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Kultur im Norden Sting: „Ich nehme meine Songs sehr ernst“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Sting: „Ich nehme meine Songs sehr ernst“
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06:00 02.06.2019
„Es geht darum, Begeisterung zu entfachen“. Das gelingt Sting auch locker mit 67 Jahren. Quelle: Foto: Universal
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Baden-Baden

Lieder wie „Fields Of Gold“, „Brand New Day“, „So Lonely“ oder „Walking On The Moon“ klingen in der Neubearbeitung frisch wie nie, Stings Stimme ist in Hochform, weder sieht noch hört man ihm das Erreichen des Rentenalters an. Sting, 67, hat einen Job, der ihm selbst nach mehr als 40 Jahren noch geradezu unverschämt viel Freude macht.

Sechs erwachsene Kinder, seit 1982 mit Trudie Styler liiert, Eigentümer von sechs Luxusimmobilien sowie 18 Grammys und viele Millionen schwer. Und dazu hat Sting, 67, auch noch einen Job, der ihm selbst nach mehr als 40 Jahren noch geradezu unverschämt viel Freude macht. Nun veröffentlicht der Engländer, der 1977 mit The Police seine Weltkarriere begründete und seit Mitte der Achtziger solo unterwegs ist, mit „My Songs“ seine größten Hits in neuer, zeitgemäßer Interpretation. Lieder wie „Fields Of Gold“, „Brand New Day“, „So Lonely“ oder „Walking On The Moon“ klingen in der Neubearbeitung frisch wie nie, Stings Stimme ist in Hochform, weder sieht noch hört man ihm das Erreichen des Rentenalters an. Wir unterhielten uns mit Sting im Radiostudio des SWR in Baden-Baden.

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Album & Tour

Sting, mit bürgerlichem Namen Gordon Matthew Thomas Sumner, hat sechs erwachsene Kinder. Er ist seit 1982 mit Trudie Styler liiert, Eigentümer von sechs Luxusimmobilien sowie 18 Grammys und viele Millionen schwer.

Das neue Album „My Songs“ ist als Audio-CD, auf Vinyl, als MP3-Download und in einer Luxus-Edition erschienen.

Seine Tour führt Sting auch nach Deutschland. Am 6. Juni ist er in Hannover zu erleben.

Sting, stimmt es, dass Ihnen die Idee zum Album „My Songs“ kam, als Sie ihr Stück „Brand New Day“ für einen Silvesterauftritt am New Yorker Times Square überarbeiteten?

Ja, das war der Ursprung des Ganzen. Wir hatten soviel Spaß mit „Brand New Day“, dass ich dachte, womöglich wäre es auch lustig, sich die anderen Songs vorzunehmen und zu gucken, ob wir sie anders oder zeitgemäßer machen können als damals. Zweifelsohne klingt meine Stimme heute anders als vor 20, 30 Jahren, sie ist geschmeidiger und reicher strukturiert, hat eine tiefere und facettenreichere Qualität. Auch Aufnahmetechniken haben sich verändert. Mein musikalisches Gefühl ist heute auch ein anderes. Ich sage nicht, die neuen Versionen sind besser oder schlechter als die anderen. Ich sage nur, sie sind anders.

„Ich kenne meine Lieder heute besser“

War es für Sie eine leichte Übung, zu jenen Songs zurückzukehren, die Sie zum Teil vor 40 Jahren geschrieben haben?

Ja, denn diese Songs und ich, wir sind uns sehr vertraut. Ich singe diese Lieder schließlich Abend für Abend bei der Arbeit. Und ich singe sie leidenschaftlich gern. Ich bin mir sicher, ich kenne meine Lieder heute besser als früher. Einige der Nummern haben wir kaum verändert, andere recht stark. Immer so, wie es sich richtig und gut anfühlte. Regeln gab es nicht. Sting: Mir sind sie jedenfalls alle sehr sympathisch (lacht). Wenn du einen neuen Song aufnimmst, ist das der Beginn einer Beziehung, das ist aufregend, aber du weißt noch nicht, wie sich diese Beziehung mit der Zeit entwickeln wird. Eine Beziehung, die über viele Jahre besteht, ist etwas ganz anderes.

Sind Ihre Songs Ihre Freunde?

Mir sind sie jedenfalls alle sehr sympathisch (lacht). Wenn du einen neuen Song aufnimmst, ist das der Beginn einer Beziehung, das ist aufregend, aber du weißt noch nicht, wie sich diese Beziehung mit der Zeit entwickeln wird. Eine Beziehung, die über viele Jahre besteht, ist etwas ganz anderes. Da ist mehr Wissen, tatsächlich auch mehr Liebe, aufrichtige, tiefe Liebe. Und nicht mehr nur ein bloßes Hingerissensein.

