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Kultur im Norden Das große Rätsel Edvard Munch – kann es im Kino gelöst werden?
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12:05 01.11.2019
Der Schriftsteller Karl Ove Knausgård vor dem Bild „Die Sonne“ in der von ihm kuratierten Munch-Ausstellung, die jetzt auch in Düsseldorf zu sehen ist. Quelle: dpa
Lübeck

Es ist nicht viel zu sehen auf dem Bild. Eine Landschaft, kahle Felder, über die ein früher Winter gezogen ist. Weite, leere Flächen und dahinter ein bleicher Himmel. Das Nichts.

Er hatte Tränen in den Augen, als er das Bild zum ersten Mal sah, sagt Karl Ove Knausgård. Er habe hineinschaut in eine „existenzielle Einsamkeit“. Man müsse ganz alleine davor stehen, nur diese Landschaft und die eigenen großen Fragen. Edvard Munch hat das Bild 1906 gemalt. Es ist eines von vielen, aus denen es einen kalt anweht. Knausgård hat es für eine Ausstellung 2017 im Osloer Munch-Museum ausgewählt, die er kuratiert hat und die derzeit in Düsseldorf zu sehen ist. Der Maler und der Schriftsteller. Zwei verwandte Seelen.

Karl Ove Knausgård kuratiert Edvard Munch

„Der andere Munch heißt die Dokumentation in der Reihe Specials über die Ausstellung und die Monate, in denen Knausgård sie vorbereitet hat. Er zeigt den Autor und den norwegischen Regisseur Joachim Trier auf den Spuren des Malers. Sie reisen zu Munchs Sommerhaus in Åsgårdstrand an der Küste südlich von Kristiania, wie Oslo damals noch hieß. Zu dem Felsen und der Brücke, die immer wieder in Munchs Bildern auftauchen. Sie gehen durch neblige Wintertage, sie reden. Knausgård zeigt Bilder, die in die Ausstellung sollen und von denen er nicht weiß, ob es die richtigen sind.

Aber das ist auch nicht einfach bei diesem Maler, der keine Frau hatte und keine Kinder und der sein gesamtes Werk der Stadt Oslo vermacht hat. Mehr als tausend Gemälde waren das, dazu Abertausende Drucke, Zeichnungen und Skizzen. Sie waren überall, als er im Januar 1944 starb und man durch seine Villa und Ateliers am Stadtrand von Oslo ging. Ein „kreatives Chaos“ heißt es inMunch in Hell“, einer anderen Dokumentation, die das Leben dieses Mannes nachzeichnet. Eines der „Schrei“-Bilder hing an einem Nagel über der Tür. Heute ist es Millionen wert und eine Ikone, damals war es eines unter vielen.

Munch, ein Getriebener

Er war ja ein Getriebener, dieser Mensch voller Angst und Zweifel. Da war etwas Manisches in seinem Kopf und in seiner Kunst. Seine Bilder seien noch gar nicht fertig, sagte man. Da müsse noch viel dran getan werden. Aber für ihn waren sie fertig. Und vor allem machten sie Platz für neue, denn die mussten ja auch gemalt werden, die ganz besonders. Von Vermeer sind drei Dutzend Werke überliefert, von Munch lagern sie zu Tausenden in dem Museum, das man ihm nach seinem Tod in Oslo gebaut hat. Und im nächsten Frühjahr wird ein neues eröffnet, noch größer, noch schöner.

„Der andere Munch“ mit Karl Ove Knausgård (r.) Quelle: NFL

Dass es so weit kam, dass er zu einem der bedeutendsten Maler dieser Zeit wurde, lag auch an Lübeck. An dem Augenarzt Dr. Max Linde, der wohlhabend war und Kunst sammelte und eines Tages bei Munch im Atelier stand, in Berlin, wohin sich der Maler zurückgezogen hatte. Linde kaufte Bilder, verschaffte Aufträge, und Munch besuchte den Freund immer wieder auch in Lübeck. Er fühlte sich wohl hier. Er mochte die Familie und malte die vier Linde-Kinder, eines seiner prägenden Werke und heute im Behnhaus Drägerhaus zu sehen. Als er Heiligabend nicht mit der Familie feiern mochte und lieber ins Bordell ging (was er auch gleich malte), trübte das die Beziehung, aber nicht wirklich lange.

Edvard Munch- Gemälde „Die Kinder des Dr. Linde" hängt im Behnhaus in Lübeck. Quelle: Silz Dirk

Munch hielt sich viel in Deutschland auf. In Thüringen, wo er eine großartige Natur fand und Burgen, aber vor allem „keine Norweger“. Wo er die totenblassen leeren Felder malte, die verschneiten Totenäcker, die Knausgård zum Weinen brachten. Er war in Warnemünde, das er nach zu viel Alkohol und zu vielen Dämonen verließ, Richtung Kopenhagen, in ein Sanatorium.

Er hatte Beziehungen, unglückliche und tragische. Unter anderem mit Tulla Larsen, der er schrieb: „Du musst es verstehen, dass ich eine Sonderstellung hier auf Erden habe.“ Das Ende ihrer Liebe hat ihn noch Jahre später beschäftigt, er malte Tulla in einem Bild gleich doppelt: einmal in strahlendem Weiß, einmal in Schwarz.

Munch in Düsseldorf

Bis März nächsten Jahressind in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf rund 140 selten gezeigte Bilder Edvard Munchs zu sehen. Es ist die Ausstellung, die Karl Ove Knausgård vor zwei Jahren für das Osloer Munch Museum kuratiert hat. Weil es so viele sind, hängen die Gemälde teils in Doppelreihen an der Wand. „Er ist so ikonisch, dass man die Bilder nicht mehr sieht“, sagte Knausgård über den Mitbegründer der modernen Malerei. Gezeigt werden Bilder aus dem Spätwerk Munchs, die gemeinhin als die weniger interessanten gelten im Vergleich zu Arbeiten wie „Der Schrei“ oder „Das kranke Kind“ aus der Zeit vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Er finde Munch „psychologisch interessant“, sagte Knausgård. Er schätze an ihm, dass er immer weitergemacht habe, trotz all der Hindernisse und dem Unverständnis, das ihm begegnet ist.

„Ich glaube, ich bin einzig fähig, Bilder zu malen.“

„Ich glaube, ich bin nicht fähig, jemanden zu lieben und von jemandem geliebt zu werden“, sagte er. „Ich glaube, ich bin einzig fähig, Bilder zu malen.“ Das war seine Antwort auf das Leben. Er wollte mit seiner Kunst Licht in die Dunkelheit bringen, für sich und für die anderen.

Knausgård ist zu der Osloer Ausstellung gekommen, weil er 2013 eine Rede zu Munchs 150. Geburtstag gehalten hat. Er ist kein Munch-Spezialist, auch wenn gerade mit „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ noch ein Buch von ihm über den Maler erschienen ist. Er erlaubt einen psychologischen Zugang zu diesem Phänomen. „Munch in hell“ dagegen umfasst Munchs ganzes Leben, geht auch ins Detail und erzählt trotz vieler Zeitsprünge eher konventionell von dem Mann, der von sich sagte: „Das ist es, was ich will: Menschen zu malen, wie sie sind, nicht wie sie aussehen.“

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Von Peter Intelmann