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Kultur im Norden Nora Fingscheidt: die Oscar-Kandidatin
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07:00 25.08.2019
Filmregisseurin Nora Fingscheidt: „Ich weiß, dass ich so ein Herzensprojekt jetzt erstmal nicht mehr machen kann.“ Quelle: dpa
Berlin

Für ihr Spielfilmdebüt „Systemsprenger“, das 19. September in die Kinos kommt, hat Nora Fingscheidt (36) fünf Jahre lang recherchiert. Auf der Berlinale von 2017 wurde ihr Skript mit einem Förderpreis bedacht, zwei Jahre später erhielt sie für das fertige Werk den Silbernen Bären – jetzt ist sie Kandidatin für den Auslands-Oscar. Die in Braunschweig geborene Filmemacherin über „Herzblut-Projekte“.

Frau Fingscheidt, wenn man mehrere Lebensjahre und sein ganzes Herzblut in einen Film investiert hat, mit was für Gefühlen geht man dann zur Weltpremiere auf der Berlinale?

Ich stand zu diesem Zeitpunkt ein bisschen neben mir. Der Film war erst drei Tage zuvor fertig geworden und noch im Arbeitsmodus. Ich bin quasi direkt von der Postproduktion in die Premiere gestolpert und hatte gar keine Zeit darüber nachzudenken, was mich da wirklich erwartet. Mir blieben nur diese drei Tage, um mir ein Kleid zu besorgen und mal richtig durchzuatmen. So richtig übermannt hat es mich erst nachher. Plötzlich hatte der Film mit mir gar nichts mehr zu tun, weil jeder etwas Anderes sieht und interpretiert.

Sie sind im Rahmen Ihrer Recherchen an einen Punkt gelangt, an dem Ihnen die harte Realität zu viel wurde?

Nein, aber nach drei Jahren der Recherche gab es ein Jahr, in dem ich komplett Pause gemacht habe. Und das war auch gut so. Durch diese ganzen Fälle und die Intensivrecherchen, während denen ich in den Institutionen gelebt und mitgearbeitet habe, hatte ich die Distanz verloren. Ich habe gemerkt, dass mir das viel zu nahe geht und dass sich mein Weltbild verdüstert hat. Plötzlich sah ich überall nur noch Fälle von Kindesmisshandlung. In der „Systemsprenger“-Pause habe ich einen Dokumentarfilm in Argentinien gemacht, meinen Abschlussfilm. Diese Arbeit hat mich in eine so andere Welt katapultiert, dass ich anschließend mit einem gesunden Abstand weiterarbeiten konnte.

Menno Baumann, ein Spezialist für Intensivpädagogik, hat das Projekt begleitet. Wie wichtig war Ihnen diese Rückversicherung?

Sie war mir sehr wichtig. Der Film erhebt keinen Anspruch auf dokumentarische Wahrhaftigkeit. Es gibt sehr viele Vereinfachungen und Auslassungen, die der fiktionalen Spielfilmdramaturgie geschuldet sind. Trotzdem wollte ich sehr genau wissen, wann man die Linie überschreitet und wann nicht.

Wie haben Sie entschieden, was Sie dem Publikum zumuten und was nicht?

Das Drehbuch wurde ja über Jahre hinweg begleitet. Dabei hat man schon gemerkt, welche Entscheidungen richtig und wichtig sind und wann es zu viel wird. Natürlich war auch immer die Frage, was man Helena zumuten kann. Beim Schnitt sind dann nochmal ein paar „Ausraster-Szenen“ rausgeflogen. Einfach weil es zu viel war. Wir haben mit einem Testpublikum ausprobiert, wann es kippt und man dem Film keinen Gefallen mehr tut.

Mit welchen Szenen haben Sie die Castings durchgeführt?

Für die allerersten Casting-Runden gab es zwei Aufgaben. Die erste war ein Improvisationsspiel mit einem erwachsenen, männlichen Spielpartner. Die Aufgabe war, den Mann aus dem Zimmer raus zu kriegen. Egal wie, alles ist erlaubt. Du darfst schieben, treten, beschimpfen – was auch immer. Es kristallisierte sich heraus, mit wem man weiter gehen konnte und bei wem man besser gleich nach dem ersten Take sagte, danke. Die zweite Aufgabe war eine ganz ruhige, nämlich ein Gespräch mit dem Anspielpartner. So konnte man die ganze Bandbreite zwischen dieser Extrovertiertheit, der Wut und der Aggression und der Fähigkeit, auch ruhige Szenen zu tragen, erkennen.

Hauptdarstellerin Helena Zengel ist eine Naturgewalt. Wie haben Sie sie geführt?

