Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Meese in St. Petri: Pastor Schwarze zieht Bilanz
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Meese in St. Petri: Pastor Schwarze zieht Bilanz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:21 28.03.2019
„Jetzt wurde ein Zeichen gesetzt, dem weitere Taten folgen dürften“: Pastor Bernd Schwarze in der Petrikirche, wo sechs Wochen lang eine Installation von Jonathan Meese zu sehen war. Quelle: Olaf Malzahn
Anzeige
Lübeck

„Ihr habt genau eine Nacht Zeit“, um das ganze Zeug wegzuschmeißen“, brüllte der Mann mit den Riesenkopfhörern unsere Turm-Kassiererin an. „Sonst komme ich wieder und zerstöre alles! Denn Gott duldet solchen Frevel nicht.“ Tags darauf weiteten wir die Öffnungszeiten für die Kirchenhalle aus mit der Begründung, es kämen so viele Besucher in die Ausstellung. Das stimmte, war aber nur die halbe Wahrheit. Denn nach diesem Zwischenfall mit dem drohenden Besucher hatte unsere Mitarbeiterin Angst, und wir wollten sie nicht allein lassen. Seitdem war zu ihrer Sicherheit auch abends ein Küster vor Ort, und der konnte dann zugleich die Kunst bewachen.

Anzeige

Sechs Wochen Jonathan Meese in St. Petri. Ein Wechselbad der Gefühle für alle Beteiligten. Denn nach der feierlichen Eröffnung am 17. Februar, die fast tausend Gäste wie einen heiteren Kindergeburtstag erlebten, begann der Alltag inmitten der Installationen, und der war nicht immer leicht für unser Team. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als je zwei von hundert Besuchern, die meinten, ihrem Zorn Luft machen zu müssen, während die anderen schmunzelten, neugierig nachfragten oder des Lobes voll waren.

„Schaden zugefügt“

Aber die Wut der Wenigen hatte es in sich. Kulturerbe-Wächter meldeten sich lautstark zu Wort, Befürworter einer sauberen und ordentlichen Hansestadt sowie Bewahrerinnen des vermeintlich rechten Glaubens. „Herr Pastor, Sie haben der Kirche einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zugefügt!“ Wie bitte? Mit einer Ausstellung, die nach einigen Wochen wieder rückstandsfrei abgebaut wird und danach bestenfalls Geschichte ist?

Anrührend, dass jemand mir Nachhilfe in Theologie anbot. Denn auch nach Studium, Promotion und Jahrzehnten akademischer Lehrerfahrung kann ich selbstverständlich immer noch dazulernen. „Dieser ganze Schrott ist Gotteslästerung! Das einzige Bild, das in unsere Kirchen gehört, ist das des gekreuzigten Christus.“ Dabei hatte ich ja immer gewusst, dass die jüdisch-christliche Tradition ein Problem mit den Bildern hat, vor allem mit denen, die bleiben, sich in uns festsetzen und dadurch zu Götzenbildern werden können. Fromme Bilder sind davon nicht ausgenommen.

Schräg, aber genial

Ist das vielleicht der Grund, warum Arnulf Rainer sein Kruzifix, das normalerweise die Apsis von St. Petri ziert, so schwarz-morastig überzogen hat, weil er somit den Bildwert des Werkes negiert? Während sein „Bretterkreuz o.T.“ für sechs Wochen sicher verwahrt wird, hat Jonathan Meese ein Wagner-Porträt als Blickfang in heiklen Bereich im Osten des Raums angeklebt. Das ist zugegeben ganz schön schräg, aber auch ein bisschen genial.

„In der Kirche sollte alles so bleiben, wie es ist und wie es immer schon war“, rügte mich eine Frau mittleren Alters. Warum nur klingt in meinen Ohren, sobald ich über Glaube und Kirche nachdenke, immer die Bibelstelle „Siehe, ich mache alles neu!“ am allerlautesten? Seit zwanzig Jahren betreibe ich in Lübeck mit großartigen Partnern aus Kultur und Wissenschaft kaum etwas anderes, als rituelle Gewohnheiten in Frage zu stellen und neue Rituale auszuprobieren. Das allmähliche Schwinden der Bedeutung der Religion in der Gesellschaft zu beobachten und zu überlegen, wie man dem entgegensteuern kann. „Petrivisionen“, „Solo Verbo“, Ringvorlesungen über Weltanschauungsfragen. Jonathan Meese gehört für mich in diesen Zusammenhang, weil er alles erst einmal auf „Null“ setzt und dann Räume eröffnet für neue Erkenntnisse. Dass manche Zeitgenossen dies für Mist erachten, bleibt mir nicht verborgen.

