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Kultur im Norden „Er hat zwei Seelen in der Brust“
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18:00 07.04.2019
Jonathan Robin Meese (* 23. Januar 1970 in Tokio) ist ein deutscher Künstler. Seine Mutter, die in Stuttgart geborene Brigitte Renate Meese Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Nein, einen Kaffee oder etwas anderes möchte sie erstmal nicht. „Ich habe gerade eine Suppe gegessen“, sagt Brigitte Meese. „Das mache ich immer, wenn ich im Stress bin.“ Dann legt die 89-Jährige ihren Mantel ab und setzt sich. „Dann wollen wir mal über meinen Sohn sprechen.“

Routiniert ist sie, die Mutter von Jonathan Meese – denn sie kennt sie natürlich schon, die Neugier auf ihren „Jonny“, den extremen Künstler, der aussieht wie die Breakdance-Version von Räuber Hotzenplotz – der eine Kirche mit Tinnef zustellt und die „Freiheit für die Kunst“ fordert, in dem er schwarze Gummihandschuhe scheitelmäßig über einen Frisierkopf legt und dem Gesicht noch einen symbolischen Schnauzer verpasst. Nein, auch vor Adolf Hitler macht Jonathan Meese nicht Halt. Brigitte Meese weiß, dass ihr Sohn polarisiert und dass man versuchen möchte, ihn zu verstehen – oder zumindest irgendwas von dem zu verstehen, was er da macht.

Eine freundliche Dame blickt in die Runde und versucht es mit einer Erklärung, die im Jahr 1956 ihren Anfang nimmt. Tokio, ja. „Das war wie eine Reise zum Mond damals“, sagt Brigitte Meese, die in dem Jahr dem Ruf ihrer Schwester folgte und von heute auf morgen nach Japan ging. Sie war 26 Jahre alt, hatte bis dahin in Paris und London studiert und bei Bayer gearbeitet, was sie „langweilig“ fand. Da kam Tokio gerade recht.

Schön sei es dort gewesen. Anders. Aber schön. Brigitte Meese, gelernte Dolmetscherin, tat sich zwar etwas schwer mit der Sprache, weil Japanisch „keine richtige Grammatik“ habe – aber sie kam zurecht und blieb 17 Jahre in Tokio. Hier lernte sie auch ihren Ehemann und den Vater ihrer drei Kinder kenne, einen Waliser.

Mutter Meese kümmerte sich vor allem um die Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen. Der Vater ging arbeiten. Es lief wunderbar. Jonathan war das jüngste Kind und kam mit dem asiatischen Gewusel gut zurecht – aber als er drei Jahre alt war und die anderen beiden elf und zwölf, beschloss ihre Mutter „wegen der Schule“ mit den Kindern zurück nach Deutschland zu gehen. Das war 1973. Ihr Mann wollte wegen des Jobs in Japan bleiben.

Von Tokio nach Ahrensburg

Ahrensburg?“, fragte sie damals eine Freundin am Telefon, die ihr von einem Haus erzählte, das sie dort mieten könne. „Ich hatte noch nie von diesem Ort gehört, aber als meine Freundin sagte, dass das Haus 20 Fahrradminuten von ihrem Haus in Hamburg entfernt sei, war für mich klar: Das nehm ich.“

Aus der weltoffenen Großstadt-Mutter in Tokio wurde kurzum eine Alleinerziehende in der hamburgnahen Pampa, in Ahrensburg, wo Brigitte Meese niemanden kannte, sich aber schnell einfand. Das Haus gibt es noch heute und die Familie ist regelmäßig da, wenn sie etwas Abstand von dem ganzen Meese-Gewese braucht.