Sie würden also die Liebe zu Ihrer Musik mit der Liebe zu Ihrer Frau gleichsetzen?

Ich will den Vergleich nicht überstrapazieren, aber es gibt durchaus manche Parallelen. Ich nehme meine Songs sehr ernst, ich behandele sie gut und beschäftige mich intensiv mit ihnen. Ich mag die. Meine Frau ist natürlich ein lebender, atmender Organismus, von daher: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen meinen Liedern und meiner Frau, würde ich immer Trudie wählen. Ich liebe sie immer noch sehr und bin stolz auf unsere lange Ehe.

Ehe als Kompromiss

Um im Bild zu bleiben: Ist Ihre Liebe auch mit den Jahren gewachsen und intensiver geworden?

Kann Liebe wachsen? Ich denke, sie reift und wird dadurch in gewissem Sinne stabiler. Aber auch durch eine schon seit langem funktionierende Beziehung kannst du nicht einfach gedankenlos hindurchnavigieren und sagen „Ist ja alles super“. Jeder Tag in einer Ehe bringt neue Verhandlungen mit sich. Das Fundament einer Ehe sind Kompromisse. Manchmal sind diese Kompromisse schwer zu finden, aber ich finde, die Anstrengung, sich immer wieder in der Mitte zu treffen, ist eine lohnende.

Haben Sie eigentlich ständig neue Songideen im Kopf?

Oh nein, das wäre schön. Das mit den Songs ist wie Angeln. Manchmal beißt einer an, manchmal nicht. Wichtig ist nur, dass du immer schön nah am Fluss sitzen bleibst, also offen und bereit bist, wenn dir die Inspiration begegnet. Meist schreibe ich einfach über das, was mir gerade passiert oder was ich sehe. Ich wünschte, es gäbe irgendwo einen Knopf, den ich drücken könnte, damit die Ideen strömen. Aber der Knopf verändert ständig Form und Farbe, ich finde ihn nur selten.Sting: Ja, aber es gibt keine Garantie. Jedes Mal, wenn ich einen Song fertiggestellt habe, frage ich mich, ob es wohl der letzte war. Denn es könnte ja wirklich sein.

- Ein paar passende Knöpfe haben Sie in den gut vier Jahrzehnten ohne Zweifel gedrückt.

Im Ernst?

Ja, natürlich (lacht). So ticke ich aber ohnehin. Ich frage mich auch bei jeder Mahlzeit, ob es wohl die letzte sein könnte. Das Zusammenspiel von Leben und Tod fasziniert mich. Und daraus folgt: Genieße, was du hast. So lange du es hast.

Die alten Stoiker

Eine gute Philosophie, um durchs Leben zu kommen?

Aus meiner Erfahrung ja. Aber ich habe dieses Konzept natürlich nicht erfunden. Das waren die Stoiker aus dem alten Griechenland.

Sie identifizieren sich mit dem Stoizismus?

Schon, ja. Ich habe die „Meditationen“ von Marcus Aurelius gelesen. Er plädiert darin für ein einfaches Leben und für die Akzeptanz der guten wie der schlechten Zeiten. Mein eigenes Leben hatte früher einige extreme Höhen und Tiefen zu bieten – es war bisweilen sehr dramatisch. Heute begnüge ich mich gern mit einem langsamen, sanften Anstieg. Ich bin glücklich und zufrieden, so lange mich das Leben nicht an eine steile Klippe führt.

- Aber aufwärts soll es schon noch gehen?

Sting: Ja, ich möchte mich weiterentwickeln und meine Arbeit gut machen. Worauf ich verzichten möchte, sind krasse Veränderungen oder Disruptionen. Mit dem Alter habe ich festgestellt, dass ich eine größere Gelassenheit bekommen habe. Ich bin irgendwie, sagen wir, weiser und akzeptiere die meisten Dinge heute leichter als früher.

Sind Sie denn selbst ein Stoiker?

Definitiv. In meinem Beruf kannst du leicht süchtig werden nach den Extremen. Vielen bekommt das nicht gut, denn psychologisch ist das wirklich gefährlich. So viele meiner Kollegen haben nicht überlebt, weil sie das Drama in ihrem Leben nicht mehr ausgehalten haben. Ich bevorzuge – innerhalb meiner anspruchsvollen, häufig hektischen Arbeit – ein ruhiges, gemächliches Leben.

