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Kultur im Norden Retrospektive mit Spionen und Geheimagenten
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12:05 01.11.2019
„S1“ (1913) von Urban Gad ist einer der ersten Filme der Dänin Asta Nielsen, die zu einem der größten Stars des Stummfilmkinos wurde. Quelle: Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
Lübeck

Schon früh haben sich auch die Filmemacher im Norden mit dem Thema Spionage auseinandergesetzt. Benjamin Christensen, der große dänische Regisseur, zum Beispiel. Der gilt zwar vor allem als einer der Begründer des Horrorfilms, sein Frühwerk „Das geheimnisvolle X“ aus dem Jahr 1914 ist dennoch einer der sehenswertesten Filme der Retrospektive.

„Geheimnisvolles X“: Der Stummfilm-Klassiker aus dem Jahr 1914 spielt kunstvoll mit Licht und Schatten – ein frühes Meisterstück des „Film Noir“. Quelle: DFI, Bildarchiv; Foto: A.W. Sandberg

Nicht wegen der Handlung, die ist einfach grotesk und entspricht gerade deshalb den Stereotypien des Spionage-Genres (ist James Bond nicht auch grotesk?). Auch nicht, weil der Bösewicht wie in vielen anderen Filmen der Reihe ein Italiener ist. Der Film ist vor allem sehenswert wegen der visuellen Fantasie des Regisseurs, der zudem überzeugend die Hauptrolle spielt. Überblendungen, Doppelbelichtungen, immer wieder überraschende Effekte: „Das geheimnisvolle X“ muss den Vergleich mit Stummfilm-Klassikern wie „Nosferatu“ oder „Das Kabinett des Doktor Caligari“ nicht scheuen. Auch der sozialkritische Film „Blind Justice“ von Benjamin Christensen ist sehenswert (in diesem Film ist der Bösewicht ein Elefantendompteur).

Eine der frühesten Kino-Arbeiten von Asta Nielsen

Weitaus weniger innovativ als die Filme Christensens ist dagegen etwa „S 1“ von Urban Gad (1913). Wieder eine klassische Spionagegeschichte, woher der Bösewicht stammt, kann man sich schon fast denken. Aber eine echte Innovation hat dieser Film dann doch zu bieten: Es ist eine der frühesten Kino-Arbeiten von Asta Nielsen, die später zu einem der größten Stars der Stummfilmzeit wurde. Eher unspektakulär ist dagegen Georg af Klerckers „Fürs Vaterland“ (Schweden 1914).

Schöne Bilder, hässliche, verleumderische Klischees: In „Der höchste Sieg“ hat Antisemitismus deutlichen Niederschlag gefunden. Quelle: KAVI

Der finnischen Stummfilm „Der höchste Sieg“ von Carl von Hertmann aus dem Jahr 1929 ist offen antisemitisch, er arbeitet mit denselben verlogenen und verleumderischen Klischees, wie man sie aus der Nazi-Presse jener Jahre kennt. Der Oberspion ist ein russischer Jude, der aussieht, als sei er einer Karikatur im Hetzblatt „Der Stürmer“ entstiegen. Wenn von ihm die Rede ist, dann nur von „dem Juden“, nicht etwa von „dem Russen“ oder „dem Spion“. „Das ist typisch für finnische Filme jener Zeit, darin ist deutlicher Rassismus zu spüren“, sagt Jörg Schöning, Kurator der Retrospektive. Er wird alle Filme der Reihe vor der Vorführung erklären und einordnen.

Zu den herausragenden Arbeiten dieser Retrospektive gehören drei Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. „Inside Man“ von Tom Clegg (Schweden 1984) spielt in den frühen 1980er Jahren, als immer wieder sowjetische U-Boote in schwedische Hoheitsgewässer eindrangen. Schweden sah sich plötzlich mitten im Kalten Krieg gefangen – bis heute haben diese Ereignisse Folgen. Clegg hat aus diesem wahren Kern einen echten Thriller gemacht, besetzt unter anderem mit dem unvergleichlich coolen Dennis Hopper und Hardy Krüger in seinem letzten Film.

Stummfilme mit Live-Musik

Der Schuppen 6 an der Untertrave hat sich im vergangenen Jahr als besondere Spielstätte bewährt. In diesem Jahr werden an vier Abenden Stummfilme gezeigt aus der Retrospektive. Darunter „Das geheimnisvolle X“, „Der höchste Sieg“, „S1“ und „Fürs Vaterland“.Begleitetwerden die Filmklassiker wieder von Live-Musikern.

Zwischen den Fronten des Kalten Krieges

„Inside Man“ (1984, hier mit Gösta Ekman Junior) ist ein Spionage-Klassiker aus der noch heißen Zeit des Kalten Krieges. Hardy Krüger spielte darin seine letzte Kinorolle. Quelle: Swedish Film Institute

Wahr ist auch die Geschichte, die „Zwei Leben“ von Georg Maas (2012) erzählt. Im Mittelpunkt steht eine Norwegerin, Tochter eines Wehrmachtssoldaten und einer Norwegerin, die als Kleinkind von den Nazis nach Ostdeutschland verschleppt wurde, in der DDR aufwuchs und mit 20 Jahren angeblich flüchtete, um in Norwegen ihre Mutter zu suchen. In Wirklichkeit war sie im Auftrag der Stasi unterwegs – mehr als 250 norwegische Besatzungskinder traf dieses Schicksal. Zwischen die Fronten des Kalten Krieges gerät auch die Norwegerin Vera Vaga im Film „Eisige Küsse“, die sich während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg in einen Russen verliebt. Nach dem Krieg arbeitet sie bei der norwegischen Botschaft in Moskau und liefert ihrem Geliebten Geheimpapiere gleich im Dutzend. Eine ergreifende Liebesgeschichte, großartig gefilmt und großartig gespielt.

Insgesamt bietet diese Retrospektive einen filmhistorisch interessanten Mix. Sie zeigt, wie weit fortgeschritten und innovativ der skandinavische Stummfilm war, die Filme aus der Gegenwart belegen, dass die Vergangenheit noch längst nicht aufgearbeitet ist. Vielleicht ist sie noch nicht einmal vergangen.

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Von Jürgen Feldhoff