Jonathan war ein sehr freundliches Kind“, erzählt Brigitte Meese weiter. Kein „Enfant terrible“, wie er in der Kunstszene gerne genannt wird. Alles andere als das.„Ruhig, lieb und nicht sonderlich auffällig“, berichtet seine Mutter. Während ihre beiden großen Kinder ihren beruflichen Weg recht bestrebt einschlugen, war bei Jonathan lange nicht klar, was er mal werden wollte. Nach dem Abi versuchte er es zunächst mit einem VWL-Studium, brach dieses aber wieder ab und verkroch sich in seinem Zimmer, wo er die meiste Zeit Musik hörte und immer wieder seine Mutter fragte, was er denn nun werden solle – bis er sich von ihr zu seinem 22. Geburtstag einen Malblock und Zeichenutensilien wünschte.

„Ich fand das gar nicht witzig“, sagt Brigitte Meese. „So etwas hat damals 60 Mark gekostet und Jonathan hatte vorher nie irgendwas gemalt“. Woher diese plötzliche Lust kam, kann sie sich bis heute nicht erklären. „Er hatte Kunst in der Schule abgewählt und wenn er irgendwas malen sollte, hab ich das meist für ihn gemacht.“ Aber, ok. Sie war ja froh, dass der Junge sich für etwas interessierte – also bekam er seinen Block.

Malblock zum 22. Geburtstag

„Jonny“ nahm den Pinsel in die Hand und malte und malte und hörte nicht wieder auf. Nach einem halben Jahr stand sein Zimmer so voll mit Bildern, dass seine Mutter ihm ein Feldbett im Wohnzimmer aufstellte. Ihr Sohn war plötzlich zu euphorisch, dass sie anfing, das ganze Drumherum zu organisieren, damit Jonathan sich voll auf seine Kunst konzentrieren konnte.

„Mami“, wie Meese seine Mutter liebevoll nennt, hatte die beiden großen Kinder gut durchgebracht und konnte sich voll und ganz auf ihren Spezialagenten konzentrieren: Sie sortierte Bilder, sie knüpfte erste Kontakte. Sie beantwortete Briefe, sie regelte die Finanzen. Später, als die Nachfrage immer größer wurde, „haben wir Mitarbeiter eingestellt“ – aber das Große und Ganze blieb immer in der Hand von Brigitte Meese.

Mehr zu den Meese-Festspielen in Lübeck

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„Kunst muss auftrumpfen“ – Jonathan Meese über seine Arbeit

Ist das Kunst? Lübeck diskutiert über den skurrilen Auftritt in der Petri-Kirche

„Ich habe überhaupt keine Guru-Tendenzen“ –Interview mit Jonathan Meese

Teil 3 und 4 der Ausstellungen in Lübeck

Bildergalerie zur Ausstellung in St. Annen

„Ich bin der Klebstoff, der die Firma zusammenhält“, sagt sie heute. „Ohne meine Mutter geht gar nichts“, sagt Jonathan Meese in Interviews immer wieder.

Ausstellung „Mutter“

Ja, gibt Brigitte Meese zu. „Er ist schon etwas absonderlich“ – und auch sie findet nicht alles gut, was „Jonny“ so anstellt. Den Hitlergruß, den er im Rahmen seiner Kunst provozierend gebraucht, findet sie „ganz furchtbar“, weil sie diese Zeit selbst noch erlebt habe. Aber: „Ich habe es aufgegeben, mit ihm darüber zu diskutieren, weil wir zu oft darüber gestritten haben.“

Jonathan Meese will aufrütteln – Brigitte Meese will vor allem keine Gefühle verletzt sehen. Der Sohn sagt, ein Leben ganz ohne Ideologie sei möglich. Die Mutter sagt, in jedem Kosmos bilde sich immer irgendwann eine Ideologie, die der Mensch als Leitbild braucht.

