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Kultur im Norden Mit Worten Mauern überwinden
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18:10 18.07.2017
Idylle im geteilten Land: Sommerfrischler 1960 auf dem Priwall an der Ostsee. Quelle: Foto: Jochen Blume
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Lübeck. „Die Zone: Das war für uns Kinder der Blick über die Trave zum anderen Ufer hinüber und auf die sich dort erstreckenden Wälder . . . Ein Land, so nah vor unseren Augen, vor unserer Tür und doch nicht zu erreichen, so fern, so fremd: ein fremdes Land.“ Klaus Rainer Goll schrieb diese Tagebuchnotizen 1983 bei seiner ersten Reise von Lübeck nach Mecklenburg. Fremdes Land, verbotenes Land damals. Er beschreibt sein Unbehagen („. . . für diese Reise gerüstet sein wie für einen Kampf“), seine Angst bei den Grenzkontrollen, seine Eindrücke („Wir sehen in den Dörfern Menschen, die nicht lachen, uns nicht zuwinken . . .“).

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Klaus Rainer Goll wuchs an der Trave auf. Quelle: Foto: Lutz Roessler

Wie Berichte aus einer fremden, fernen Zeit lesen sich diese Notizen heute, knapp 30 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze. „Ich habe es damals wirklich so empfunden, es ist ein Zeitdokument“, sagt der Lyriker und Autor aus Groß Sarau, und deshalb sind diese Tagebuchauszüge auch nachzulesen in der Anthologie „Grenzfälle“. 39 Autoren aus Schleswig-Holstein und Brandenburg haben dazu Prosatexte und Gedichte beigesteuert, einige werden morgen im Lübecker Rathaus zu hören sein. „Das Thema ist die Grenze als Symbol der Teilung, aber auch als Anlass für Annäherung“, sagt Mitherausgeber Goll und ist stolz auf die erste gesamtdeutsche Anthologie zweier Schriftstellervereinigungen: des Lübecker Autorenkreises und Freunde e.V. und des Brandenburger Verbandes deutscher Schriftsteller.

Mit Worten Mauern zu überwinden ist ein Anliegen von Klaus Rainer Goll, der vor 36 Jahren den Lübecker Autorenkreis gegründet hat, dessen Vorsitzender er heute noch ist. Schon vor Grenzöffnung hat er ostdeutsche Kollegen nach Lübeck eingeladen und Schriftsteller in der DDR besucht (1983 bei seiner ersten Reise hat er sich mit Ruth Kraft auf dem Fischland getroffen). Seit dem Mauerfall begibt sich der Lübecker Autorenkreis regelmäßig unter dem Motto „Kennenlernen – aufeinander zugehen“ nach Ostdeutschland auf die Spuren berühmter Dichter. 2012 bei seinem Besuch in Frankfurt/Oder zum 235.

Geburtstag von Heinrich von Kleist hatte Goll die Idee zu der Anthologie, die bei den Brandenburgern auf große Resonanz stieß.

Das Thema „Grenze“ ist allgemein gehalten, viele Autoren setzen sich mit der innerdeutschen Teilung auseinander. Der Niederdeutsch-Autor Dieter Hacker aus Bäk bei Ratzeburg (aufgewachsen in Schwerin und 1953 nach Westdeutschland geflüchtet) erzählt, wie ihm ein DDR-Zöllner Spargel abgenommen hat. Die Lyrikerin Doris Runge aus Cismar, geboren im mecklenburgischen Carlow 15 Kilometer von Lübeck, beschreibt in einem Gedicht „königskinder in rothenhusen“. An seinen ersten Besuch in Westberlin erinnert sich der Cottbusser Autor Hartmut Schatte. Dennoch werden auch ganz andere „Grenzfälle“ thematisiert: eine Liebesgeschichte in Aleppo, Begegnungen an afrikanischen Grenzen, die Grenze zwischen Leben und Tod.

Auch in diesem Jahr reisen die Lübecker Autoren wieder in den Osten: auf den Spuren Theodor Fontanes nach Neuruppin. Und es bleibt die Frage, ob das Thema Ost-West heute wirklich noch relevant ist.

Klaus Rainer Goll bejaht. „Im Denken und Fühlen und in der Bewertung der Entwicklungen gibt es immer noch Unterschiede. Deshalb ist es so wichtig, ins Gespräch zu kommen“. Zum Beispiel morgen Abend im Rathaus.

Lesung & Diskussion

Morgen um 19.30 Uhr beginnt die Lesung aus dem Buch „Grenzfälle“ im Großen Börsensaal des Lübecker Rathauses. Aus Brandenburg lesen Ines Gerstmann, Till Sailer und Carmen Winter, aus Schleswig-Holstein Klaus Rainer Goll, Christa Heise-Batt, Charlotte Kliemann, Regine Mönkemeier und Doris Runge. Björn Engholm moderiert die Diskussion . Eintritt: 7/5 Euro.

Das Buch: 17 Autoren aus Brandenburg und 22 aus Schleswig-Holstein haben Prosa und Lyrik zum Thema Grenze verfasst, wobei neben der innerdeutschen Grenze Flucht und Vertreibung, die Grenze zu Polen und die aktuelle Fluchtbewegung thematisiert werden.

Grenzfälle, Verlag für Berlin-Brandenburg, 240 Seiten, Broschur, 15 Euro

Petra Haase