Angst vor Drachen und Bären

Bringt Sie überhaupt noch etwas aus der Ruhe?

Sting: Ich mache gern den Eindruck, ein Fels in der Brandung zu sein. Wenn mich etwas aufregt, neige ich dazu, mir den Ärger nicht anmerken zu lassen. Ich versuche, eine grundsätzliche Entspanntheit auszustrahlen.

Haben Sie vor irgendetwas Angst?

Ja, eindeutig. Ich bin mutig, aber selbst die mutigsten Menschen haben Ängste. Ich zum Beispiel fürchte mich vor Bären und Drachen (lacht). Obwohl ich weder das eine noch das andere bisher gesehen habe.

Und im Ernst?

Vor dem Klimawandel. Der ist gefährlicher als alle Bären zusammen.

- Die Jugendlichen gehen jetzt gegen Erderwärmung und Umweltzerstörung auf die Straße.

Sting: Die Jugend macht was, aber die Politiker nicht. Die scheinen sich alle mehr darum zu sorgen, an der Macht zu bleiben, als etwas gegen die größte existenzielle Krise zu unternehmen, die wir auf diesem Planeten jemals hatten. So lange die Politiker das alles ignorieren und aussitzen, können wir wenig tun. Ich kann letztlich nur an die Menschen appellieren, für jene Politiker zu stimmen, die das Problem angehen anstatt bloß dummes Zeug zu reden.

- Am Wochenende ist Europawahl. Als Brite dürfen Sie überraschenderweise noch mitwählen.

Sting: Ja, und das werde ich tun. Ich wähle immer, wenn ich dazu aufgerufen bin. Ich habe vor drei Jahren für den Verbleib in der EU gewählt, und ich weiß, nicht, was passiert, aber irgendwie hoffe ich immer noch, dass wir irgendwie in der Gemeinschaft bleiben. Ich sehe einfach keinen Grund, die EU zu verlassen.

- Die Mehrheit war anderer Ansicht.

Sting: Gut möglich, dass wir inzwischen in der Mehrheit sind. Ich finde, es muss ein zweites Referendum geben, jetzt, wo die Informationen und die Nachteile offen auf dem Tisch liegen. Ich denke, jetzt würden die Menschen klüger abstimmen.

- Was sind Sie? Brite? Europäer? Weltbürger?

Sting: Ich bin ein Brite, der für Europa einsteht.

Bevor Sie Musiker wurden, waren Sie Lehrer. Was ist heutzutage das Wichtigste, das Sie Kindern beibringen würden?

Mein Job war es, Enthusiasmus zu wecken – für ein Buch, für ein Gedicht, für ein Gemälde. Man kann niemandem etwas beibringen, was den gar nicht interessiert. Es geht darum, Begeisterung zu entfachen. Lehren gibt es nicht.

- Warum nicht?

Sting: Weil Menschen nur das lernen, was sie lernen möchten.

Also waren Sie als Lehrer eigentlich mehr ein Inspirator?

Lehrer und Unterhaltungskünstler sind für mich tatsächlich zwei sehr eng miteinander verwandte Berufe. Auch als Entertainer musst du die Begeisterung vorleben, die Energie rüberbringen, auf der Bühne den Funken entzünden, der alles zum Leuchten bringt. Ein Lehrer, der vor seiner Klasse steht, hat eine ganz ähnliche Aufgabe.

„Ich bin gerne 67 Jahre alt“

Sie werden äußerlich nicht älter. Wie machen Sie das?

Ich bin sehr fit, fühle mich ausgesprochen lebendig und ich bin neugierig auf das, was das Leben bietet. Ich bin glücklich. Ich bin gerne 67 Jahre alt, das ist ein gutes Alter. Du hast die Weisheit, aber immer noch auch die Wildheit.

Neugierig ist man ein Leben lang, oder?

Ja. Ich kenne einige sehr, sehr lebendige und aufgeschlossene 95-Jährige. So jemand möchte ich später auch sein.

Wie alt wollen Sie mindestens werden?

Mir ein solches Ziel zu setzen, ist sinnlos. Es kann morgen vorbei sein. Keiner weiß das. Deshalb tendiere ich dazu, im Moment zu leben.

„Das Haus war verhext“

Sie sagen, in dem Haus im Norden Londons, in dem Sie 1995 „If You Love Somebody Set Them Free“ geschrieben haben, hätte es gespukt. Wie kommen Sie darauf?

