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Kultur im Norden Eugen Ruge – die Großmutter und Stalin
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Eugen Ruge – die Großmutter und Stalin
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19:00 25.10.2019
Erzählt nüchtern und lässt die Ereignisse wirken: Eugen Ruge. Quelle: Rowohlt/hfr
Hamburg

Die kommunistische Emigrantin Charlotte gerät 1936 in Moskau in höchste Not. Sie und ihr Lebensgefährte Wilhelm haben bei einem Urlaub auf Jalta den Historiker Alexander Emel kennen gelernt. Man findet einander sympathisch, aber nach der Rückkehr ist das Paar darum bemüht, die Bekanntschaft herunterzuspielen. Es waren die letzten sorglosen Tage für die beiden Kommunisten, denn Emel gerät unter Verdacht, an einem Mordkomplott gegen Stalin beteiligt gewesen zu sein. Das gefährdet auch solche, die ihn kennen.

Der Autor und das Werk

Eugen Ruge, 1954 in Soswa (Ural) geboren, ist studierter Mathematiker. Seine Mutter ist Russin, sein Vater

der DDR-Historiker Wolfgang Ruge, der von den sowjetischen Machthabern nach Sibirien deportiert worden war. Mit zwei Jahren kam Ruge mit seinen Eltern nach Ost-Berlin. Im Alter von 32 Jahren begann er als Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor zu arbeiten. Sein Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin und auf Rügen.

Info: Eugen Ruge: „Metropol“ Rowohlt, Hamburg, 432 S., 24 €

Eugen Ruge hat sich diese Story nicht ausgedacht. Es ist die Geschichte seiner Großmutter. Ruge konnte in den letzten Jahren bei einem längeren Aufenthalt in Moskau im Russischen Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte ihre Kaderakte einsehen. Charlotte hat vor ihrem Arbeitgeber, wie erwünscht, Selbstkritik geübt und den Kontakt zu Emel verharmlost. Ruge hat ihre vierseitige Erklärung als Dokument abgedruckt. Es hat vermutlich ihr und ihrem Mann das Leben gerettet.

Wir erinnern uns an Ruges Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, für den er 2011 gleich die angesehenste Auszeichnung hierzulande erhielt, den Deutschen Buchpreis. Darin geht es um die bewegte Vergangenheit seiner Familie, der Autor selbst ist 1954 in der Sowjetunion geboren. Später kam er mit seiner russischen Mutter und dem deutschen Vater in die DDR. Acht Jahre – zwei weitere Romane später – nimmt Eugen Ruge den Faden in die eigene Familiengeschichte wieder auf. Es ist ein loses Ende, das er aufgegriffen hat, um es an seinen Ursprung zurückzuverfolgen ins historische Gewebe der sowjetischen Vergangenheit.

Das Hotel Metropol als Dreh- und Angelpunkt

Schon im Debütroman war die Großmutter präsent, jetzt hat sich Ruge ganz auf sie konzentriert. Der Roman spielt in Moskau, wohin es die Großeltern als überzeugte Kommunisten verschlagen hatte. Im ersten Buch ließ sie der Autor noch aus dem mexikanischen Exil zurückkommen. Das verhielt sich auch so, aber Ruge wusste nicht, dass Charlotte und ihr Mann Wilhelm vor Mexiko für OMS, den sowjetischen Nachrichtendienst der Kommunistischen Internationalen, gearbeitet hatten.

Sie waren in einem eleganten Moskauer Hotel untergebracht, dem „Metropol“. Dort erleben sie die stalinistischen Säuberungen dennoch in ihrer ganzen Brutalität. Ruge erzählt das nüchtern, er lässt die Ereignisse wirken. Angst, Hunger, Ungewissheit. Die Handlung verläuft vorrangig um das Hotel, das zum Gefängnis geworden ist, es steht gleich neben dem gefürchteten Geheimdienstgefängnis Lubjanka.

Verrat, um sich zu retten

Im Hotel wohnt auch Wassili Wassiljewitsch Ulrich, Oberster Militärrichter der Sowjetunion, der Menschen im Akkord verurteilt, meist zum Tode. Nebenher sammelt er Schmetterlinge und leidet an seiner unglücklichen Ehe. Bis er selbst ins Visier Stalins gerät. Ebenso wohnt im Metropol Hilde Tal aus Lettland, eine stramme Kommunistin. Sie denunziert Charlotte und Wilhelm, um sich selbst zu retten, weil auch sie verdächtigt wird. Doch eines Tages wird sie abgeholt und kehrt nicht mehr zurück.

Tal und Ulrich sind reale Personen, es gab sie. Eugen Ruge versteht es, spannend die Schicksale dieser Menschen zu erzählen. Sie waren als aus Hitlerdeutschland emigrierte Kommunisten zunächst auf der richtigen Seite, bis Stalins Wahnsinn auch sie einschloss. Ruge schildert anschaulich, wie das Leben unter ständigem Druck, abgeholt zu werden, verlief. Als Tatsachenroman, keine Fiktion. Jede der drei Personen hat eigene Kapitel.

Alle sollen Angst haben

Weil Ruge aus dem Familiären schöpft, erhält der Roman eine besondere Spannung. Seine Vorfahren haben als aufrechte Parteigänger des Kommunismus Glück gehabt. Das Prinzip der stalinistischen Säuberungen ist reine Willkür. Es ergibt keinen Sinn, alle sollen nur Angst haben, dass es sie treffen kann. Mitunter stockt einem beim Lesen der Atem. Stalin war ein Psychopath. Alles ist abhängig von seinen Launen, Stimmungen und Zufällen. Charlotte und Wilhelm gelingt es, nach Mexiko zu entkommen.

Was Arthur Koestler 1940 in „Sonnenfinsternis“ schreibt, führt Eugen Ruge weiter. Es ist die Geschichte des Wahnsinns, den es tatsächlich so gegeben hat.

Von Roland Mischke

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