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Kultur im Norden Frische Ware aus der Dichterwerkstatt
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16:55 28.01.2019
Lübecker Literaturtreffen: Den Auftakt der Lesung machten Zora del Buono, Isabel Fargo Cole, Josef Haslinger, Thomas Hettche und Angela Lehner (v.l.).in den Kammerspielen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Ein sexbesessener Tunnelbauer, eine kleinwüchsige Prinzessin, eine Gefangene im Polizeiwagen, ein Ossi, der kurz nach Mauerfall in Westberlin einem Bettler 20 Ostmark schenkt und ihm die Vorteile des Sozialismus erklärt – wann kann man schon innerhalb von zwei Stunden so vielen schillernden Figuren begegnen? Und an einem Abend gleich zehn Autoren aus Deutschland und Österreich zuhören? Lübeck macht’s möglich. Seit 2005 treffen sich Anfang des Jahres renommierte Schriftsteller und Debütanten, um abseits der Öffentlichkeit über frische Manuskripte zu diskutieren und zum Abschluss daraus vorzulesen. Günter Grass hatte diese Dichterwerkstatt ins Leben gerufen, zum vierten Mal fand das literarische Gipfeltreffen ohne den 2015 verstorbenen Initiator statt.

Zwischen Elend und Sorge

Aber ganz in seinem Geist, wie die österreichische Autorin Eva Menasse betonte, die zu den Stammgästen in Lübeck gehört und klug-charmant durch den Abend führte. Den Auftakt machte die in Zürich geborene Zora del Buono, die bereits vor zwei Jahren in Lübeck gelesen hat. Nun stellte sie eine kurze Szene aus „Gotthard“ vor, ihrer Baustellennovelle vom gleichnamigen Tunnel mit einem Bauarbeiter, der erotische Fantasien am Arbeitsplatz entwickelt. Originell und kurzweilig. Vom Gotthard in den Harz: Die Amerikanerin Isabel Fargo Cole, Übersetzerin bedeutender deutscher Autoren, hat einen Roman über das Leben an der innerdeutschen Grenze geschrieben, der es auf die Shortlist für den Buchpreis geschafft hatte. Ein junges Künstlerpaar zieht 1973 mit der Tochter von Berlin nach Elend in den Harz (der Ort heißt wirklich so und liegt gleich neben Sorge). Die innerdeutsche Grenze ist in Sichtweite und bestimmt das Leben der Familie, das ist bereits in dem kurzen Textausschnitt zu spüren.

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Der österreichische Autor Josef Haslinger wählte einen Ausschnitt aus seinem bereits 2011 erschienenen „Jáchymov“. In dem gleichnamigen Kurort an der deutsch-tschechische Grenze begegnen sich ein Verleger und eine Tänzerin, deren Vater im dortigen Arbeitslager, einem Uranbergwerk, schuften musste. Bedrückend.

Kleinwüchsige Prinzessin

Danach kommt der in Berlin lebende Thomas Hettche mit seiner kuriosen Geschichte über ein kleinwüchsiges Schlossfräulin auf der Brandenburger Pfaueninsel im gleichnamigen Roman gerade recht. Er liest kraftvoll – und die Assoziationen zum kleinen Oskar Matzerath aus Grass’ „Blechtrommel“ liegen nahe. Am Ende der ersten Leserunde gibt die 1987 in Klagenfurt geborene Angela Lehner ihr Debüt beim Autorentreffen mit „Vater unser“, das am 18. Februar bei Hanser erscheint. Sie schreibt über die geisteskranke junge Eva, die in ein Wiener Spital eingeliefert wird und dort ihre furchtbare Kindheit offenbart. Der Inhalt ging aus der Lesung nicht so genau hervor.

Schelmenroman von Ingo Schulze

Nach der Pause waren dann die Stammgäste an der Reihe. Eva Menasse geht in ihrem Roman „Tiere für Fortgeschrittene“ von Tiermeldungen aus, um Menschen zu beschreiben – bei der Lesung eine Familie, die nach einem Todesfall in ein Ferienresort in die Türkei fliegt. Robert Schindel, 1944 als Sohn jüdischer Widerstandskämpfer in Wien geboren und schon mehrfach in Lübeck zu Gast, beglückte wieder mit seiner vitalen Lyrik und schenkte den Zuhörern Wörter wie „pfefferglücklich“ und „bebücheln“. Gelacht wurde bisher kaum, dafür sorgte dann der in der DDR aufgewachsene Ingo Schulze mit einer Szene aus seinem Schelmenroman „Peter Holtz“. Der Kieler Feridun Zaimoglu schloss leichtfüßig mit neuen Versen an über einen Maler, der die Welt bestaunt – mit seiner großartigen tiefen Stimme im Stile von Poetry Slam gelesen.

Der Nestor der Runde, Timan Spengler, ist seit Anbeginn in der Dichterrunde. Er beschloss den Abend mit einer Verbeugung vor Grass mit einer Lesung aus „Das Treffen in Telgte“. Das Buch ist vor 40 Jahren erschienen und beschreibt das fiktives Treffen deutscher Dichter und Schriftsteller im Jahre 1647. Und wer wissen möchte, was Autoren denn hinter verschlossenen Türen so weltbewegendes besprechen, erhielt auch einen kleinen Einblick von Spengler: So wurde 20 Minuten darüber diskutiert, wie man den österreichischen Ort Hallein ausspricht.

Petra Haase

Kultur im Norden Lübecker Literaturtreffen - „Unendlich liebenswert“
28.01.2019