Und noch etwas stört die Mutter manchmal: Jonathan sei sehr daran gewöhnt, dass sie ihm immer und überall zur Verfügung stehe. „Hin und wieder gibt es aber Dinge, die ich nicht machen mag. Und das kann er gar nicht ertragen.“

Die Kunsthalle St. Annen zeigt derzeit Jonathan Meeses Werke unter dem Titel - “Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ - Mutter / Evolution Quelle: Lutz Roeßler

„Mami“ hat in dem Berliner Haus ihres Sohnes, in dem er mit seiner Freundin wohnt – ja, er kann auch ganz normal sein und lebt seit Jahren in einer Beziehung – eine eigene Drei-Zimmer-Wohnung. Und nein, es gebe keine Probleme gemeinsam unter einem Dach, versichert sie. Die Meeses laufen sich viel über den Weg – lassen sich aber auch oft in Ruhe. In zwei Räumen hat Brigitte Meese Bilder ihres Sohnes hängen, „im Schlafzimmer aber nicht, das gehört mir ganz allein.“

Es gibt für Brigitte Meese natürlich auch ein Leben ohne Jonathan. Sie hat ja noch zwei weitere Kinder – und sieben Enkel. Und sie besteht nicht auf ihre Rolle als Jonathans Super-Stütze. Aber: „Unsere Zusammenarbeit hat sich so ergeben und wir sind damit sehr glücklich.“

Und natürlich sei es Kunst, was ihr Sohn mache. Ob in New York oder in Lübeck, wo derzeit der dritte und vierte Teil seiner Meese-Festspiele zu sehen sind (im St. Annen-Museum heißt die Ausstellung sogar „Mutter“). „Zeitgenössische Kunst ist immer etwas, worüber sich istreiten lässt“, sagt Brigitte Meese – und auch, wenn sie weiß, dass „Jonny selbst schuld ist“, tut es ihr sehr leid, wie hart ihr Sohn manchmal angegangen werde.

Und natürlich sei es Kunst, was ihr Sohn mache. Ob in New York, wo er seine Arbeiten ausstellt, oder in Lübeck. „Zeitgenössische Kunst ist etwas, worüber sich immer streiten lässt“, sagt Brigitte Meese, aber es täte ihr schon leid, wie hart ihr Sohn manchmal angegangen werde. „Auch wenn ich weiß, dass er selbst schuld ist.“

Liebenswürdig und knallhart

Und was ist er nun für ein Mensch, der Jonathan? „Das Liebenswürdigste, was man sich überhaupt vorstellen kann“, sagt Brigitte Meese. Aber wenn es um seine Kunst und Anti-Ideologien gehe, sei er „knallhart.“ Seine Schwester habe mal gesagt, dass man sich kaum vorstellen mag, wie Jonathan selbst mit diesen beiden Extremen in sich klar komme. Unendlich freundlich auf der einen – und unerbittlich auf der anderen Seite.

In seiner Sicht auf die Dinge knallhart, in seinem Umgang mit Menschen sehr liebenswürdig –so jedenfalls beschreibt Jonathan Meeses Mutter ihren Sohn. Quelle: Lutz Roeßler

Jonathan hat zwei Seelen in der Brust, die es auch seinem Umfeld nicht immer einfach machen, mit ihm umzugehen“, gibt Mutter Meese zu – auch nicht in Sachen Klamotten: Diese eine Dreistreifen-Jacke, die Jonathan immer anhabe, besitzt er gut vierzig Mal und natürlich hätte er noch andere Sachen zum Anziehen, aber Diskutieren bringe nichts und am Ende sei das auch gut so – weil sonst wäre Jonathan Meese eben auch nicht Jonathan Meese.

„Sehr gutmütig“ sei er außerdem, sagt seine Mutter und erzählt, dass ihr Sohn manchmal wichtige Termine verpasse, nur weil er stundenlang Fragen von Fans beantworte und Autogramme gebe, damit er niemanden enttäuscht.

Und dazu fällt Brigitte Meese noch eine Anekdote ein: In ihrer Straße sei in Imbiss, in dem Jonathan früher immer Suppe gegessen habe, was er heute eben nicht mehr regelmäßig schaffe. „Und weil er nicht will, dass der Imbissbesitzer traurig ist, müssen wir immer riesen Umweg gehen, damit er uns nicht sieht, wenn wir keine Zeit für Suppe haben.“

Apropos Suppe... jetzt einen Kaffee?

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