Ich bin eher misstrauisch, was das Übersinnliche angeht, und doch war es so. Das Haus war verhext. Es geschahen Dinge, für die es keine logische Erklärung gab. Möbel wurden verrückt und Gläser gingen zu Bruch. Ich fand das irgendwie ganz spannend. Ich stellte mir vor, wie im Haus ein Geist eingesperrt ist und wir ihn befreien sollten. Das war die Grundidee für den Song.

Haben Sie den Geist gesehen?

Ja. Ich sah eine Frau mit einem Baby in unserem Schlafzimmer stehen, und ich dachte, es sei Trudie mit unserem Kind. Aber die beiden lagen im Bett.

Und Ihre Frau?

Hat den Geist auch gesehen.

Sind Sie schnell ausgezogen?

Nein, nein, wir haben noch eine Weile in dem Haus gewohnt. Man gewöhnt sich an Gespenster. Ich habe keine Furcht vor den Toten. Die Toten können einem nichts antun. Das können nur die Lebenden.

Menschen in Ketten

Sind Sie selbst eigentlich frei?

Ich versuche, frei zu leben. Jeder Mensch liegt natürlich an Ketten, die völlige Freiheit ist ja eher ein psychologisches Konstrukt. Und doch weiß ich, wie gut es mir tut, wenn ich mich nicht zu vielen Erwartungen unterwerfe.

Sie haben vor drei Jahren das erste Konzert im Pariser Bataclan nach der Wiedereröffnung gespielt. Und auch Ihre kommende Tournee beginnen Sie in Paris. Hat die Stadt eine besondere Bedeutung für Sie?

Paris hat mich immer sehr stark stimuliert. Ich liebe diese Stadt, sie ist einfach unfassbar schön. Außerdem kenne ich keinen romantischeren Ort als Paris.

Nach dem Brand in Notre Dame haben mehrere Milliardäre große Summen für den Wiederaufbau gespendet.

Ich war keiner von ihnen.

„Ich bin kein Milliardär“

Und dann hieß es „Für die Kirche ist Geld da, aber für die Menschen nicht“.

Ja, da ist etwas Wahres dran.

Haben Sie Sympathie für die Gelbwesten? Braucht Europa so etwas wie eine Revolution?

Ich kann nachvollziehen, worum es den Demonstranten geht. Aber ich teile ihre Ansichten und ihr Vorgehen nicht. Und um das noch mal klarzustellen: Ich bin kein Milliardär (lacht).

- Vielleicht im kommenden Jahr. Gerade haben Sie ein festes Engagement im „Caesars Palace“ in Las Vegas verkündet. Sind Sie für Vegas nicht noch zu jung?

Das habe ich auch immer geglaubt. Aber ich probiere das jetzt aus. Das Schöne ist: Ich habe dort meinen eigenen Konzertsaal. Ich kann dort eine Umgebung und Atmosphäre schaffen, die besonders ist und die zu hundert Prozent meinen Vorstellungen entspricht. Meiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. So etwas geht auf einer herkömmlichen Tournee nicht.

Las Vegas ist nicht länger der Schlusspunkt einer Karriere, oder?

Auf keinen Fall. Oder glauben Sie, Lady Gaga wird in Kürze aufhören?

Hits sind nicht selbstverständlich

Kann man Ihre Sommertournee als „Greatest Hits“-Tour bezeichnen?

Och, warum nicht? Ich kann mich doch glücklich schätzen, überhaupt so viele Hits zu haben. Deutlich mehr als einen. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Musiker haben ja nur einen einzigen Hit. Oder sogar gar keinen (lacht).

Sie arbeiten unermüdlich, treten auch weiterhin in Ihrem Musical „The Last Ship“ auf, veröffentlichen zurzeit fast jährlich ein neues Album und touren um die Welt. Wie halten Sie die Balance zwischen Arbeit und Freizeit?

Wissen Sie, jemand, der in einem Kohlebergwerk arbeitet, würde sich meine Tätigkeit anschauen und sagen „Das ist doch keine Arbeit! Er singt ja nur und spielt ein bisschen Gitarre.“ Das trifft es nicht ganz, es ist schon harte Arbeit, aber es ist keine Arbeit, die meine Seele zerstört, sondern meine Seele nährt. Ich habe tatsächlich das Glück, einen Job gefunden zu haben, den ich liebe und der meinem Leben einen Sinn gibt. Die meisten Menschen arbeiten nur fürs Geld und finden das, was sie tun, langweilig. Ich bin mir meines Privilegs bewusst. Und unendlich dankbar, dass ich all diese Möglichkeiten habe. Mein Leben ist wirklich ein großes Glück.

- Also Augen auf bei der Berufswahl.

Steffen Rüth