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Kultur im Norden Lukas Rietzschel liest im Buddenbrookhaus
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16:44 15.03.2019
Lukas Rietzschel beschreibt die Wut, die sich im Osten aufbaut – zwar nicht nur dort, aber eben doch sehr häufig. Und gerade bei jungen Männern. Er kenne das Gefühl auch, sagt er. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

„Faserland“ heißt der Roman, in dem Christian Kracht Mitte der Neunzigerjahre seine Hauptperson durch Deutschland schickte. Es war eine Reise durch eine Welt mit Cartier-Uhren und Barbourjacken, mit einer gelangweilten Jugend und schicken Drogen.

Lukas Rietzschel lässt seine Figuren durch eine andere Umgebung laufen. Sie hat nichts zu tun mit Cartier-Uhren und Barbourjacken. Aber auch hier zerfasert ringsum alles, auch hier lösen sich die Strukturen auf. Es ist eine andere Form von Haltlosigkeit. Am Donnerstag, 14. März, hat er im Rahmen des Wettbewerbs „Debüt im Buddenbrookhaus“ aus seinem Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gelesen.

Ein Preis für den Nachwuchs

„Debüt im Buddenbrookhaus“ heißt der Wettbewerb, in dessen Rahmen Lukas Rietzschel gelesen hat. Der mit 2000 Euro dotierte und alle zwei Jahre vergebene Preis wird seit 2003 vom Lions Club Lübeck-Hanse gestiftet. Den Auftakt der laufenden Runde hat Julia von Lucadou mit „Die Hochhausspringerin“ gemacht. Der nächste Teilnehmer steht noch nicht fest. Vergeben wird die Auszeichnung Ende dieses Jahres. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Robert Seethaler, Jan Christophersen, Nino Haratischwili und zuletzt Simon Strauß.

Philipp und Tobias heißen die Brüder, die er beim Erwachsenwerden begleitet. Sie leben in Sachsen auf dem Land, ihre Familie zerbricht, Bindungen zerfallen, der Boden unter ihren Füßen wird brüchig. Sie suchen nach Halt und glauben ihn bei rechten Kumpels zu finden. Der Mitläufer Philipp zieht sich irgendwann zurück, aber bei Tobias wird die Wut nur immer größer.

Er kenne dieses Gefühl, sagte Rietzschel (Jahrgang 1994), der selbst aus Sachsen stammt und nach Studienjahren in Kassel zurückgegangen ist und heute in Görlitz wohnt. Wenn Schulen geschlossen wurden oder die Großeltern nicht mehr zum Arzt konnten, weil es keinen Arzt mehr gab, dann habe ihn das wütend gemacht. Und die „Ideenlosigkeit“ etwa der Kohlekommission, die jetzt, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, mal so richtig loslegen und investieren wolle in den sterbenden Kohlerevieren, die mache ihn „wahnsinnig“.

Die da oben

Das führe nicht automatisch zu Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit, aber da wachse ein Zorn, der manchen in seiner Hilflosigkeit mit der Faust in die Welt schlagen lassen wolle. Da baue sich eine gefährliche Kraft auf gegen das System und die da oben, gegen die Demokratie. Aber es gebe nur diese eine Welt. Und wenn man sie zerstöre, wenn man wie Tobias und die anderen in der alten Schule das Wasser steigen lasse, damit dort keine Flüchtlinge einziehen können, dann zerstörten sie eben jene Schule, die sie früher selbst besucht hätten. „Die Tschechen sind das Problem“, sagt der Vater von Felix, der seinen Sohn längst an die Drogen aus den Giftküchen hinter der Grenze verloren hat.

Rietzschel hat seinen Roman 2014 begonnen. Das war er 20. Erschienen ist das Buch im vergangenen Jahr kurz nach den tödlichen Messerstichen durch Asylbewerber in Chemnitz und den rechten Aufmärschen, die darauf folgten. Er widerspricht dem Wort vom „Ost-Roman des Moments“, aber er gibt Einblicke in dieses brodelnde Unbehagen. Und er tut das in einer nüchternen Sprache und mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die umso eindrücklicher ist.

Peter Intelmann

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