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Kultur im Norden Ein Haus mit Herz und Tradition
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06:02 14.07.2019
Angela Evers im Garten hinter dem alten Kaufmannshaus, den bereits ihr Ururgroßvater Samuel Wilms angelegt hat. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck

Wie relativ Zeiträume doch sind. Die Fossilien auf einer der Ölandfliesen auf dem Dielenboden seien mehr als 400 Millionen Jahre alt, berichtet die Hausherrin Angela Evers. Und daran gemessen nur einen Augenschlag lang, seit drei Jahrhunderten, befindet sich das dreiteilige Gebäude mit dem Innenhof im Besitz ihrer Familie. Im Garten, in dem noch heute zu sehen ist, wie ihr Ururgroßvater Samuel Wilms ihn einst angelegt hatte, blühen wie früher Lavendel, Verbene, Hornveilchen.

Manches hier wurde weitergegeben an die folgenden Generationen. Die raffinierte Küche sei bereits die Passion ihrer Mutter Hannemarie gewesen, erzählt Evers, und ein vergilbtes Kochbuch offenbart, dass ihre Ururgroßmutter Mariechen eine ausgezeichnete Köchin war.

Kreativität als Tradition: Angela Evers’ kandierte Blüten sind in ganz Deutschland gefragt. Quelle: Lutz Roeßler

Köstlichkeiten aus Blüten und Schokolade

Im Kabinett im Erdgeschoss, wo Angela Evers heute ihre Köstlichkeiten aus Blüten und Schokolade präsentiert, hängt eine Auszeichnung, die Mariechen für ihre Kochkünste erhalten hatte. Evers, vorher bereits erfolgreich als Modedesignerin tätig, und ihre Tochter Diana Li – international ebenfalls im Modedesign unterwegs – haben mit ererbter Kreativität und modernem Unternehmergeist die Manufaktur „Evers & Tochter“ aufgebaut.

Besonders verbunden im Denken und Handeln fühle sie sich mit ihrem Ururgroßvater Samuel Wilms, erklärt Angela Evers. Von der Schokoladenmanufaktur, wo sein Porträt hängt, scheint er hinüberzublicken zum Flachbau neben dem früheren Tanzsaal. Dort hatte er sich eine Sternwarte eingerichtet.

Zu der Zeit in Lübeck nichts Ungewöhnliches, wie die 61-Jährige berichtet.

Gemischtwarenladen „Engel & Mitterhusen“

Die Familie führte früher den Gemischtwarenladen „Engel & Mitterhusen“ in der Großen Petersgrube, in der damals belebten Straße des Handels. Verkauft wurden Eisen-, Emaille- und Kurzwaren, Hausgeräte, Kristall, aber auch Seifen und Parfüm. Das Stammhaus war ab 1914 das Gebäude Nummer 29, heute ist das Gebäude an der Obertrave Sitz der Musikhochschule.

Evers’ Großeltern wurden während des Zweiten Weltkriegs in Berlin ausgebombt und zogen in das Haus der Familie auf die Altstadtinsel. Das wahrscheinlich im 13. Jahrhundert erbaute Gebäude beherbergte verschiedene Unternehmen, unter anderem eine Puppenklinik, einen Antiquitätenhandel, eine Anwaltskanzlei, einen Friseursalon.

Doch das geschäftige Kommen und Gehen habe nicht recht zu dem Haus gepasst, empfand Angela bereits als Kind: „Es war, als sei die Seele des Hauses begraben. Das entsprach einfach nicht dem Feinsinn meines Ururgroßvaters.“

Mittlerweile wird es von befreundeten Mietern bewohnt, mit denen es wie mit den anderen Nachbarn ein sehr nettes Miteinander gebe, wie Evers betont. Und es trägt heute noch die Handschrift Samuels; über die Brücke mehrerer Generationen scheinen sich hier Gleichgesinnte zu treffen.

Schatzkammer voll kreativer Arbeiten

Ihr Urgroßvater sei ein sehr kreativer Mensch mit vielen Interessen gewesen, so Evers. In der „Schatzkammer“, wie sie die eigentlich als Lager angelegte Zwischenetage nennt – „das Herz unserer Manufaktur“ – lagert sie die kandierten Blüten neben den feinen Drechselarbeiten, die ihr Vorfahr hinterlassen hat: Arbeitsergebnisse, die von Können und Ideenreichtum zeugen.

Auch Samuels Herbarium liegt hier. Beim Blättern fällt auf, dass die gleichen Blumen, die darin gepresst und von der Zeit vergilbt zu sehen sind, jetzt unten im Innenhof in Blüte stehen. Das Haus habe viele Geschichten zu erzählen, die sie irgendwann einmal aufschreiben müsse, so Angela Evers nachdenklich. Dazu fühle sie sich verpflichtet.

Familiengeschichte: Kochbuch und Herbarium der Ururgroßeltern. Quelle: Lutz Roeßler

Sie empfängt gern Besucher in ihrem Elternhaus: Touristen auf Stadtführungen oder Interessenten für ihre Blüten und Schokoladen. Und dabei geht es nicht nur um die Manufaktur: „Ich freue mich besonders, wenn mir Gäste sagen, dass sie die besondere Seele dieses Hauses spüren.“ In der heutigen Zeit komme das bewusste Innehalten mitten im Alltagstreiben viel zu kurz, die „Kraft des Augenblicks durch Genuss“, wie Evers es nennt.

Das Haus sei heute nach seiner wechselvollen Geschichte wieder im Geiste Samuels ein Ort der Kreativität, des kaufmännischen Handelns, aber auch des Genießens der schönen Seiten des Lebens, resümiert Angela Evers: „Ich spüre meine Wurzeln in diesen Räumen und lebe hier mein ganz persönliches Märchen.“

Margitta True

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