Wir hatten eine ganz lange Vorbereitungszeit. Sechs Monate vor Drehbeginn haben wir damit begonnen, ein oder zweimal in der Woche miteinander zu arbeiten. Nach jeder Probe haben wir Listen gemacht: Wie hat ihr Figur Benni reagiert und wie würde Helena eigentlich reagieren? Dadurch hat sie die Personen nicht durcheinandergebracht. Als wir nach sechs Monaten mit dem Dreh begonnen haben, konnte sie fast schon spielerisch rein und raus aus Bennis Charakter und beides total gut voneinander unterscheiden. Der Dreh war sehr lang, wir hatten 67 Drehtage, das ist etwa doppelt so viel wie bei einem „normalen“ Spielfilm. Die Arbeitszeit mit Kindern ist in Deutschland begrenzt, was ja auch gut ist. Das führte dazu, dass es nicht nur Ausrast-Tage gab, sondern auch mal ruhige oder lustige.

Wie schwer ist es, einen kleinen Menschen, zu dem man ein solches Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, anschließend wieder ziehen zu lassen?

Es ging ganz gut. Am Ende war es lang und anstrengend und Helena hat sich so darauf gefreut, wieder in ihr gewohntes Leben zurückzukommen und ihre Freundinnen aus der Schule wiederzusehen. Bei mir war es eigentlich ganz ähnlich. Ich bin ja auch Mutter und war nach fünf Monaten Dreh erschöpft. Ich wollte zu meiner Familie nach Hause. Wir haben uns dann noch regelmäßig gesehen und tun es auch heute noch.

Als wie gut oder wie reformbedürftig haben Sie dieses System kennengelernt, das von einigen Kids gesprengt wird?

Ich muss ganz klar sagen, dass ich keine Fachfrau bin. Meine Einblicke sind nicht tief genug und ich durchdringe die Umstände nicht so, dass ich mich fachlich sinnvoll dazu äußern könnte. Als Nora, die Privatperson, habe ich den Eindruck, dass viele Leute, die im Sozialen arbeiten, ganz schön überlastet sind, was die Zahl von Fällen und Kindern angeht. Und das immer mit dieser Verpflichtung zur bürokratischen Genauigkeit. Da verstehe ich eben die Hintergründe nicht. Muss so eine Frau wirklich sechzig Fälle haben oder neunzig, wenn eine Kollegin krank wird? Macht so etwas eigentlich Sinn? Kann man so eine Familie überhaupt richtig kennenlernen? Oder warum müssen zwei Erzieher, die sich in einer Wohngruppe um zehn Kinder kümmern, immer noch ständig irgendwelche Zettel ausfüllen? Ein bisschen mehr Geld, ein höherer Personalschlüssel und auch mehr soziale Anerkennung würden Erziehern und Kindern mit Sicherheit helfen. Bei Dr. Menno Baumann im Leinerstift in Ostfriesland, einer Einrichtung für ganz betreuungsintensive Fälle, gibt es Gruppen mit nur drei Kindern. Das kostet natürlich auch verdammt viel Geld. Aber ich glaube, dass das der richtige Ansatz ist.

Glauben Sie, dass Menschen immer als gänzlich unbeschriebene Blätter zur Welt kommen?

Nee. Ich glaube, man bringt auch schon etwas mit. Man wird auch schon im Bauch geprägt, wenn eine Mutter zum Beispiel viel Stress oder viel Streit hat. Und dann gibt es einen bestimmten genetischen Anteil, was den Energielevel angeht. Bei Benni wäre es wahrscheinlich egal gewesen, wo sie zur Welt kommt. Ihr Energielevel hätte sie mitbekommen. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht der neue Jimi Hendrix geworden oder eine verrückt-geniale Konzernchefin. Nur hat sie diese Umstände leider nicht gehabt.

Sie wissen schon, dass der zweite Film sehr schwierig wird, wenn das Spielfilmdebüt so einschlägt?

(lacht) Ja, klar! Ich weiß aber auch, dass ich so ein Herzensprojekt jetzt erstmal nicht mehr machen kann. Es war toll, aber es hat wahnsinnig viel Kraft gekostet. Ich widme mich jetzt erstmal einer Art Auftragsarbeit, bei der ich nur den Regie-Job übernehme. Für mich wird eher das nächste Herzblut-Ding das sein, bei dem so richtig großer Druck auf mir lastet.

„Systemsprenger“

Für Kinder wie Bennihaben Jugendämter einen eigenen Begriff: Systemsprenger“. So heißt auch das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt, deren neunjährige Heldin Benni (Helena Zengel) nahezu jedes Programm durchlaufen hat, dass das System für Kinder wie sie bietet. Das Mädchen wechselt von einer Pflegefamilie zur nächsten und möchte eigentlich nur zu ihrer Mutter zurück. Der Film ist ab 19. September in den Kinos zu sehen.

Von André Wesche

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