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Kultur im Norden In diesen Filmen stehen Männer und ihre Gefühlswelt im Fokus
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12:03 25.10.2019
„Weil wir harte Kerle sind“: Der Chor als Männerkosmos. Quelle: Foto: Wide House
Lübeck

Sie tragen Lederjacken, Bärte, Totenkopfringe,Tattoos. Und sie sind auf dem Weg zu einem Open Air Konzert vor 10 000 Leuten – als Vorgruppe von Black Sabbath: Die Mitglieder vom „Mannskoret“, einem Osloer Männerchor, sind ein kerniger Haufen, gestandene Männer allesamt. „Wir trinken gerne Bier und wir singen gerne, und das tun wir jeden Dienstag. Und wir haben einander versprochen, bei unseren Beerdigungen zu singen“, stellt Knut den Chor bei einem Auftritt vor und scherzt, das sei eine schöne Idee, aber leider schlecht für den letzten.

Vorsingen bei „Black Sabbath

„Weil wir harte Kerle sind“
, heißt der norwegische Dokumentarfilm von Petter Sommer und Jo Vemund Svendsen, die „Mannskoret“ bei den Vorbereitungen zu ihrem bislang größten Auftritt begleitet hat. Es hätte ein unterhaltsames Roadmovie werden können mit viel Beat, Bier und starken Tönen aus breiten Brustkörben, aber dann kommt es ganz anders. Chorleiter Ivar erhält drei Monate vor dem Auftritt eine Krebsdiagnose – mit der Prognose, dass ihm noch acht bis zwölf Wochen Lebenszeit bleiben, maximal.

„Weil wir harte Kerle sind“: Hier darf ich singen, hier kann ich sein. Quelle: Wide House

Ivar leitet den Chor seit zehn Jahren, und jetzt wird offenbar, welche Bedeutung diese Männergemeinschaft aus lauter Individualisten und unterschiedlichen Charakteren für jeden einzelnen gewonnen hat. „Ich lasse andere nicht wirklich nah an mich heran“, sagt einer. „Der Chor ist mein engstes Netzwerk.“ Und zusammen sind sie stark genug, Schwäche und Tränen zu zeigen angesichts des nahen Todes von einem unter ihnen, Angst und Trauer auszuhalten. Ivar mobilisiert alle Kräfte, um bis zum Black Sabbath-Konzert durchzuhalten, will keine Probe verpassen – es scheint ein aussichtsloser Kampf, aber die Männer auf diesem Weg bis ans Ende zu begleiten, ist jede Film-Sekunde wert.

Warum Finnlands Männer so traurig sind

Von der leichten Seite zeigt sich auch das Leben der Männer nicht, die der Finne Joonas Berghäll für seinen Film „Der glücklichste Mann der Welt“ vor die Kamera geholt hat. Als seine Mutter 2015 stirbt, hat er gerade seinen Film „Mother’s Wish“ vorgestellt – „da war sie zum ersten Mal stolz auf mich“, sagt Berghäll. Er selbst aber hatte sich beruflich und gesundheitlich völlig erschöpft, nichts für sich getan, kein Urlaub, keine Beziehung, viel Arbeit, wenig Freude, und laut Statistik würden ihm noch 14 Jahre Lebenszeit verbleiben, sollte er so weitermachen.

Filmemacher Joonas Berghäll hinterfragt sich selbst in „Der glücklichste Mann der Welt. Quelle: Oktober OY

So sieht sie aus die Welt der Männer, gebaut auf ein Selbstbild, das Stärke, Führungskraft und Erfolg fordert. Gefühle schwächen da nur, sie werden abgekapselt, weggedrückt, weggetrunken. Und obwohl Finnland als das glücklichste Land der Welt gilt, sind seine Männer traurig, überarbeitet und sechs Jahre früher tot als die Frauen. Mit großer Offenheit berichten Bergäll und fünf weitere Männer von sich selbst, von Krankheit, Einsamkeit, Burnout, Alkoholsucht, und auch davon, was es sie gekostet hat, sich von diesem Mannsein zu lösen – und wie viel sie so gewonnen haben. Ein neues Leben.

Ein Fenster in ein ganz anderes Leben öffnet „Q’s Barbershop“, der den Alltag und die Kundengespräche der rein männlichen Klientel im Frisiersalon von Qasim in Odenses Problemstadtteil Vollsmose öffnet. Der „Block“ ist ein Mikrokosmos. 9000 Menschen aus 80 Ländern leben hier und Qasim aus Somalia macht ihnen die Haare schön – der männlichen Hälfte. In seinem Barbershop sind alle Kunden gleich, und so vorurteilsfrei wie der Friseur ihnen begegnet, beobachtet der Dokumentarfilmer Emil Langballe mit der Kamera das Gebaren, die Probleme, Weltsichten und Eitelkeiten in der multiethnischen Männerwelt.

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196 Filme in 283 Vorführungen sind vom 29. Oktober bis 3. November bei den 61. Nordischen Filmtagen in Lübeck zu sehen. Hier finden Sie eine Auswahl unserer Artikel.

Von Regine Ley