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Kultur im Norden Lichtblicke und Abgründe beim Brahms-Festival
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Lichtblicke und Abgründe beim Brahms-Festival
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17:30 25.04.2019
Prof. Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Instituts, vor einer Brahms-Skulptur. Quelle: Christian Ruvolo
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Lübeck

Vom 4. bis zum 12. Mai lädt die Musikhochschule Lübeck zum 28. Brahms-Festival ein. Ab Semesterstart im April haben mehr als 50 Ensembles ihre Proben aufgenommen. Mit 30 Veranstaltungen ist das Festival noch einmal größer geworden – einen Überblick gibt der Leiter des Brahms-Instituts Lübeck und Projektleiter Professor Wolfgang Sandberger.

Abgründe-Lichtblicke ist ein weit gefasstes Motto. Welche Idee steckt dahinter?

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Es geht um Grunderfahrungen des menschlichen Seins. Einerseits die glücklichen Lichtmomente, die hoffentlich jeder in seinem Leben kennt. Auf der anderen Seite kann man den Boden unter den Füßen verlieren, es zieht einen in den Abgrund. Wir knüpfen dabei auch an die Festival-Themen der letzten Jahre, Heimat und Fremde, an. Abgründe und Lichtblicke sind aktuell auch kulturpolitisch relevant, wenn wir an die Jahrestage denken: Weimarer Republik 1919, Beginn des 2. Weltkrieges 1939 und der Mauerfall 1989.

Spiegelt sich das auch im Programm wieder?

Ja, es geht beispielsweise um das Komponieren am Abgrund. Wir spielen Werke von jüdischen Komponisten, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, aber dort auch noch komponiert haben, durchaus sogar noch mit Lichtblicken, mit hoffnungsvollen Ausblicken. Auch die Aufführung der „Weißen Rose“ gehört in diesen Kontext. „Tiefenrausch“ heißt ein Abend der Studierenden, da geht es um Klimawandel, um Wasser, um Wasserknappheit.

Was waren denn bei Johannes Brahms die Abgründe und Lichtblicke?

Er hat beides gekannt, ganz real in der Natur etwa. Als er in Lichtenthal bei Baden-Baden wandert, wird er durch Lichtblicke inspiriert, da bricht die Sonne durch die Bäume hindurch, und dann fällt ihm das Thema des wunderbaren Horntrios ein, das wir im Finale hören. Aber Brahms ist auch ein abgründiger Melancholiker, das spiegelt sich ebenso in seiner Musik. In der Villa Brahms gibt es alle Duo-Sonaten, darin kommt immer wieder Abgründiges vor. Etwa in der „Regenlied-Sonate“, die er indirekt seinem Patensohn Felix Schumann gewidmet hat, der jung verstorben ist.

Es gibt immer mehr Musikreihen in Lübeck - wie hebt sich das Brahmsfestival, abgesehen von der speziellen Thematik, von anderen ab?

Es ist einmalig in der Festival- und Hochschullandschaft, dass wir ein Festival an einer Musikhochschule veranstalten, wo Studierende mit den Professores zusammen auf der Bühne stehen. Das Festival ist ein Fenster in die Hochschule hinein, aber auch eine ganz große Motivation für alle. Beteiligt sind 250 Musiker und Musikerinnen, mehr als 50 Ensembles, der Umfang ist größer geworden in diesem Jahr. Der Unterricht läuft ja weiter, es herrscht Ausnahmezustand an der Hochschule. Wir haben die Möglichkeit, weniger kommerziell als andere zu sein und vielleicht auch mutiger zu denken. Etwa mit der Uraufführung von Dieter MacksIcal“ in der Musik- und Kongresshalle.

Dieter Mack am 30. April „Zu Gast bei Brahms“

Am Dienstag 30. April um 19 Uhr lädt das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck (MHL) zu einer weiteren Veranstaltung seiner Reihe „Zu Gast bei Brahms“ ein. Auf dem weißen Sessel in der Villa Brahms nimmt diesmal der Komponist Dieter Mack Platz.

Im Gespräch mit dem Leiter des Brahms-Instituts Professor Wolfgang Sandberger gibt der Komponist und MHL-Professor Dieter Mack Einblick in seine Arbeit, einen Rückblick auf seine bald zu Ende gehende Lehrtätigkeit und spricht über seine zukünftigen Pläne. Im Mittelpunkt steht „Ical“, Macks fulminantes Werk, das im Rahmen des Brahms-Festivals am Sonntag, 5. Mai um 19 Uhr in der Musik- und Kongresshalle Lübeck uraufgeführt wird. Welchen Einfluss die balinesische Musik, Wolfgang Amadeus Mozart und der französische Impressionismus auf sein Werk haben, gehört zu den spannenden Fragen des Abends. Im Anschluss an das Gespräch erklingt Musik aus der Feder des Komponisten für Violoncello und Saxophon, interpretiert vom Künstlerehepaar Imke Frank und Rico Gubler, Präsident der MHL.

