Draußen ist die Idylle des beleuchteten Museumshafens zu sehen. Drinnen verliert sich bald die Behaglichkeit des reich verzierten Kaufmannshauses, als die Berliner Schauspielerin Maria Steurich zu lesen beginnt und ihre Zuhörer hineinzieht in skurrile und aufwühlende Lebenswelten. Es sei eine Herausforderung gewesen, eine Auswahl aus dem Buch „Die polyglotten Liebhaber“ der Schwedin Lina Wolff zu treffen, so Steurich – auch wegen seiner Vielschichtigkeit und inneren Verschränktheit: „Ich möchte Sie auf die Spur bringen, das Buch zu lesen. Es wird eine Entdeckung sein.“ Bewusst hatte sie Passagen ausgewählt, die gerade so viel Einblick gaben, dass das Gehörte nach Auflösung verlangt.

Und so folgen die Literaturnacht-Besucher ein Stück weit den drei Figuren Ellinor, Max und Lucrezia, die jede für sich ihre Missverständnisse und Kommunikationslosigkeit mit dem anderen Geschlecht durchs Leben tragen und deren Verlorenheit eher Befremden als Mitleid auslöst. Manchmal auch Abscheu, etwa wenn Ellinor sich in ihrer Einsamkeit auf einen kurzen Exzess von Blut und Schweiß einlässt und doch bei ihrem abstoßenden Geliebten bleibt. Oder distanzierte Faszination, wenn jener Autor, der von der Liebhaberin träumt, die die gleichen elf Sprachen beherrscht wie er selbst, sich davon eine innige Nähe verspricht – aber kaum die Fähigkeit dazu erkennen lässt.

Geschickt hat Maria Steurich, zum dritten Mal dabei bei der Groß Kiesauer Literaturnacht, ihre Zuhörerschaft auf das Buch „angefixt“, wie sie es selbst nennt. Sie lässt die Zuhörer allein mit ihren Mutmaßungen, wechselt die Erzählperspektiven und lässt offen, ob die „von der Autorin gesponnenen Fäden“ schließlich zu einem Ganzen zusammengefasst werden. Zumal man nach dem Gehörten gar nicht sicher ist, ob das wenigstens eine gewisse Art von Happy End wäre oder eher eine gewaltige Eskalation weiblicher Revanche für viele erlittene Demütigungen.

Albtraum in der Papierwerkstatt

In der Papierwerkstatt von Haike Gerdes Franke in der Rosenstraße stellte Maike Wetzel ihren Debütroman vor. Die 44-jährige, sympathische Autorin hat in München und Großbritannien ein Filmstudium absolviert, hat Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Doch ihre besondere Liebe gilt dem Schreiben. Für journalistische Beiträge und zwei Erzählbände hat Maike Wetzel zahlreiche Auszeichnungen, Stipendien und Förderpreise bekommen, vor wenigen Monaten ist nun ihr erster Roman erschienen. In „Elly“ erfährt man dabei gar nichts über die elfjährige Titelfigur, dafür sehr viel über ihre Familie, denn Elly ist spurlos verschwunden. Aus unterschiedlichen Perspektiven leuchtet Maike Wetzel die Auswirkungen dieses Albtraums schonungslos aus. Sprachlich lakonisch, fast karg, mit sensiblem Gespür für psychologische Abläufe werden Zerstörung und Zerfall beschrieben – in der Katastrophe steht nicht nur „die Zeit still“ und „heilt keine Wunden“, da führen verdrängte Wirklichkeiten und vorgestellte Wahrheiten zu komplizierten Rollenspielen. Geschickt hatte Maike Wetzel ihre Leseproben ausgewählt, deutete falsche Spuren und beängstigende Lösungen an – und motivierte so ihr aufgeschlossenes Publikum zum Lesen ihres Erstlings „Elly“.

Sabine Spatzek, Margitta True, Svea Feldhoff