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Kultur im Norden Mischpoke bringt den Klezmer ins Kolosseum
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14:16 25.03.2019
Drei Frauen, zwei Männer, eine Musik: Mischpoke aus Hamburg spielen Klezmer.
Drei Frauen, zwei Männer, eine Musik: Mischpoke aus Hamburg spielen Klezmer. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

Klezmer, die aus dem nord- und osteuropäischen Judentum stammende Volksmusik, hat in Lübeck eine begeisterte Anhängerschaft: Mit jubelndem Applaus bedachte sie am Sonnabend, 23. März, im voll besetzten großen Saal des Kolosseums Abend die Leistungen der Hamburger Klezmer-Band Mischpoke. Die fünf Musikerinnen und Musiker spielten bekannte und neue Lieder aus ihrem aktuellen Programm „Di Eyne Velt“ – „Die eine Welt“, das auch auf CD erschienen ist.

Das Motto „die eine Welt“ stehe für eine Mischung aus klassischen Klezmer-Stücken und Melodien aus anderen Musik-Traditionen, erzählten Gitarrist Frank Naruga sowie Klarinettistin und Sängerin Magdalena Abrams, die durch das Programm führten, assistiert von Violinistin Cornelia Gottesleben: Musik der Sinti, Roma, Serben und Griechen, aber auch klassische Stücke, neu arrangiert und eingearbeitet in ein Programm, das bei allen Unterschieden harmonisch klingt – abwechslungsreich und ohne stilistische Brüche.

Keine Verwandtschaft

Es war der vierte Auftritt der Gruppe in Lübeck – nach zwei großartigen Abenden 2016 und 2017 im inzwischen geschlossenen Travemünder Kulturbahnhof gastierte sie jetzt zum zweiten Mal im Kolosseum.

Mischpoke (jiddisch für Familie, Sippschaft) nennt sich die Gruppe zwar, ihre Mitglieder verbindet aber keine Verwandtschaft, sondern nur die Liebe zur Klezmer-Musik. „Frontfrauen“ sind Magdalena Abrams, die Klarinette, Bassklarinette und Stimme meisterlich beherrscht, sowie die genauso virtuos aufspielende Cornelia Gottesleben mit Violine und Kemençe, einer kleinen, im vorderen Orient beheimateten Geige. Beide ließen gleich zu Beginn Klarinette und Violine sehnsuchtsvoll klagen, ehe es mit dem ganzen Orchester schwungvoll zur Sache ging.

Am Kontrabass sicherte Maria Rothfuchs den Melodien das präzise Fundament, begeisterte aber auch mit wunderschönen Soli – mal gestrichen, mal gezupft. Humorvoll entlockte sie ihrem Instrument gleich zu Beginn des Konzerts die seltsamsten, aber harmonischen Töne und wurde mit Szenenapplaus belohnt. Gitarrist Frank Naruga spielte überwiegend Rhythmus, bewies sich aber auch sein Können im klassischen Fingerpicking. Obwohl Nemad Nicolic mit dem Akkordeon erstmals als Gast dabei war, fügte er sich mit meisterhaftem Spiel harmonisch in die Gruppe ein, als habe er schon jahrelang mit ihr zusammengespielt.

Die Kinderjahre des Rabbi

Jiddisch ist zwar eine aus dem Mittelhochdeutschen entwickelte Sprache – unmittelbar verständlich ist sie für uns Deutsche aber nicht. Deshalb übersetzte Magdalena Abrams dankenswerterweise vor traditionellen Liedern den Text, zum Beispiel den vom Rabbi, der bestohlen wurde, oder von der sehnsüchtigen Erinnerung an die Kinderjahre, verbunden mit der Erkenntnis „Oi, wie schnell bin ich schon alt geworden“.

Mit „Hauptsache gesund“ wollte Mischpoke sich verabschieden. Aber das Publikum forderte mit rauschendem Applaus, Jubel und Trampeln drei Zugaben, zuletzt das ohne Verstärker „unplugged“ dargebotene Lied von der untergehenden Sonne.

Rüdiger Wenzel

24.03.2019
22.03.2019