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Kultur im Norden Millionenschweres Geschenk: Noldes „Kleine Sonnenblumen“ sind zurück
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17:49 28.02.2019
Emil Noldes Bild „Kleine Sonnenblumen“ aus dem Jahr 1946 ist zurück in der Stiftung Seebüll .
Emil Noldes Bild „Kleine Sonnenblumen“ aus dem Jahr 1946 ist zurück in der Stiftung Seebüll . Quelle: dpa
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Neukirchen

Die „kleinen Sonnenblumen“ hängen wieder in Seebüll. Entwickelt aus einem der kleinformatigen „Ungemalte Bilder“ hatte Emil Nolde 1946 ein junges Mädchen mit blau leuchtenden Kulleraugen gemalt und die titelgebenden Sonnenblumen hinzugefügt. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung, hat gleich mehrfach Anlass, sich darüber zu freuen.

Für 2,3 Millionen Euro ersteigert

Zum einen wegen der künstlerischen Qualität des Spätwerks, weil „sich hinter blauen Stämmen links oben eine Sonne zeigt, die dann das Gesicht und die Schultern des Mädchens wunderbar umstrahlt“ und dem Ganzen eine wahrhaft dreidimensionale Kraft verleiht. Außerdem, weil das Gemälde „mit lückenloser Provenienz“ wieder da ist. 1958 war es der Sammlung verloren gegangen als vom Meister verfügte Schenkung an das Kuratoriumsmitglied Georg Rieve, Noldes Architekt. Vor allem aber ist Christian Ring glücklich, weil es ein Geschenk ist. Der Düsseldorfer Kaufmann und Kunstsammler Friedrich Johenning überlässt das Bild „in liebevoller Erinnerung an seine Frau Renate Johenning“ der Nolde-Stiftung. Das Ehepaar hatte das Bild vor zwölf Jahren bei einer Auktion der Berliner Villa Grisebach für seine Expressionismus-Sammlung ersteigert – damals für stolze 2,3 Millionen Euro. „Der Wert dürfte heute noch deutlich höher liegen“, so Ring.

„Laches, jubelt, weinet“

Dieses Bild eignet sich mit seiner märchenhaften Charakterisierung einer Unbekannten hervorragend als Ausgangspunkt für die 63. Jahresausstellung. Denn die ist Menschen und Figuren gewidmet. Direktor Ring ist selbst überrascht, dass dieser Aspekt unter insgesamt rund 120 Exponaten immerhin 83 noch nie in Seebüll gezeigte Arbeiten beinhaltet. Schon im Bildersaal der Villa springt den Betrachter das Motto „Die Menschen sind meine Bilder“ an. Nolde hatte in seiner Autobiografie erklärend ergänzt: „Lachet, jubelt, weinet, oder seid glücklich, ihr seid meine Bilder, und der Klang Eurer Stimme, das Wesen Eurer Charaktere in aller Verschiedenheit, Ihr seid dem Maler Farben.“ Vom Impressionismus einer früh hingetupften italienischen Familie über Hass und Liebe zu und zwischen Personen, von ihrer grotesken Verzerrung bis hin zur willensstarken Fokussierung des Hamburger Richters und Mäzens Gustav Schiefler reicht die Palette. Manches scheint gar Edvard Munch nahezustehen wie die von Schmerz im erschreckenden Sinne „verzeichnete“, hohläugige Cousine seiner Frau Ada.

In den Kabinetten ergänzen dann Aquarell-Porträts von Ada selbst oder kühn in Knappheit gefasste Farbskizzen von Kneipenszenen aus Berlins Halbwelt von 1910/11 die Ausstellung. Selbstverständlich fehlen auch Meeres- und Landschaftsbilder, etwa von der Hallig Hooge, nicht.

Eine spannende, in Waben bestens präsentierte Ergänzung bilden Noldes Bemalungen von Keramik aus dem Jahr 1913, wo Tänzerinnen Teller in wilde Bewegung zu versetzen scheinen, sich Tiere und Zeichenhaftes tummeln.

60 000 Besucher im vergangenen Jahr

Seebüll verzeichnete für 2018 wieder die gewohnten 60 000 Besucher, die Stiftung hat Werke Noldes zugleich in diversen Ausstellungen von Bern bis Irland „in die Welt gebracht“. In diesem Jahr kuratiert Christian Ring noch im Hamburger Bahnhof Berlin eine Ausstellung, die das Forschungsprojekt über Noldes umstrittene Positionierung im Dritten Reich spiegelt.

Sanierung der Villa im kommenden Jahr

Ansonsten bereitet der Direktor seine Institution auf ein bauliches Großprojekt vor: 2020 wird die Villa geschlossen, um sie in Abstimmung mit der Denkmalpflege grundlegend zu renovieren. Unter sechs Architekturbüros wurden von einem Beratergremium Kirsch & Bremer (artandarchitecture) in Hamburg ausgewählt, das „Gesamtkunstwerk Seebüll“ nachhaltig zu sichern, modern zu entwickeln und barrierefrei zu machen. Im Sommer 2021, hofft der Direktor, soll alles fertig sein. Bis dahin muss dann eine reduzierte 64. Jahresausstellung ab März kommenden Jahres im Neubau Unterschlupf finden. Ring:„Seebüll ganz zu schließen, ist keine Option.“

Nolde Stiftung Seebüll, Neukirchen. 1. März bis 30. November 2019. Tgl. 10 bis 18 Uhr. www.nolde-stiftung.de

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Christian Strehk