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Kultur im Norden Wenn Musik krank macht
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19:00 08.03.2019
Ausgebildeter Pianist und Neurologe: Professor Alexander Schmidt kennt sich aus mit Krankheiten und Nöten von Profimusikern. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Prof. Alexander Schmidt leitet das Berliner Centrum für Musikermedizin an der Charité und ist selbst ausgebildeter Pianist. In seinen Sprechstunden ist er mit Sorgen und Nöten von Berufsmusikern konfrontiert.

Herr Schmidt, Musik macht gesund und glücklich, heißt es. Was ist gefährlich daran?

Aktives Musizieren ist gesund und macht glücklich. Etwa 14 Millionen Laienmusiker spielen in Deutschland aus Freude. Aber wenn man Musik zu exzessiv betreibt, jahrelang viele Stunden am Tag übt, gibt es gesundheitliche Risiken, die zu Krankheiten führen können.

Welche wären das?

Am häufigsten treten Schmerzerkrankungen wie Überlastungssyndrome oder chronische Schmerzsyndrome auf – bei Pianisten und Geigern häufig im Bereich der Hände. Außerdem gibt es verschiedene Sehnenerkrankungen, Hörstörungen und Bewegungsstörungen wie die fokale Dystonie, die ich erforsche.

Was ist die fokale Dystonie?

Dabei kommt die Koordination der Finger am Instrument durcheinander. Profis können Bewegungen, die sie jahrzehntelang wie im Schlaf gemacht haben, nicht mehr korrekt ausführen. Die Finger krümmen sich, die Hand verkrampft.

Warum passiert das?

Ursache ist das übermäßige feinmotorische Arbeiten, manchmal gibt es auch eine genetische Veranlagung. Interessanterweise tritt diese Störung nur am Instrument auf, die übrige körperlich-neurologische Untersuchung ist unauffällig.

Welche Behandlungen gibt es?

Man kann gezielt alle drei Monate ein Medikament, das Botulinumtoxin, in betroffene Muskeln spritzen. Manche Musiker nehmen es auch auf sich, neue Bewegungsmuster am Instrument einzuüben. Heilbar ist diese Störung allerdings nicht, sie kann bis zur Berufsunfähigkeit führen.

Welche Musiker betrifft das besonders?

Das tritt speziell an Instrumenten auf, an denen man besonders viel feinmotorisch arbeitet, bei Pianisten etwa und bei Geigern, da ist vor allem die linke Hand betroffen. Musiker mit Dystonie haben häufig eine Neigung zu Ängsten und Perfektionismus. Psychische Erkrankungen sind übrigens neben den körperlichen Beschwerden ein großes Thema bei unseren Patienten.

Übersteigertes Lampenfieber?

Lampenfieber ist ja normal, aber wenn die Angst auf der Bühne zu groß ist, kann das krankhaft werden. In der Regel betrifft diese sogenannte Auftrittsangst Menschen, die besonders sensibel und ängstlich sind. In bestimmten Situationen, etwa beim Vorspiel, bei Wettbewerben oder Probespielen bei Orchestern, können sich diese Ängste dann extrem steigern.

Wie äußert sich die Angst auf der Bühne?

Körperliche Reaktionen sind Händezittern, Herzrasen, vermehrte Atmung. Die Symptome treten immer da auf, wo man sie am wenigsten brauchen kann: beim Pianisten ist es das Händezittern, beim Flötisten das feine Flattern der Lippen.

Wie können Sie helfen?

Ich kann den Patienten Entspannungsverfahren zeigen und es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Sicherheit auf der Bühne zu erhöhen, etwa durch mentales Üben.

Was heißt das?

Üben ohne Instrument. Häufig haben Musiker Angst, beim Auswendigspielen die Notenfolgen zu vergessen. Es gibt Methoden, sich diese gut einzuprägen. In unserem Zentrum haben wir dank der interdisziplinären Zusammenarbeit zudem gute Möglichkeiten, auf unterschiedliche Arten zu helfen. Mit speziellen Medikamenten wie Beta-Blockern in niedriger Dosierung kurz vor dem Auftritt kann man versuchen, körperliche Symptome zu beruhigen. Wenn man merkt, dass der Körper funktioniert, mindert das die Angst. Auch spezieller Sport kann helfen.

Haben Sie den Eindruck, dass die psychischen Krankheiten bei Musikern zunehmen?

Auf jeden Fall, der Druck hat zugenommen. Sie müssen nur mal mit Musikern aus Spitzenorchestern sprechen. Wenn da beispielsweise ein Soloklarinettist gesucht wird, gibt es auf eine Stelle bis zu 250 Bewerbungen. Das sind alles hervorragende Musiker. Zunächst wird anhand der Bewerbungen zum Probespiel vor einer Orchesterjury eingeladen. Die Bewerber spielen häufig zunächst hinter einem Vorhang, damit das Äußere bei der Bewertung keine Rolle spielt. Danach geht es in die nächste Runde, am Ende wird einer ausgewählt. Und es ist ja in der Kunst anders als in der Mathematik, es gibt kein richtig oder falsch. Letztendlich bleibt es eine subjektive Entscheidung, die auch stark vom Urteil einzelner abhängt.

