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18:10 21.02.2018
Klein, aber fein: Carsten P. Malchin lädt in sein Haus in der Dankwartsgrube 54 ein.
Klein, aber fein: Carsten P. Malchin lädt in sein Haus in der Dankwartsgrube 54 ein. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen

Eine enge Treppe führt ins Dachgeschoss in der Dankwartsgrube 54. Hausbesitzer Carsten P. Malchin geht voran in den früheren Dachboden, den er ausgebaut hat. Im ehemaligen Speicher des gut 500 Jahre alten Hauses wohnt Mieter Torsten Freitag, und er stellt sein kleines Wohnzimmer zum vierten Mal für eine Lesung zur Verfügung. „Ich fand die Idee sehr spannend“, sagt der Steuerberater. Also räumt er am Tag zuvor Sofa und Tisch raus, borgt sich Stühle, stellt Getränke in der Küche bereit und freut sich auf die Gäste. 25 Besucher passen in die Stube. „Letztes Jahr kamen drei mehr, es ging gerade noch so.“

550 Gäste werden erwartet

Der Roman „Selbstjustiz“ von Tanguy Viel wird am Sonnabend in seinem Wohnzimmer vom Schauspieler Rene Rollin gelesen. Es geht darin um den Mord an einem Immobilienspekulanten in einer kleinen bretonischen Stadt. „Ordnung und Widerstand“ ist das Motto, unter dem der Verein Große Kiesauer Literaturnacht in diesem Jahr Bücher und Autoren ausgewählt hat, das Spektrum ist breit gefächert.

Thomas Wagner schreibt in „Die Angstmacher“ über die neuen Rechten in der bürgerlichen Mitte, Bov Bjerg erzählt in „Auerhaus“ von der Schüler-WG auf dem Dorf, in der Dokumentation „Die anderen Leben“

haben Dörte Grimm und Sabine Michel so genannte Wendekinder und ihre Eltern, die in der DDR lebten, interviewt, und Mario Schlembach beschreibt in „Nebel“, wie ein junger Mann in sein Heimatdorf zurückkehrt, um die Nachfolge seines Vaters als Totengräber anzutreten.

Zum Teil lesen Schauspieler aus den Romanen, viele Autoren kommen jedoch auch selbst. Ein Heimspiel ist die Literaturnacht für Svealena Kutschke. Die gebürtige Lübeckerin liest in der Beckergrube 95 aus ihrem Lübeck-Roman „Stadt aus Rauch“. Welche Bücher und Autoren in Lübeck zu erleben sind und wo gelesen wird, entscheidet der künstlerische Leiter, Regisseur Reinhard Göber. Sein Anspruch: Es werden ausschließlich lebende Autoren vorgestellt, gerne auch Debütromane. Für die Autoren ist der direkte Kontakt zu den Gästen interessant – so kuschelig beieinander sitzt man sonst selten bei Lesungen. Das schätzen auch die Besucher. Für sie besteht ein zusätzlicher Reiz darin, die zum Teil mittelalterlichen privaten Altstadthäuser von innen zu sehen.

Im familiären Rahmen Literatur vorzustellen war auch für Carsten P. Malchin der Antrieb, sich im Verein zu engagieren. Er ist für die Finanzen zuständig – immerhin kosten die Veranstaltungen etwa 22000 Euro. Etwa ein Drittel finanziert sich über Eintrittsgelder, der Rest über Sponsoren wie Stiftungen und Lübecker Firmen.

550 Besucher werden auch an diesem Sonnabend wieder erwartet, und Gastgeber Torsten Freitag ist gespannt auf die Begegnungen. „Die Besucher sind immer total entspannt.“ Auch mit den meisten Autoren habe er sich sehr gut verstanden. „Mit Edgar Rai war ich gleich per Du, und wir haben uns noch sehr lange unterhalten, sonntags treffen sich alle noch mal zum Brunch. Es ist eine andere Welt, in die ich einmal im Jahr eintauchen kann.“

Lese-Nacht

Am Sonnabend um 20 Uhr beginnen die Lesungen in 18 Altstadthäusern. Tickets müssen vorher gekauft werden, es gibt keine Abendkasse. Nach Beginn ist kein Einlass.

Das Programm ist online nachzulesen unter www.grosse-kiesau.de

Karten für 15 Euro gibt es in den Buchhandlungen Langenkamp und Makulatur oder auf der Homepage www.grosse-kiesau.de

Besucher können im Anschluss mit Autoren und Gastgebern in der Schiffergesellschaft klönen.

Petra Haase