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Kultur im Norden Letzter Besuch der alten Dame
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18:10 27.02.2018
Berlin

Die Stimme ist nicht mehr das, was sie mal war, sagt sie. Die hohen Töne kommen ihr nicht mehr so mühelos über die Lippen wie einst. „Es ist so schwierig zu singen“,

„Es ist so schwierig zu singen.Joan Baez über wachsende Probleme mit ihrer Stimme

erzählte sie dem „Rolling Stone“. Trotzdem hat sie ein neues Album aufgenommen. „Whistle Down the Wind“ heißt es, und danach wird es wahrscheinlich keines mehr geben. Was nach diesen ehrlichen Worten überrascht: Baez Stimme darauf ist keineswegs schwach. Tiefer vielleicht, doch kraftvoll. Gänsehaut. Joan Baez hat auch mit 77 Jahren an Intensität nichts verloren.

Der glockenreine Sopran von einst würde inzwischen auch gar nicht mehr passen, sagt sie. Sie sei „rauer“ geworden. Und mehr mit sich im Reinen, wenn auch ein wenig abgenutzter, gezeichnet von allem, was sie erlebt hat. „Und das kommt in der Stimme raus.“

Von den zehn Songs ihres neuen Studioalbums, dem ersten seit zehn Jahren, hat sie keinen einzigen selbst geschrieben. Es sind Cover etwa von Tom Waits („Whistle Down the Wind“) und Zoe Mulford. Deren „The President Sang Amazing Grace“ hörte sie beim Autofahren im Radio. „Es passierte einfach, und es war nicht meine Absicht, dass die Songs zu meinen wurden“, sagt die Amerikanerin aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island.

Musikalisch dominiert eine melodische Folk-Gitarre. Und eben diese eindringliche, sanfte, doch zugleich etwas raue Stimme. „Ich bin das letzte Blatt am Baum“, singt Baez. Tatsächlich gibt es nicht mehr viele ihrer Art. Nicht mehr viele, die mit Musik Politik machen – und eine ganze Generation prägten, wie Baez und ihr langjähriger Freund, Literaturnobelpreisträger Bob Dylan.

Beide wurden in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, Baez erst im vergangenen Jahr. Sie habe bewiesen, das Lautstärke nicht der einzige Weg sei, laut zu sein, heißt es dort. Den gleichen Stil und die gleiche Klasse beweist Baez auch mit ihrem neuen und möglicherweise letzten Album. Es ist ein bewegender Rückblick auf ihr Leben als Musikerin und Aktivistin. Noch einmal werde sie wahrscheinlich nicht ins Studio gehen, sagt Baez. Auch die am Freitag in Schweden startende „Fare Thee Well Tour“ soll die letzte ganz große sein.

Aber letzte Konzerte haben schon viele angekündigt, die dann doch wieder rückfällig wurden. Bob Dylan sprach denn auch schon vor Jahrzehnten lieber von der „Never Ending Tour“, auf der er sich seither befindet.

Paul Simon (76) dagegen hat Anfang Februar erklärt, dass er im Frühling nach weit mehr als 50 Jahren auf der Bühne zu seiner letzten Tournee aufbrechen will. Es sei für ihn „ein wenig verstörend“, sich aus dem Live-Geschäft zurückzuziehen, aber das Reisen belaste ihn. Er wolle mehr Zeit für seine Frau und die Familie haben.

Auch Elton John (70) machte private Gründe für eine Art Teilruhestand geltend. „Ich werde nicht mehr auf Tour gehen – abgesehen von einer letzten Tour“, sagte er. Nach der ausgiebigen Konzertreise drehe sich dann alles um Ehemann David Furnish und die zwei Söhne. Diese Entscheidung sei ihm nicht schwer gefallen, „es war kein Kampf“. Er wolle nicht mehr reisen, sondern zu Hause sein – und „noch ein paar Alben machen“.

Andere altgediente Rockstars zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Neil Young (72) etwa veröffentlicht Album um Album (und hat mit der Schauspielerin Daryl Hannah auch eine neue Gefährtin). Bruce Springsteen (68) füllt mit dem fantastischen Soloprogramm „Springsteen on Broadway“ seit Wochen das Walter Kerr Theatre in New York – ausverkauft bis Juni.

Paul McCartney (75) besuchte im Vorjahr Japan, Lateinamerika und Australien mit einem bewährten Greatest-Hits-Programm und will mit Adele-Produzent Greg Kurstin „ein wirklich großartiges Album“

präsentieren. Und Mick Jagger (74) kommt mit den Rolling Stones nicht nur zu zwei weiteren Konzerten nach Deutschland, es soll auch demnächst auch ein Stones-Album mit neuen Songs auf den Markt kommen.

Schwieriges Verhältnis zu Bob Dylan

1941 in New York geboren, konnte Joan Baez 1959 mit ihrem Auftritt beim renommierten Newport Folk-Festival zum ersten Mal vor großem Publikum von sich reden gemacht. Zehn Jahre später in Woodstock zählte sie schon zu den großen Namen. Mit Bob Dylan verband sie eine wechselhafte Beziehung. Sie begleitete ihn auf Tourneen, aber er wandte sich auch immer wieder von ihr ab.

Am 25. März ist Joan Baez in Frankfurt am Main zu sehen, tags darauf in München und am 31. Mai im Mehr!Theater in Hamburg. Im Sommer folgen weitere Konzerte in Deutschland. Ihr letztes Konzert soll am 17. November im kalifornischen Oakland stattfinden.

Theresa Münch und Werner Herpell