Die Reihe „Zu Gast bei Brahms“ stellt in loser Folge Persönlichkeiten aus dem Musikleben vor. In den vergangenen Jahren haben unter anderem Ton Koopman, Manuela Uhl, Daniel Sepec, Rico Gubler und im Rahmen einer Ausstellungseröffnung auch der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil auf dem weißen Sessel in der Villa Brahms Platz genommen. Wolfgang Sandberger gelingt es dabei stets, seinen Gästen spannende und überraschende Details aus ihrem Musikerleben zu entlocken. Im Rahmen des Konzertes ist auch die aktuelle Ausstellung des Brahms-Instituts „Neue Bahnen – Schumann und Brahms“ geöffnet, die anlässlich des 200. Geburtstags von Clara Schumann um einen Schwerpunkt zur Pianistin, Komponistin und lebenslangen Brahms-Freundin ergänzt wurde. „Zu Gast bei Brahms“ findet in der Villa Brahms am Jerusalemsberg 4 statt. Der Eintritt ist frei.

Die MuK ist erstmals Spielort des Festivals, wie kam es dazu?

Es gibt ein neues Konzept in Kooperation mit dem Theater, das nennt sich „Neue Horizonte“ und will jüngeren Künstlern und Besuchern ein Forum bieten. Da will die Musikhochschule auch ihren Beitrag leisten. Das ist für eine Uraufführung ein großartiger Rahmen, aber wir müssen den großen Raum natürlich auch füllen.

Zum Thema Mut - Sie planen ein Nachtkonzert von 0.41 Uhr bis zum Sonnenaufgang 5.21 Uhr. Eine Herausforderung für Musiker und Zuhörer, oder?

Die Interpreten Dieter Mack, Angela Firkins und Johannes Fischer sind auf jeden Fall hoch motiviert und die Musik von Morton Feldman wird die Zuhörer fesseln. Aber es gibt dort auch Matten und man darf auch gerne mal etwas träumen.

Kann man wirklich knapp fünf Stunden lang minutengenau spielen?

Dafür haben wir unseren Professor für Schlagzeug Johannes Fischer, der hat es im Blut, dass es genau um 5.21 Uhr zum Sonnenaufgang enden wird.

Im vergangenen Jahr hat das Festival seinen Gründer Friedhelm Döhl verloren, er ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Wie hat er über die Jahre das Festival noch begleitet?

Friedhelm Döhl ist eine ganz zentrale Figur für das Festival und das Brahms-Institut. Bleibend auch die Brahms-Galerie, die er initiiert hat und die er immer wieder mit neuen Ideen bereichert hat. Er war weitsichtig und visionär. Döhl hat vor 28 Jahren erkannt, dass mit der Gründung des Instituts auch ein Festival hierher gehört. Das Zusammenspiel zwischen Kunst und Wissenschaft ist das Zukunftsweisende des Festivals, da hat er bis heute Recht behalten. Bis zum Schluss hat er Interesse gezeigt. Er hat viele Konzerte besucht, so lange er konnte. Er gab Anregungen, war streitbar, kontrovers, aber nie verletzend. Er fehlt. Ihm zu Ehren gibt es ein Gedenkkonzert mit seiner Musik, das wird sicher ein sehr bedeutender und tiefgründiger Abend.

Was sind Ihre persönlichen Lichtblicke in diesem Festival?

Es ist großartig, dass wir konzentriert alle Brahms-Sonaten hier in der Villa aufführen. Ich freue mich auf die Konzerte um 8.30 Uhr in St. Jacobi, diese Morgenschiene ist neu und ein Experiment. Ich freue mich auf einzelne Themen besonders, etwa den Paganini-Abend, wo es um das Teuflische, Abgründige beim Musizieren geht. Sich schwindlig spielen, das Publikum schwindlig spielen. Persönlich freue ich mich auch auf die Matinee zum 200. Geburtstag von Clara Schumann.

Gibt es schon Pläne für 2020?

Ja, wir reden uns jetzt schon die Köpfe heiß über das Motto, wo der Weg hingehen könnte. Nichts wäre ja langweiliger, als immer nur die gleichen Werke von Brahms zu spielen. Deshalb sind die Themen wichtig, um Brahms in neue Kontexte zu stellen. Im nächsten Jahr wird es sicher auch um Beethoven gehen, da kommen wir im Jubiläumsjahr nicht drum herum. Aber wir werden es hoffentlich klüger und origineller machen als andere.

Wer ist beim 28. Brahms-Festival in Lübeck zu erleben? Eine kleine Auswahl der Künstler

Petra Haase