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Kultur im Norden Sieht man, ob in Reihe 5 einer schläft?
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17:35 25.09.2019
„Rausgehen finde ich schade, aber durchaus legitim“: Rachel Behringer. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Rachel Behringer (30) stammt aus Freiburg im Breisgau und war schon im Jugendclub des dortigen Theaters aktiv. Sie hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Theaterwissenschaft und in Hannover an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Schauspiel studiert. Seit der Saison 2016/17 gehört sie fest zum Ensemble des Theaters Lübeck. Derzeit ist sie dort unter anderem in Schillers „Die Räuber“ zu sehen. Ihr Ritual: vor der Vorstellung Zähne putzen und beten, nach der Vorstellung Füße waschen.

Sieht man überhaupt etwas, wenn man von der Bühne ins Publikum schaut?

Es kommt auf das Licht an. Aber man sieht die Besucher schon recht gut, nicht nur die ganz vorne.

Also auch, ob jemand in der fünften Reihe schläft?

Auch das.

Mehr zur Lübecker Theaternacht lesen Sie hier:

Handy weggepackt

Erkennen Sie die Mimik in den Gesichtern?

Sicher, wobei man im Studio natürlich viel näher dran ist als im Großen Haus. Da sieht man dann schon jeden Einzelnen. Manchmal kommen wir auch von den Seiten herunter zur Bühne, und dann kann es wie neulich bei den „Drei Schwestern“ passieren, dass man an jemandem vorbeigeht, der gerade in sein Handy guckt. Es wurde aber gleich weggepackt.

Wobei Theater ja im Grunde eine irreguläre Situation ist: Man lernt als Kind, Menschen nicht anzustarren, aber im Theater tut man genau das.

Es ist als Zuschauer auch gar nicht so einfach, jemandem in die Augen zu gucken. Und auch ich als Schauspielerin musste erst mal lernen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Das hab ich mich am Anfang gar nicht getraut. Wenn sich Blicke begegnen, macht das natürlich etwas mit einem. Das ist ein ganz besonderer Moment.

Zuschauer aufgeweckt

Wenn jemand dann wegschaut oder man merkt, es interessiert ihn nicht: Wirft einen das aus der Bahn?

Manchmal bleibt man dann extra da und spielt nur für ihn. Es kommt ja auch vor, dass Schauspieler grantig werden, das finde ich schwierig. In Stuttgart habe ich mal einen Kollegen erlebt, der einen Zuschauer in der ersten Reihe sehr behutsam und charmant aufgeweckt hat. Ich finde, man muss immer einen Weg finden, es mit Humor und Charme zu machen. Obwohl ich manchmal den Eindruck habe, einige kommen nur zum Schlafen ins Theater.

Macht einen das nicht fertig als Schauspieler?

Nein, solange es nicht alle sind. Bei einem finde ich das noch ganz witzig.

Und wenn jemand geht?

Bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ gab es für mich einen ganz wertvollen, wahrhaftigen Moment. Da habe ich ein Lied gesungen, und gerade dann sind in einer Vorstellung Leute aufgestanden. Das schmerzt natürlich. Aber man lernt, auch damit umzugehen. Und es kann nicht immer allen gefallen, das ist auch klar.

„Man kann auch Applaus verweigern“

Ist Rausgehen die schärfste Waffe des Zuschauers?

Rausgehen finde ich schade, aber durchaus legitim, das kann ja auch seine Gründe haben. Man kann auch den Applaus verweigern. Aber das ist genauso das gute Recht des Zuschauers, absolut. Schwierig finde ich, wenn zu viel gehustet wird. Wenn einer anfängt, kommt meist der nächste dazu. Da wird’s im Zuschauerraum manchmal lauter als auf der Bühne.

Wenn Sie wie im Studio ganz dicht vor den Zuschauern stehen: Ist das eine unangenehme Situation?

Wenn man es einmal durchbrochen hat, ist es die größte Freiheit, die man haben kann auf der Bühne. Dann kommt man wirklich in Kontakt mit den Zuschauern.

Wann macht man diesen Durchbruch?

Jeden Abend wieder. Aber ich weiß, dass die Bühne für mich ein sicherer Ort ist. Ein geschützter Raum, in dem mir nichts passieren kann, auch wenn ich mal den Text vergessen sollte.

War sie das immer für Sie?

Ich glaube schon, sonst wird man da wahrscheinlich nicht so hingezogen. Es ist ein Ort, an dem viel passieren kann und an dem ich viel sein und tun darf. Das ist für mich immer wieder ein großes Geschenk. Man kann Leute verzaubern und bekommt vom Publikum so viel zurück. Beide Seiten haben etwas geteilt, das so nie wiederkommt.