Welche Rolle spielt das Äußere? Wenn man junge Künstler sieht, die sind alle perfekt gestylt, haben sexy PR-Fotos.

Ja, es gibt interessante Studien dazu, ich habe das auf einem Kogress mal selbst erlebt. In zwei Filmen war exakt die gleiche Musikaufnahme, ein Stück von Brahms, zu hören. Der erste Pianist hat mit ausladenden Gesten gespielt, ist mit der Musik mitgegangen. Der zweite hat sehr zurückhaltend und stoisch gespielt. Ich bin ja nun auch ausgebildeter Pianist, aber auch ich hatte geglaubt, dass der mit den großen Gesten die Musik intensiver umgesetzt hat. Also das Äußere wird unterbewusst immer auch mit beurteilt.

Wie viele Musiker suchen Hilfe bei Ihnen?

Inzwischen mehrere hundert im Jahr. Aber wir haben mit wenigen angefangen vor etwa drei Jahren, denn das Thema ist mit vielen Tabus behaftet.

Jeder zweite Orchestermusiker mit Beschwerden

Eine Studie zeigt, dass jeder zweite Orchestermusiker körperliche Beschwerden hat. Alarmierend ist dabei: Nicht nur zwei Drittel der über 50-Jährigen klagen darüber, sondern bereits 30 Prozent der unter 35-Jährigen, wie aus der Studie „Altern im Orchester“ im Auftrag der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) hervorgeht. 77 Prozent der Musiker wünschten sich ein Angebot an gesundheitsfördernden Maßnahmen wie etwa Physiotherapie.

Weitere Ergebnisse der vom Institut für Begabungsforschung in der Musik an der Universität Paderborn durchgeführten Studie: Streicher (62 Prozent) und Harfenistinnen (61 Prozent) gaben besonders häufig körperliche Beschwerden an. Bläser lagen mit 47 Prozent etwas unter dem Gesamtdurchschnitt, am wenigsten Beschwerden nannten die Perkussionisten (39 Prozent). Die häufigsten Beschwerden betreffen den Bewegungsapparat (83 Prozent), am zweithäufigsten sind Probleme mit dem Gehör (34,3 Prozent). Mit Blick auf Therapie und Prävention böten die Orchester bisher nur wenig Unterstützung, hieß es.

Warum?

Wenn Sie in den besten Orchestern der Welt spielen, müssen Sie immer Spitzenleistungen abliefern und erzählen lieber nicht, dass Sie unter psychischen Problemen oder körperlichen Beschwerden leiden und eingeschränkt sind. Aber inzwischen hat sich herumgesprochen, dass wir gute Arbeit leisten. Musiker aus Berlin und ganz Deutschland, vor allem aus dem Norden und Osten, kommen zu uns. Ich war als begleitender Arzt mit der Staatskapelle Berlin auf mehreren Konzertreisen. Zunächst war unser Institut nur als Einrichtung für klassische Musiker konzipiert, aber inzwischen kommen auch viele Popmusiker.

Was haben die für Probleme?

Ähnliche wie die klassischen Musiker. Aber sie haben typischerweise noch weniger geordnete Berufsverhältnisse und dadurch mehr seelische Belastungen. Auch der Substanzkonsum ist bei manchen höher.

Substanzkonsum? Sie meinen Drogen?

Ja.

Ist das auch bei den klassischen Musikern ein Problem?

Es ist schon ein Thema, aber nicht so groß, wie landläufig gedacht wird. Inzwischen ist das ein Hochleistungsbereich, und da kann man sich eigentlich nicht mehr erlauben, regelmäßig Alkohol oder anderes zu konsumieren.

Kommen auch richtige Stars zu Ihnen?

Die Frage ist, wie man Stars definiert. Aber ja, es kommen bekannte Musiker in meine Sprechstunde.

Sie verraten keinen Namen?

Natürlich nicht. Wir haben Schweigepflicht, die Patienten werden diskret behandelt. Da werden sich keine Kollegen in unserem Wartezimmer treffen.

Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp, auch für Hobbymusiker, wie man körperlichen Schäden vorbeugen kann?

Man sollte auf jedem Niveau versuchen auf die richtige Haltung und Spieltechnik am Instrument zu achten und Über- und Fehlbelastungen zu vermeiden. In jedem Fall sollte der Spaß an der Musik im Vordergrund stehen.

Pianist und Neurologe

Prof. Dr. Alexander Schmidt (42) wurde in Kiel geboren. Er absolvierte zunächst ein Klavierstudium bei Prof. Wladimir Krainew an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und studierte danach Medizin in Hannover. Nach der Promotion im Jahre 2009 absolvierte er eine neurologische Facharztausbildung an der Klinik für Neurologie und am Institut für Neurogenetik der Universität Lübeck und der Ameos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck. Seit 2014 hat er eine Professur für Musikermedizin an der Hochschule für Musik „Hanns EislerBerlin, wo er das Kurt-Singer-Institut für Musikphysiologie und Musikergesundheit leitet. Seit 2015 ist er zudem Leiter des Berliner Centrums für Musikermedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, wo er regelmäßig Sprechstunden hält. Er lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Lübeck.

Petra Haase

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