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Kultur im Norden Meese bei Overbeck und in der Kunsthalle
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20:17 30.03.2019
„Kunst ist eine Welt mit keine Probleme“:Jonathan Meese (49) in der Kunsthalle St. Annen. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

Marschklänge zu Beginn, schließlich ist die Sache ernst. Aber eben auch wieder nicht. Eine Jonathan-Meese-Ausstellung ist immer beides. Dass das nicht alle so sehen, wurde auch am Sonnabend, 30. März, bei der Eröffnung in der sehr gut gefüllten Kunsthalle St. Annen deutlich, wo bis August eine Meese-Retrospektive anzuschauen ist.

Performance am 7. Mai

Die Ausstellungen in der Kunsthalle St. Annen und im Grass-Haus laufen bis zum 4. August. In der Overbeck-Gesellschaft (Königstraße 11) ist der Fries bis zum 9. Juni zu sehen. Am 2. Juni wird in der Kunsthalle der Ausstellungskatalog bei einem Gespräch mit Jonathan Meese präsentiert. Am 7. Mai gibt es eine Performance in der Gollan-Werft. Karten (25/15 Euro) unter: www.kulturwerft-gollan.de

Hans Wißkirchen, Chef der Lübecker Museen, warb jedenfalls um mehr Gelassenheit in der Debatte. Nach der teils heftigen und ins Fundamentale gehenden Kritik an der Meese-Installation in der Petrikirche hoffe er, dass die Diskussion mit den beiden neuen Ausstellungen in der Kunsthalle und der Overbeck-Gesellschaft „ein anderes Niveau“ erreiche. Das Meese-Projekt jedenfalls habe Lübeck bundesweit ins Gespräch gebracht, und das aus einem anderen Blickwinkel. Die „Diktatur der Kunst“ finde sich schon bei Richard Wagner, aber bei Meese werde sie ins Zeitgenössische übersetzt: „So gegenwärtig waren wir noch nie.“

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Auch Overbeck-Direktor Oliver Zybok plädierte für Entspannung beim Reden über Meese. Alle Beteiligten freuten sich über die Diskussionen in der Stadt und darüber hinaus, so sei das auch gedacht gewesen. Allerdings vermisse er das ironische Element, und das dürfe man gerade bei Meese nicht unterschlagen. „Ironie ist Kunst, und Kunst ist Ironie“, sagte er. Und sie fordere auch „keine Opfer“, wie Meese formuliert habe. Aber es würde helfen und der Wahrheitsfindung dienen, wenn sich alle wieder etwas zurücknähmen. Das finde sich im Übrigen auch als Aufforderung in einem von Meeses Lübecker Bildern.

Helsinki School und „Lolita“

In der Kunsthalle St. Annen ist im kommenden Jahr unter anderem eine Ausstellung mit Arbeiten der Helsinki School geplant, sagte die Leitende Kuratorin Antje-Britt Mählmann. Die Gruppe von Fotografen hat ihre Wurzeln in der Aalto University School of Arts, Design and Architecture in der finnischen Hauptstadt. Die Arbeiten sollen ab Februar zu sehen sein. Außerdem steht eine Einzelausstellung von Manaf Halouni auf dem Programm. Der deutsch-syrische Künstler ist unter anderem mit drei senkrecht aufgestellten Bussen vor der Dresdner Frauenkirche bekannt geworden. Sie erinnerten an die Busse in der umkämpften syrischen Stadt Aleppo, wo sie den Menschen Schutz vor den Heckenschützen bot.

Jonathan Meeses nächstes Projekt findet in der Tim van Laere Gallery im belgischen Antwerpen statt. Ab dem 20. April ist er dort bis Mitte Mai in einer Ausstellung mit Adrian Ghenie und Rinus Van de Felde zu sehen. Im kommenden Jahr wird er unter anderem für das Schauspiel Dortmund „Lolita“ inszenieren und auch selbst mitspielen. „Ich liebe Lolitas“, sagte er und verwies auf deren revolutionäres Potenzial. Auch wird er weiter an Richard Wagner arbeiten. „Gibt schon ein paar Sachen für die nächsten Jahre“, sagte er.

Während in der Kunsthalle rund 120 Werke aus fast drei Jahrzehnten zu sehen sind, von der kleinen Zeichnung im Goldrahmen bis zum großen Format, vom Video bis zur Skulptur, begegnet man im Overbeck-Pavillon Meese am laufenden Meter. Ein Fries an Wänden und auf dem Fußboden wartet da, gehalten im gewohnten Meese-Duktus und eine Fortsetzung seines anhaltenden Befreiungskampfes. In den Arbeiten des „kleinen Ritters Jonathan“, dessen Leben und Wirken Kunsthallen-Kuratorin Antje-Britt Mählmann zuvor in einer Geschichte erzählt hatte, kann man dieser Auseinandersetzung mit den Mächten der Ideologie und der falschen Richtung nicht entgehen. Da stehen für ihn die Herren der Finsternis, dagegen gilt es ins Feld zu ziehen. Und zwar im Namen und mit den Mitteln der Kunst.

Im Video sowie live in der Kunsthalle und später vom Dach des Overbeck-Pavillons hielt er flammende Plädoyers für die Kunst, der „einzigen Überlebensstrategie, es gibt keine andere“. Die Kunst solle die „Staatsgeschäfte“ übernehmen, zumal sie ohnehin „die Staatsform von morgen“ sei. Sie vertrage keine Zensur, schon gar keine Selbstzensur. Statt dessen müsse man die Realität zensieren und die Balken aus den Köpfen nehmen – „das kann man jeden Morgen machen, ist ganz leicht“. Es gehe um Beweglichkeit, um einen freien Blick auf alles, was der Fall ist. „Kunst“, sagte er, „ist eine Welt mit keine Probleme.“

Das Kommunale Kino Lübeck zeigt am 22. Mai Peter Sempels Meese-Film „Die Ameise der Kunst“.

Peter Intelmann

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