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Kultur im Norden Erinnerungen an Günter Grass
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18:05 15.04.2019
„Er warf sich für Kollegen immer in die Bresche“:Günter Grass (1927-2015). Quelle: dpa
Lübeck

Vor vier Jahren starb Günter Grass. Es war der 13. April und der Nobelpreisträger 87 Jahre alt. Seither erinnert das Grass-Haus jedes Jahr zu diesem Tag an den Mann, dessen Namen es trägt. Freunde und Weggefährten kommen zusammen und erzählen von ihm. Das war am vergangenen Sonnabend im voll besetzten Museum nicht anders.

Hubertus Giebe lebt in Dresden und hat die ostdeutsche Ausgabe der „Blechtrommel“ illustriert. Also ein Buch, das erst lange Jahre nach seinem Erscheinen den DDR-Bürgern an die Hand gegeben wurde, und das auch nur in kleiner Auflage.

Grass’ Bildkraft

Giebe hatte es freilich schon vorher gelesen. Es sei „auf klandestinem Weg“ zu ihm gekommen, sagte er. In den Siebzigern war das, er war Mitte zwanzig, studierte an der Dresdner Kunstakademie und war gefangen von dem Buch, von der „Bildkraft der Grass’schen Sprache“. Er las viel in dieser Zeit. „Es sollte Welt hineinkommen, wenn der reale Westen schon nicht erreichbar war.“

Über Werner Schmidt, den Leiter des Dresdner Kupferstichkabinetts, kam ein Kontakt zu Grass zustande. Der zeigte sich beeindruckt von den grafischen Arbeiten des jungen Mannes, es entwickelte sich eine Korrespondenz und eine Verbundenheit. Persönlich getroffen hat er Grass aber erst 1987 in Leipzig, wo der aus dem „Treffen in Telgte“ las.

Giebe erzählte mit schöner Ironie von der Arbeit an der illustrierten „Blechtrommel“, die dann 1991 im schon wiedervereinigten Deutschland erschien. Er hat Grass auch besucht zu Hause in Behlendorf, 2005 waren seine Blätter in einer Ausstellung im Grass-Haus zu sehen.

Die Furcht der SED

Er war erstaunt, dass der Dichter nicht so groß war, wie es auf Fotos schien, erzählte er. Die Figur Grass aber, die war im Zweifel eher größer. Der Name habe Schutz geboten, sagte Giebe. Der weltbekannte Dichter habe Öffentlichkeit herstellen können bei Bedarf, und das hätten die SED-Größen gefürchtet. „Grass“, sagte er, „warf sich für Kollegen immer in die Bresche.“

Anneli Høier hat Grass’ Bücher ab dem „Butt“ in den skandinavischen Raum gebracht und ist verheiratet mit Per Christian Ohrgaard, seinem dänischen Übersetzer und einem seiner engsten Freunde. Fast alle Bücher des Nobelpreisträgers seien umgehend auch im hohen Norden erschienen, sagte sie. Nur die Gedichte nicht, was ihn sehr geärgert habe. Großzügig sei er gewesen, „ein wunderbarer Freund“. Und einer, der es nicht lassen konnte, sie mit großer Freude an ihren Knicks vor der dänischen Königin zu erinnern, als die bei ihrer Lübeck-Visite auch Grass besuchte.

Der nette Herr Mankell

Von einer „Eierpellmaschine“ erzählte sie, die ihr Sohn auf Grass’ Rat hin erfand. Von Begegnungen mit jungen dänischen Autoren und vom Literaturtreffen auf der Insel Møn, dessen regelmäßiger Gast der Dichter war. „Ein netter Kollege“, habe er dort nach einem Treffen mit dem schwedischen Autor Henning Mankell gesagt.

Barbara Nüsse, im vorigen Jahr erst mit dem „Faust“ geehrt, spielte den Oskar Matzerath, als das Hamburger Thalia Theater in einer Inszenierung von Luc Perceval die „Blechtrommel“ auf die Bühne brachte. Sie wussten nicht recht, wie sie umgehen sollten mit diesem „opulenten, girlandenhaften Text“, sagte sie. Bei einem Besuch im Lübecker Grass-Haus konnte ihnen der Autor aber auch nicht weiterhelfen. „Das ist Ihr Problem“, habe er gemeint. Das Stück habe ihm dann jedoch sehr gefallen. Die Premiere war Ende März 2015 und Grass dabei. Da hatte er noch knapp drei Wochen zu leben.

Typographie und Schriftgröße

Die Grafikdesignerin Sarah Winter hat zehn Jahre im Göttinger Steidl-Verlag gearbeitet und dort etliche Bücher von Grass gestaltet. Allerdings immer mit ihm zusammen, die Beschaffenheit seiner Werke war ihm alles andere als egal. So saßen sie gemeinsam vor dem Monitor, platzierten Bilder, diskutierten über die Typographie und Schriftgrößen.

Sie hätten manche Debatte gehabt, aber er sei offen für das bessere Argument gewesen, sagte sie. Und er habe sehr genau hingehört. „Aber wenn er sich ganz sicher war, hatte ich keine Chance“. So kamen Bücher dabei heraus, die sie als „charaktervoll, zeitlos, ehrlich und klar“ beschrieb. Im Grunde wie der Autor selbst: „Er war nicht nur freundlich, wenn er einen brauchte.“

Die „Liebe zum Analogen“ habe auch er mit Grass geteilt, sagte Björn Engholm, Ex-SPD-Vorsitzender und früherer Ministerpräsident, der Schriftsetzer lernte, nachdem er und das Johanneum sich „in großer Freude getrennt hatten“. Und er erinnerte an die Wewelsflether Gespräche, die Grass und er in den Achtzigerjahren auf der Bank vor dessen dortigem Haus erwogen und auf den Weg gebracht hatten (und die es heute immer noch gibt). Manchmal saßen mehr als 1000 Zuhörer in der Mehrzweckhalle, wenn prominente Gäste wie Egon Bahr und Jurek Becker kamen, wie Günter Gaus und Wolfgang Teltschik.

Raus aus der SPD

Anfang der Neunziger aber gab es eine Entfremdung. Grass kritisierte die Petersberger Asylbeschlüsse, die Polizeieinsätze in Brokdorf und die Wiedervereinigung, er argumentierte von einer hohen moralischen Warte aus – und verließ die SPD. Selbst bei einer Festtagsrede zu seinem 65. Geburtstag gab es Widerworte.

Aber manches renkte sich wieder ein. Man traf sich in Lübeck oder in Behlendorf, ein Rotweinfleck auf Engholms neuem Schafwollteppich geht auf Grass’ Konto. Und als man eines kalten Abends in der Weinstube neben dem Grass-Haus stand und Engholm sich einen Zigarillo anzündete, weil auch Grass’ Pfeife brannte, natürlich, da beschied ihn der Wirt: Der Dichter dürfe das, er aber nicht.

Info: Das Grass-Haus kann künftig noch mehr auf digitale Technik setzen. Der Bund habe Gelder für den Einsatz von Virtual Reality bewilligt, sagte Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa. Das ermögliche ganz neue Perspektiven beim Museumsbesuch. Voraussichtlich ab Oktober zum 60. Geburtstag der „Blechtrommel“ sollen die neuen Geräte zum Einsatz kommen.

Peter Intelmann

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