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06:00 14.07.2019
„Bach gehört allen Menschen“: Olivier Latry an der Orgel der Lübecker Jakobikirche. Quelle: foto: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Dieser Mann denkt poetisch. Selbst wenn der weltberühmte Organist über Technik redet, wird daraus ein sprachliches Bild. Jede Orgel ist für ihn ein Lehrer. Wie funktioniert das? Olivier Latry lacht und erklärt: „Jeder Orgelbauer hat eine Seele, die in seinem Instrument verewigt wird. Orgeln sind Teamwork und werden über Jahrhunderte immer wieder restauriert und verändert – alle Seelen zusammen machen dann das Instrument aus, das man gut kennenlernen muss, um es spielen zu können.“

Olivier Latry (57) ist seit 34 Jahren einer der besten seiner Zunft. Er gehört zu den drei Titular-Organisten der Kathedrale Notre-Dame Paris. