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Kultur im Norden Mit Ralf König aufrecht in die Katastrophe
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17:15 16.09.2019
„Die Volkskunst des Augenzwinkerns geht verloren“: Ralf König versucht trotzdem, seinen Humor nicht zu verlieren. Quelle: Foto: dpa
Hannover

Mit „Der bewegte Mann“ hat Ralf König in den 80er Jahren dem deutschen Comic zu einer Wiedergeburt verholfen. Seinem der französischen Zeichen-Ikone Claire Bretécher entlehnten Knollennasen ist König über die Jahre treu geblieben, seine Schwulen-Comics nahmen stets Vorurteile gegen Schwule und Lesben oder religiösen Fanatismus aufs Korn. In seinem neuen Comic „Stehaufmännchen“ beobachtet er die Entwicklung des Homo Sapiens – wir werden endlich erfahren, wie es der Mensch runter vom Baum und in eine aufrechte Haltung geschafft hat.

Am Ende Ihres Comics blickt ein Duisburger Touristenpaar über eine Savanne voller Plastikmüll. Wären wir am besten auf den Bäumen geblieben?

Zumindest die Natur, die Tiere und die Pflanzen wären sicher glücklicher, wenn wir noch auf dem Baum säßen.

Wären wir es auch?

Könnte ich mir gut vorstellen, mit einem behaarten grunzenden Kerl in einem Baumnest ... (lacht) Nein, ich bin Kulturpessimist und kann angesichts der Misere nicht verstehen, wie man es nicht sein kann: Plastikmüll, Erderwärmung, Überbevölkerung, und unsere Alphamännchen heißen Trump und Bolsonaro, dem es in Brasilien gar nicht schnell genug geht mit der Rodung der Wälder. Man kann schon verzweifeln über so viel Blödheit.

Tun Sie das?

Naja, ich laufe jetzt nicht nur bedrückt durch die Gegend. Ich tue mein Bestes, fliege zum Beispiel selten, trenne meinen Müll und esse vegetarisch. Ich dachte immer, wir seien die Glückspilzgeneration, die die schlimmsten Zeiten nicht mehr erleben wird, aber wer weiß. Trotzdem versuche ich, meinen Humor zu bewahren.

Woher kommt die Macht der Alphamännchen?

Das ist nun einmal das System: Irgendeiner hat das Sagen, und sei er noch so primitiv – siehe Trump. Das sähe anders aus, wenn wir kluge Alphamännchen hätten, so einen Richard David Precht. Und wenn wir Einsicht hätten und auch einmal Verzicht übten! Aber nein: Wir wählen zunehmend Idioten, und natürlich führt das ins Desaster.

Bei Ihnen geht es von der Erhebung ganz schnell zur Selbsterhebung. Ist das für Sie die Entwicklung unserer Kultur?

Das hab ich aus der Psychologie: Aufrecht durchs Leben zu gehen, macht was mit dem Selbstbewusstsein. Aber wir stapfen sehenden Auges in die Katastrophe und tun trotzdem nichts dagegen. Natürlich gibt es Gegenbewegungen, aber die Politik tätschelt den Fridays-for-Future-Kindern die Köpfe und nichts ändert sich. Okay, nun Ende mit Gejammer, sonst glaubt ja keiner, dass es ein lustiges Comic ist! Ist es aber. Keiner wird deprimiert aus der Lesung gehen. Aber hinter dem Spaß ist es durchaus bitter.

Entsteht bei Ihnen Humor aus dem Bitteren?

Nicht immer, aber gerne. Als ich zum Beispiel damals meine Shakespeare-Geschichte gemacht habe, den „Jago“, fand ich nur die Dramen interessant. Die Komödien funktionierten für mich überhaupt nicht. Tragikomisches ist der beste Humor.

Was hat Sie veranlasst, „Stehaufmännchen“ zu machen? Sie haben einmal flapsig gesagt, Sie hätten viele behaarte Körper zeichnen wollen. Das wird es nicht nur gewesen sein.

Nein, das war eher mein Marketingspruch für die Fell-Liebhaber. Ich habe mich immer für Evolution interessiert, und wenn mich etwas interessiert, gärt es in mir und irgendwann wird eine Geschichte draus. Und nachdem ich mich jahrelang mit Religion auseinandergesetzt habe, hatte ich mal Lust auf die andere Schöpfungsgeschichte, die Hand und Fuß hat und nicht mit Adam und Eva um die Ecke kommt.

Eine Schöpfungsgeschichte, die inszeniert ist als Theaterstück, das Affen diesem Duisburger Paar vorführen.

Die Idee zu der Rahmenhandlung kam mir sehr spät, wie überhaupt dieses Buch nicht einfach war. Ich brauchte einen Link zum Hier und Heute. Da stapfen zwei blöde Touristen durch Südafrika, suchen ihr Luxushotel und wollen rechtzeitig zum Abendessen zurück sein, es gibt Antilope all you can eat.

An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

An einer kleinen Frankenstein-Version für Carlsen, das wird allerdings düster. Das nächste größere Ding für Rowohlt setzt sich mit dem auseinander, was uns alle beschäftigt: die Auswirkungen des Internets, die Aufgeregtheit, die Empfindlichkeit, die politische Korrektheit, dass man plötzlich vom vermeintlich eigenen Lager angegriffen wird, wie es mir neulich auch passiert ist.

Da ging es um ein großes Wandbild, das Sie vor fünf Jahren für das Rainbow-House in Brüssel angefertigt haben.

Das war da vier Jahre, und plötzlich ist es ein Problem. Es gibt den Vorwurf des Rassismus; das machen die fest an einer dunkelhäutigen Lesbe, die ich gezeichnet habe. Ich muss davon ausgehen, dass die, die mir das vorwerfen, noch nie ein Buch von mir gelesen haben: Trägt eine Figur von mir Lippenstift, egal wer, dann hat die dicke Lippen. Völlig absurd und nicht ernstzunehmen ist der Vorwurf der Transphobie: Ich hatte eine Tunte gezeichnet, und nun unterstellen die mir, das sei keine Tunte, sondern eine Transfrau, und die gucke traurig, weil sie so behaart und dick ist – plötzlich bin ich auch noch dickenfeindlich. Da kann ich nur sagen: Ey, Leute, übertreibt mal nicht.

Der alte weiße Mann versteht die Welt nicht mehr?

Das umtreibt mich gerade: Früher kam der Gegenwind aus der konservativen Ecke. Bin ich nun selber konservativ? Die Jungen sehen Dinge, die wir früher nicht gesehen haben, das ist der Gang der Dinge. Aber es gibt plötzlich diese große Empfindlichkeit, Jeder ist gegen Jeden, alle sind sofort beleidigt. Aber vor allem verlieren die Leute den Humor. Die Volkskunst des Augenzwinkerns geht verloren. Klar, da möchte man manchmal zurück auf den Baum.

Das Buch: Zwei Gäste eines Südafrika-Luxus-Resorts verlaufen sich in der Savanne und finden sich am Anfang der Evolutionsgeschichte wieder. Sie treffen auf sprechende Affen, die ihnen in Form eines antiken Theaters vorführen, was sie und ihre Artgenossen seit dem Übergang vom Homo Erectus zum Homo Sapiens falsch gemacht haben. Sehr lustig und unterhaltsam – aber traurig, wenn man drüber nachdenkt.

Stehaufmännchen, Rowohlt 2019, 200 Seiten, 24 Euro

Von Stefan Gohlisch

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