Nicht diese Larmoyanz!

Ein kleiner Privatwahn, der mich außerdem seit langem antreibt, ist, den Nachweis erbringen zu wollen, dass Lübeck gar nicht so spießig und langweilig ist, wie viele immer behaupten. Was in diesem Fall ja nicht bedeuten soll, dass Meese hier das Maß aller Dinge wäre und man ihn gefälligst toll zu finden hätte. Aber ein wenig hanseatische Entspanntheit hätte ich mir schon gewünscht. Nicht diese melodramatische Larmoyanz!

Ein von mir sehr geschätzter Musiker, sonst immer für kreative Experimente offen, schreibt in einem Leserbrief, dass Lübeck seit Meese nun etwas weniger „seine“ Stadt sei. Meeses Kunst empfiehlt er der Psychiatrie an – wie originell! –, und die Initiatoren des Projekts attackiert er unterhalb der Gürtellinie. Es sei eine Ü50-Männerriege, die wohl sonst im Leben nie habe genug spielen dürfen. (Man versuche, sich Jörg-Philipp Thomsa vom Grass-Haus und – noch spannender! – Antje-Britt Mählmann von der Kunsthalle als Männer über fünfzig vorzustellen.) Ich selbst bin weit über fünfzig und immer ein Spielkind gewesen, ohne dabei je den Ernst des Lebens aus dem Blick zu verlieren. Und wenn sich jemand an Jonathan Meeses Kircheninstallation stört, weil sie ein wenig an ein unaufgeräumtes Kinderzimmer erinnert, dann möge der sich einmal das Jesuswort vor Augen führen, wonach Kindlichkeit als Grundqualifikation zur Teilhabe am Reich Gottes geeignet sei. Was mich hier irritiert, ist, dass ausgerechnet ein Musiker ein Problem dem Spielen zu haben scheint. Aber der ist auch nicht mehr blutjung.

Gelästert und gekichert

Apropos. Ein Lehrer der Hanse-Schule hat mich in St. Petri angesprochen. Da war er gerade zum vierten Mal mit einer Berufsschulklasse in der Ausstellung zu Besuch. Die jungen, meist nicht besonders kunstaffinen Leute hätten natürlich zunächst gelästert und gekichert, aber nach einer Weile der Auseinandersetzung mit Meeses Installationen seien die meisten total begeistert gewesen und hätten ihre Einstellung zu moderner Kunst spürbar geändert. Damit wir es nicht vergessen: Das ist ganz vielen so ergangen, die „Dr. Zuhause“ besucht haben.

Und wenn jemand meint, die Herren Lindenau und Wißkirchen angreifen zu müssen, sie hätten „großspurig“ behauptet, dass dieses Kunstprojekt Lübeck verändern würde, dem sei gesagt: Das ist jetzt schon geschehen. Meines Wissens ist niemals zuvor ein Lübecker Kunstprojekt bundesweit derart präsent in den Medien gewesen, haben niemals zuvor Fernsehen, Hörfunk und Presse so ausführlich über eine Ausstellung in der Hansestadt berichtet. Ich bin Besuchern begegnet, die eigens wegen Meese aus Hamburg, Hannover, Berlin oder Köln angereist waren. Dass Lübeck eine Kulturstadt von überregionaler Bedeutung sei, war bisher eine charmante Behauptung. Jetzt wurde ein Zeichen gesetzt, dem weitere Taten folgen dürften.

Noch bis August

Die sechs Wochen in St. Petri sind fast vorbei, aber dank der guten Koordination unseres gemeinsamen Kurators Oliver Zybok, dessen Engagement man gar nicht genug loben kann, bleibt Jonathan Meese Lübeck noch bis zum 4. August erhalten. Die Teams der Kunsthalle St. Annen und der Overbeck-Gesellschaft fiebern schon ihren Eröffnungen am Sonnabend entgegen. Und am 7. Mai lädt die Gollan-Kulturwerft zur Performance ein. Wieder werden viele kommen. Und wieder werden einige wenige fluchen. Die anderen werden schmunzeln oder staunen.

Der Mann mit den Riesenkopfhörern war übrigens noch zweimal bei uns und hat geschimpft. Einmal sagte er: „Ihr werdet alle sterben“. Ja, da hat er allerdings recht. Das erwartet jeden und jede von uns eines Tages. Aber Jonathan Meeses Ausstellung haben wir vom St. Petri-Team überlebt. Und unsere Kirche auch. Ich glaube, sie hat sich sogar gefreut.

Bernd Schwarze

Anzeige