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Kultur im Norden Alte Liebe: Mariele Millowitsch und Walter Sittler
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14:42 15.11.2019
Mariele Millowitsch und Walter Sittler lesen im Kolosseum Lübeck aus dem Buch „Alte Liebe“. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

Man nimmt es Mariele Millowitsch und Walter Sittler ab, das Paar mit seiner „Alten Liebe“ und es fühlt sich so heimisch und vertraut an. Immerhin flimmern beide Schauspieler oft genug über die Mattscheibe. Aber sie haben eben diese unglaubliche Leichtigkeit in ihrem Spiel, den souveränen Zugriff auf die Klaviatur der Emotionen. Das stellen sie auch auf der Bühne unter Beweis.

Ist es schon Glück, wenn es einfach nur hält?

Harry gönnt sich als Pensionär nach Jahrzehnten Langeweile im Bauamt jetzt sein Weißbier, den Garten und Golf mit Kumpel Ede. Seine Frau Lore sieht das mit Missbilligung. Die Bibliothekarin zögert noch, ihre Welt zwischen Büchern und Autoren aufzugeben, obwohl das alles auch keinen rechten Biss mehr hat. Die Welt kann es ihr gerade nicht recht machen und so weitet sie ihre Unzufriedenheit großzügig aus auf die Autoren, ihre Kollegen und natürlich auf Harry: „Ist es denn schon Glück, wenn es einfach nur hält?“

Die immer gleichen Missverständnisse

So mancher Zuschauer wird sich wieder erkannt und geschmunzelt haben, als es los ging mit den eingefahrenen Repliken, den immer gleichen Missverständnissen, mit so viel unbemerktem Verständnis füreinander. Beide Eheleute, das wird deutlich, haben Angst vor der gemeinsamen Zeit zuhause, wenn kein Ausweichen mehr möglich ist. „Es ist, als wäre meine Seele zutiefst erschöpft“, geht Lore ihrem Zustand auf den Grund. Millowitsch macht die vibrierende Unruhe ihrer Figur nahezu greifbar.  

Die Einschläge kommen näher

Das Altwerden ist ein Massaker, zitiert Lore den Autor Philip Roth, da sie sich ohnehin stets auf ihre Literaten bezieht. Es stirbt ja alles weg, denn diese Lebensphase ist die Zeit der Verluste: von Haaren, der Libido, von Freunden – die Seite mit den Todesanzeigen ist mittlerweile relevant, denn die Einschläge kommen jetzt näher. Tatsächlich erwischt es Harrys frühere heiße Affäre Verena, was Lore noch einmal den längst verschütteten Schützengraben aufbuddeln lässt. Harrys Sinnieren lässt tief blicken, wie gefährlich die andere Frau für die Ehe war, aber auch wie aufrichtig seine Gefühle für Lore noch sind. Etwas zwiespältig das Ganze, wie seine Einschätzung von Lores Lage. Anders, als Lore im inneren Dialog vermutet, analysiert er scharf ihre Befindlichkeiten. Dennoch bleibt er ratlos: „Wie alt muss man werden, um seine Frau zu verstehen?“

Bis zu Tränen betroffen

Sie versteht sich ja selbst nicht und gerät immer stärker unter Druck. Was muss sie ändern? Wie? Mit wem? Sich noch einmal verlieben, davon träumt sie. Vor allem nach dem Tod ihrer Mutter, die jahrelang im Koma gelegen hatte. Lore ringt mit der sich ausbreitenden Leere in ihr und bricht in Trauer aus, Millowitsch macht das Publikum bis zu Tränen betroffen.

Sie entdecken sich neu

Das könnte wohl alles noch länger so gehen, wäre da nicht die bevorstehende Hochzeit der irgendwie längst entglittenen, unsteten Tochter Gloria, die wieder mal den Falschen heiraten will. Diesmal einen Immobilienbonzen, ausgerechnet. Das fordert Familiensolidarität ein, aber vor Ort ist alles viel entsetzlicher, protziger und gefühlskälter als befürchtet. Das macht die Eltern einig und rebellisch. Sie wirbeln über die Tanzfläche. verschwinden ins Hotel und entdecken sich neu. Da sind sie also doch noch, jene Momente, denen doch letztlich alles gilt.

Zu spät

Die beiden sind profan glücklich und endlich schmieden sie Pläne, als Harry aus der Bibliothek den Anruf erhält. Seine Lore ist am Schreibtisch eingeschlafen, für immer. Was ihm bleibt, sind ihre Bücher. Nach ihnen greift der „Kulturbanause, der nicht liest und verblödet“, nun doch. Und Walter Sittlers Stimme mutet dem Publikum in den wenigen Sätzen nach dem Begräbnis die ganze emotionale, aufwühlende Tiefe dieser Tragik zu: zu spät.

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Von Margitta True

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