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Kultur im Norden Zwei neue Ausstellungen von Jonathan Meese
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Zwei neue Ausstellungen von Jonathan Meese
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18:22 28.03.2019
„Ich bin immer noch scharf wie ’ne Bombe“: Jonathan Meese.
„Ich bin immer noch scharf wie ’ne Bombe“: Jonathan Meese. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Jonathan Meese war 32, als er seine erste Retrospektive hatte. In Hannover war das, in der Kestnergesellschaft. Jetzt hat er wieder eine, in der Lübecker Kunsthalle St. Annen. Aber es ist mehr als das. „Es ist Retrospektive und Zukunft“, sagt er. „In Lübeck gibt es den Gesamt-Meese.“ Ab Sonnabend kann man ihn sehen. Und einen Fries in der Overbeck-Gesellschaft dazu.

Vernissage und Signierstunde

Die Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen wird am Sonnabend, 30. März, um 16 Uhr eröffnet, die in der Overbeck-Gesellschaft gegen 18 Uhr.

Ab etwa 19 Uhr signiert Jonathan Meese in der Overbeck-Gesellschaft Drucke eines Bildes, das er im Februar für die LN gezeichnet hatte. Sie sind dort für 20 Euro zu kaufen.

Meese hat für einige Turbulenzen gesorgt in Lübeck und darüber hinaus. Mitte Februar waren zwei Ausstellungen in der Petrikirche und im Günter-Grass-Haus eröffnet worden, und die Reaktionen reichten von heller Begeisterung bis zu blankem Entsetzen. Das war kaum anders zu erwarten. Und das findet er auch völlig in Ordnung so.

„Kontroversen sind famos“, sagt er. „Dass ich mit 49 Jahren noch so provozieren kann und darf – ist doch super, wenn einen etwas aufregt. Das zeigt ja was. Man muss die Wahrnehmung aufbrechen, nach vorne stolpern. Das Tollste ist doch, wenn die Leute merken, dass sie zu Hause etwas klären müssen.“

„Man darf nicht verbittern“

Aber ein wenig mehr „Gelassenheit“, die würde er sich schon wünschen. „Ich bin nicht der Feind, das gebe ich nicht her. Ein Spielkind kann nicht der Feind sein. Ich spiele mit Religion, mit Politik, aber das kann man mir ganz schwer vorwerfen. Ich kann auch über mich selbst lachen und mir jeden Tag den Ast absägen. Aber ich falle immer wieder weich. Das kann die Kunst. Ich bin dankbar für das, was in Lübeck passiert. Ich wundere mich nur, wenn es bitter wird. Man darf nicht verbittern. Verbitterung hat in der Kunst wirklich nichts verloren.“

An seiner Unbedingtheit freilich ändert das nichts. „Man muss das Mittelmaß hinter sich lassen“, sagt er. „Man muss es überschreiten oder unterschreiten. Ich bin immer noch scharf wie ’ne Bombe. Ich bin immer noch eine Sekunde vor zwölf. Die Kunst ist schon eine Sekunde nach zwölf. Und dazwischen liegt High Noon.“

„REVOLUTION“

In der Kunsthalle sind etwa 120 Werke zu sehen, sagt die Leitende Kuratorin Antje-Britt Mählmann. Manche Bilder sind postkartengroß, manche messen gut zwei mal vier Meter. Einige stammen aus Meeses Anfängen an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, andere hat er eigens für die Lübecker Ausstellung gemalt. Feine Zeichnungen sind darunter, aber auch große Farbschwünge, die sich immer noch zu bewegen scheinen, so viel Energie steckt darin. „Kunst ungleich Kulturprogramm“ steht dann in einem der Bilder und groß darunter: „REVOLUTION“. Außerdem finden sich Plastiken auf den vier Ebenen, Installationen, Videokunst. Und Möbel aus dem Fundus des St. Annen-Museums wurden auch eingearbeitet.

In der Overbeck-Gesellschaft hat Meese einen Fries gestaltet. In einem U-förmigen Raum schauen einen vom Boden und den Wänden seine Chiffren und Bilder an. Overbeck-Direktor Oliver Zybok verweist auf das Serielle in der Arbeit, auf die Bedeutung des Frieses als dekoratives Element, das aber von Meese natürlich durchbrochen wird. So findet sich dort eine Reihe von Meese-Porträts, in denen er Gesten ausprobiert. Gesten, so Zybok, die man auch in Heinrich Hoffmanns fotografischen Hitler-Porträts aus den Zwanzigerjahren sieht.

Beim „Zardoz“-Vater in Irland

Überhaupt begegnet man vielen alten Bekannten aus dem Meese-Kosmos. Der Schauspielerin Scarlett Ingrid Johansson etwa, dem Geisterjäger John Sinclair, dem Eisernen Kreuz, das jetzt aber für „Totale Demut“ steht und für „Totale Hermetik“. Oder John Boorman, dem Regisseur von „Zardoz“ und „Excalibur“, Meese hat ihn mit seiner Mutter in Irland besucht. Erz steht da geschrieben, Kampf, Keine Angst, und darunter sieht man sich auf spiegelnder Fläche selbst, allerdings verzerrt. „Man ist auf sich zurückgeworfen“, sagt der Kunsthistoriker Zybok, der Meese schon seit dessen Zeit an der Kunsthochschule kennt und dem das Ganze letztlich zu verdanken ist.

In der Petrikirche geht die Meese-Schau am Sonntag, 31. März, zu Ende. Etwa 12 000 Besucher dürften sie gesehen haben, sagte Pastor Bernd Schwarze und beschrieb die Reaktionen als „ein Wechselbad der Gefühle“ – von freudiger Zustimmung bis zu „Gotteslästerung“ und „Frevel“ (eine ausführliche Bilanz Schwarzes steht auf LN-Online). Die Ausstellung im Grass-Haus läuft noch bis August. Sie sei gut besucht, sagte die Volontärin Adeline Henzschel. Viele seien nach der Petrikirche noch zu ihnen gekommen. Die Reaktionen seien ebenfalls sehr gespalten gewesen. Gerade aber auch Ältere hätten sich angetan gezeigt.

Am 7. Mai gibt es in der Gollan-Kulturwerft noch eine Performance mit Jonathan Meese. „Wurst-Operator“ heißt sie im Untertitel. Man darf gespannt sein.

Peter Intelmann