Leute sind Energie

Gibt es Situationen, in denen man das Publikum völlig vergisst?

Man blendet es nie aus. Und es ist ein Riesenunterschied, ob ich vor leeren Reihen probe oder ob Menschen da sind. Dann ist eine ganz andere Energie im Raum. Man ist viel präsenter. Bei einem Anfangsmonolog von „Nosferatu“ hatten wir in den Proben immer das Gefühl, da fehlt etwas. In der Hauptprobe kamen dann Leute dazu, und wir merkten: Das war’s!

Je voller der Saal, desto schöner ist es zu spielen?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal guckt man vorher, ob viele Karten verkauft wurden, und ein volles Haus ist natürlich toll. Aber die wunderbarste Vorstellung von „Ich distanziere mich . . .“ hatte ich, als nur zehn Leute da waren. Ich dachte zuerst: Oh Gott! Horror! Und dann war es so großartig! Ich habe gemerkt, die Leute waren so dankbar, dass ich quasi nur für sie gespielt habe. Da kam total viel zurück. Ein voller, aber gelangweilter, uninteressierter Saal kann schlimmer sein als ein kleiner mit zehn, aber hoch konzentrierten Leuten.

Sieht man ihnen das an?

Ja, und man spürt es auch.

„Oje, was machst du da?“

Merken Sie sofort, ob es ein guter Abend wird?

Man kann sich selbst nicht immer richtig einschätzen, das habe ich auch gelernt. Manchmal denkt man: Oje, was machst du denn da? Und hinter der Bühne sagt eine Kollegin: Super! Das war richtig gut! Oder ich habe den Eindruck: Die Leute sind gar nicht dran, ich muss mehr Gas geben. Und nachher fragt jemand: Warum hast du denn so gehetzt? Aber es ist immer anders, jeder Abend. Das ist ja auch das Einmalige und Großartige beim Theater: Es passiert immer nur einmal, in diesem einen Moment.

Wenn Sie selbst ins Theater gehen, achten Sie auf das Handwerk der Kollegen?

Das passiert unweigerlich. Vor allem bei Schauspielern, die ich sehr bewundere. Von Sandra Hüller zum Beispiel gucke ich mir manche Filmszenen ganz oft hintereinander an, weil sie das so toll macht. Auch von von meinen Kollegen hier kann ich ganz viel lernen und in Hamburg Charly Hübner und Lina Beckmann oder Kristof van Boven zu sehen – da bin ich einfach begeistert.

„Publikum voller Kinder ist so toll“

Was können Sie Zuschauern ans Herz legen?

Also erst mal gibt es ohne Zuschauer kein Theater. Für sie verschenken wir uns, und das Publikum wiederum beschenkt uns mit seiner Aufmerksamkeit. Wenn der Vorhang sich hebt, treffen wir die Verabredung, zusammen auf die Reise zu gehen. Und ich finde, dass Kinder tatsächlich das beste Vorbild für uns als Zuschauer sind, denn sie reagieren so unmittelbar, ohne Filter, lassen sich berühren und mitreißen. Ein Publikum voller Kinder ist so toll anzusehen, da wird gejubelt, mitgefiebert, gelacht, geschrien, geklatscht, getrampelt, dass es eine Freude ist. Und dann erinnere ich noch eine Vorstellung, in der ein Mann mit Behinderung war, und er hat schon laut gejauchzt, als nur der Vorhang aufging, und dann die ganze Vorstellung über lautstark reagiert, gejubelt und winkte uns Schauspielern, er hat sich so gefreut und dieser Freude einfach Raum gegeben. Erst hat man so eine Verunsicherung gespürt auf beiden Seiten, bei uns auf der Bühne und im Publikum, und dann haben wir es einfach angenommen, und es war so befreiend und schön. Ich fand es großartig, dass er da war, weil er einfach diese „Erwachsenenregeln“, diese „Theaterregeln“ aufgehoben hat, wie man sich zu benehmen hat, ganz kindlich und frei reagiert hat, das war wunderbar und sollte eigentlich ganz normal und keine Ausnahme sein.

„Es ist nur Theater“

Hatten Sie einige Ihrer glücklichsten Momente im Theater?

Nein, das wäre wohl auch ein bisschen traurig. Dann hätte man ja nur ein Theaterleben. Meine Zwillingsschwester hat sechs Kinder, und ich habe so viel Respekt und Bewunderung für sie. Wenn ich mal wieder dort bin, merke ich: Es ist nur Theater, was wir hier machen. Es gibt auch noch ein anderes Leben. Und da geht es erst mal nur darum, den Alltag zu bewältigen, seinem Kind etwas vorzulesen. Trotzdem ist die Bühne ein Ort, der einen ganz, ganz glücklich machen kann.

Von Peter Intelmann

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