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Kultur im Norden Markus Meckel über Erinnerungskultur
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17:54 31.01.2019
Markus Meckel im Beichthaus des Hansemuseums. Quelle: Foto: Neelsen
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Lübeck

Markus Meckel (66) hält nicht viel vom Geschichtsunterricht an deutschen Schulen. Der sei „ziemlich katastrophal“ sagte er. Das ist keine gute Diagnose in Zeiten wie diesen, in denen es bald keine Zeitzeugen von den großen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts gibt. Aber auch sonst plädierte er bei seinem Vortrag am Mittwoch im Hansemuseum für einen anderen Umgang mit der verblassenden Erinnerung.

Meckel ist selbst eine wichtige Person der Zeitgeschichte. Er hat in der DDR die Sozialdemokratie mitgegründet, war Außenminister der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer und beteiligt an den Zwei-plus-Vier-Gesprächen zur deutschen Wiedervereinigung. Bis 2009 hat er im Bundestag gesessen und sich unter anderem als Ratsvorsitzender der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ um das schwierige geschichtliche Erbe gekümmert.

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Wobei er den Namen „SED-Diktatur“ heute eher falsch findet, wie er sagte. Das verkürze die Perspektive. Es gehe im Kern um die „kommunistische Diktatur“, die aber habe halb Europa beherrscht. Überhaupt schlägt sein Begriff der Erinnerung einen weiten Bogen und schließt alle Opfer ein, von Nationalsozialismus und Stalinismus, von Krieg und Vertreibung.

Aber das sei ein schwieriges Geschäft und nur im ständigen Dialog zu betreiben. Viele seien Täter und Opfer zugleich gewesen. Die von rechten Freikorpssoldaten ermordete Rosa Luxemburg etwa zähle natürlich zu den Opfern, tauge aber als wenig lupenreine Parlamentarierin nicht zur „Idolfigur“. Auf Soldatenfriedhöfen lägen 17-jährige Kriegsverbrecher, und wer von ihnen rede, dürfe auch von den mehr als zwölf Millionen deutschen Vertriebenen nicht schweigen. Oder von den mehr als drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die die deutschen Lager nicht überlebt hätten. Natürlich dürfe man die Opfer nicht aufrechnen, aber man müsse einen Modus und eine Sprache finden, damit umzugehen. Er selbst hat das einmal „gedenken ohne zu ehren“ genannt.

Die DDR habe den Antifaschismus zur Staatsräson erklärt, sagte Meckel. Das habe es ihren Bürgern leicht gemacht, sich qua Geburt ebenfalls als Antifaschisten zu begreifen. Umso erstaunter seien sie gewesen, als man sie in Polen oder anderen sozialistischen Bruderländern vor allem als Deutsche betrachtet habe, und zwar als schuldbeladene Deutsche. Es sei daher enorm wichtig, dass mit dem EU-Beitritt der osteuropäischen Länder auch deren Geschichte in die Gemeinschaft eingeflossen sei. „Der Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur heißt zuerst einmal: Ohren auf!“, sagte er. Sonst würden wir uns selbst nicht verstehen.

Mit dem Vortrag ist erstmals das neue „Forum Erinnerungskultur Lübeck“ in Erscheinung getreten, das sich des kritischen Erinnerns an totalitäre Herrschaft in der Hansestadt widmet.

Kontakt: info@gedenkstaette-lutherkirche.de

Peter Intelmann

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