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Kultur im Norden Der Müll und die Stadt und die Kunst
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18:21 23.05.2019
Die Künstlerin Janine Gerber (2. v. r.) präsentiert ihr Werk der Initiatorin Bettina Thierig sowie Michael Schmerschneider, Leiter der Kulturakademie, und Gastgeber Thilo Gollan im Hintergrund (v. l.). Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Am Anfang stand das Sammeln. Dann kam das Ordnen. Erst nach und nach entwickelte sie die Idee zu ihrer Skulptur: Aus Fundstücken aus dem Recyclingmaterial auf der Gollanwerft sollte etwas entstehen, was die Anmutung einer Stadt hat. Die Künstlerin Janine Gerber präsentierte jetzt ihr Werk: „Verkörperung einer Stadt“ hat sie es getauft.

Einen quadratischen Sockel – 1,20 x 1,20 Meter – hat die 45-jährige Künstlerin mit Folien verkleidet: eine weiße Plastikhaut, auf der noch Lieferdaten und ein PR-Code kleben. Auf einer Seite hat irgendjemand mit schwarzem Filzstift markiert „Rein“. Darüber ergießt sich eine lindgrüne, zerknitterte dünne Hülle in zarten Rillen, Fältchen und Ausbuchtungen. Auf der einen Seite der Skulptur liegt am Sockel eine zusammengeknüllte kräftige Kunststofffolie – ein roter Kontrapunkt.

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Eine Stadtlandschaft aus Industriemüll

Auf diesem Fundament hat Janine Gerber den Ausschnitt einer Stadt angeordnet: Aus Ytong-Steinfragmenten Gebäude errichtet, Durchlässe geschaffen, Flächen aus geschmolzenem Blei platziert, die wie Seen oder Hügel wirken. Reste von Betonplatten zeigen ihre spannenden Kanten und Flächen. Ein wie ein Wurm sich windendes Rohr liegt auf einem verrosteten Baugitter, das der Stadtlandschaft eine Art Dach über dem Kopf geben will. Dazwischen immer wieder Elemente, die die Künstlerin so im Müll vorgefunden, aber neu zusammengefügt hat, zum Teil mit weißer Farbe lackiert. Sie sagt: „Das sind Alu-Teile, die beim Verbrennen übrig geblieben sind.“ Die verformten, nicht mehr auf Anhieb zu identifizierenden Dinge hat sie mit Bürste und Wasser gereinigt, sie zusammengeklebt und ihnen so eine neue Funktion gegeben. Eine Patina aus Ascheresten verweist auf ihre Vergangenheit.

Unerwartete virtuelle Räume

Janine Gerber möchte mit ihrer Arbeit die Dreidimensionalität einer Skulptur sprengen. Der Betrachter wird aufgefordert, mit dem Handy durch „Die Verkörperung einer Stadt“ wie bei einem Videospiel zu gehen. So eröffnen sich ihm unerwartete virtuelle Räume: Was in der Realität wie eine urbane Mini-Landschaft anmutet, kann plötzlich so riesig werden, dass man das Gefühl hat, man befinde sich inmitten einer Ausgrabungsstätte – oder was auch immer der Betrachter an Assoziationen zulässt.

Gastgeber Thilo Gollan sagt: „Für uns und unsere Mitarbeiter ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie unsere Werkstoffe für Künstler wahre Schätze sind.“ Der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Gollan ist bereits zum zweiten Mal Gastgeber für „KunstBetriebe.“ Das Projekt, das eine Brücke zwischen Kunst, Kultur und Wirtschaft schlägt, hat die Lübecker Bildhauerin Bettina Thierig initiiert. In diesem Jahr sind bei „KunstBetriebe3“ insgesamt elf Künstler aus der Region und aus Dänemark vertreten. Premiere hatte „KunstBetriebe“ 2012 mit Unterstützung der IHK. Darauf folgte 2015 die zweite Auflage, gefördert von den Stiftungen der Sparkasse Holstein. Vor vier Jahren waren bereits dänische Künstler mit von der Partie. „Diese Verbindung zu unseren unmittelbaren Nachbarn möchten wir weiter pflegen“, sagt Bettina Thierig.

Projekt und Ausstellungen

An Skulpturen für „KunstBetriebe 3“ arbeiten auch die Künstler Thomas Kadziola bei HSP Holz und Projekt UG, die Dänin Kit Kjaerbye bei den Stadtwerken, Peter Land bei der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein, Almut Linde bei Bockholt,sowie Pia Stadtbäumer bei Brüggen.

Das Projekt 2019 endet mit zwei Ausstellungen, bei denen alle Skulpturen gezeigt werden.

Im Schloss Eutin sind die Arbeiten vom 27. September bis 17. November zu sehen.

Die Kunsthalle St. Annen in Lübeck zeigt die Skulpturen vom 29. November bis 12. Januar.

Für die jetzige dritte Runde konnte die Initiatorin weitere Stiftungen und Mitstreiter ins Boot holen. Wie etwa die Kulturakademie der Vorwerker Diakonie, die die Projektsteuerung übernommen hat. „Es ist ein großartiges Projekt, in das unsere Auszubildenden in den typischen Veranstaltungsberufen eingebunden werden“, lobt Michael Schmerschneider, Leiter der Kulturakademie. Darüber hinaus fördert die Margot und Jürgen Wessel Stiftung den pädagogischen Anteil des Projektes. Weitere Sponsoren sind die Possehl Stiftung, und die Stiftung Pro Economia der IHK zu Lübeck sowie die Gemeinnützige Sparkassen Stiftung Lübeck und die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein.

Dorothea Kurz-Kohnert