Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Ein unbeteiligter Despot
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Ein unbeteiligter Despot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
14:17 02.02.2019
Nach dem Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla schlägt die Trauer Caligulas (Matthias Hermann) in zerstörerische Wut um . Quelle: Kerstin Schomburg
Anzeige
Lübeck

 Keiner war gegangen, aber aufgewühlt blieb auch niemand zurück nach dieser Premiere, deren Stoff doch so verstörend ist. Mirja Biel hat eine durchdachte Inszenierung geschaffen - ohne platte Bezüge zu Machthabern der Gegenwart oder zu Despoten der Vergangenheit, ohne Geschrei oder hippe Musik. Das ist viel wert.

Wenn aber ein erschütterndes Werk auf der Bühne nicht berührt, wenn die so viel größeren Möglichkeiten, die die Bühne im Vergleich zum philosophischen Text hat, ungenutzt verpuffen, dann ist das schade. Albert Camus hat in seinem Theaterstück die historische Figur des „Caligula“ geradezu seziert und in die Welt geworfen als Prototypen der Verneinung. Er hat einen Mann gezeichnet, der Grenzen sucht, aber keine findet und deswegen mordet, mordet, mordet.

 Was da auf der Lübecker Bühne geschah, war allzu harmlos.

Gelungenes Bühnenbild

Die Bühne öffnet sich als schwarzer Schaukasten, an dessen hinterer Wand drei Treppenstufen den Blick begrenzen. Sie gleichen der Bestuhlung in Stadien. Caligula liebte Gladiatorenspiele und nutzte seine Macht, um Menschen, die ihn langweilten oder erzürnten, dort in den Tod zu schicken. Die Spiele werden in der Lübecker Inszenierung durch dieses Requisit angedeutet.

Der schwarze Bühnenboden ist mit einer durchsichtigen Folie beklebt. Die Befestigung ist schwach – wenn es den Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht, reißt sie. Rechts hinten ist ein Gewächshaus in Miniatur, ein Glashaus mit weißem Stoff verkleidet, in das sich der negative Held gerne zurückzieht. Links vorne im Bild steht ein Fernseher, meist mit Störbild, grauem Geflimmer, keinem Ton. Und dann das Pferd: Ein prächtiger Schimmel liegt wie im Galopp eingefroren mitten auf der Bühne. Gespenstisch ist der Hals des imposanten Tieres – das Caligula zum Konsul ernennen will – der um 180 Grad verdrehte Kopf blickt nach oben. Eine abgebrochene römische Säule begrenzt den vorderen rechten Bühnenrand. Das gelungene Bühnenbild hat ebenfalls Mirja Biel entworfen.

Die Kostüme von Hannah Petersen sind ebenso angenehm dezent wie die Musik von Helena Ratka. Die Patrizier aus dem Umfeld des Kaisers tragen meist schwarze Kleidung, sind somit Menschen, die nicht auffallen möchten, die sich anpassen. Nur die engen Vertrauten des Caligula sind farbiger ausgestattet, schillernder, genau wie ihr Idol. Caligula selbst trägt gerne nackte Brust mit Mantel, auch das passend für eine Figur, die die Maßstäbe des guten Geschmacks verloren hat.

Tolle Schauspieler

Die schauspielerische Leistung von Jan Byl (Cherea), Sven Simon (Lepidus) und Robert Brandt (Patricius) war großartig. Ihre Angst spürbar. Ihre Hilflosigkeit, ihr Gefangensein im Mitläufertum waren in ihrer Mimik, in den Gesten, den Bewegungen jederzeit sichtbar.

Seltsam unbeteiligt wirkte Matthias Hermann als Caligula. Wie verkörpert man einen Mann, der seine Gefühle abgespalten hat, der kalt und unberechenbar ist? Nicht durch Glätte und Zurückhaltung. Da die zentrale Figur nicht funktionierte, hatten es auch die Getreuen des Caligula schwer, schlüssig zu werden: Caesonia (Agnes Mann) liebt Caligula und wird für ihn zur Täterin. Ihre Liebe glaubte man ihr nicht. Helicon (Holger Bülow) wird zum Handlanger des Caligula, um eigene Machtgelüste zu befriedigen. Sein Machtmissbrauch wurde deutlich – er war eine Figur, die schlingerte, die auch unsicher war, dann wieder hart wurde. Überzeugend war Sophie Pfennigstorf als Scipio, als die Stimme des Widerstands.

Brillant war der Regie-Einfall, immer wieder Theater im Theater zu spielen: So bittet Caligula die Inspizientin (Kornelia Plambeck) um Saal-Licht und wendet sich an Lepidus: „Wo ist dein Sohn?“ Er sei schon gegangen, lügt der.

Caligula ruft mit sanfter Stimme, mehrfach. Dann kommt aus dem Publikum eine Jungenstimme und Titus (Lorenz Kotyrba) geht zur Bühne und zu seiner Hinrichtung, während Lepidus gebrochen zurückbleibt.

Die nächsten Termine: Caligula wird gespielt am 8. und 21. Februar sowie am 1. und 30. März um 20 Uhr in den Kammerspielen. Am 21. Februar lädt das Ensemble im Anschluss an die Vorstellung zur Gesprächsrunde „Donnerstag im Dülfer“ ein. Theaterkasse: Tel. 0451/399600

Cornelia Schoof

Kultur im Norden Interview mit Autor Günter Kunert - „Die Westler waren doch alle naiv“

Am Montag erscheint ein neuer Roman von Günter Kunert, den er vor 45 Jahren in der DDR geschrieben hat. Im März wird der Schriftsteller 90 Jahre alt. Ein Besuch.

02.02.2019

Maike Albrecht und Hans-Jürgen Schnoor mit einem Kontrastprogramm in St. Annen.

01.02.2019

Der Österreicher leitet das Philharmonische Orchester ab August dieses Jahres. Es ist das Ende einer langen Suche.

01.02.2019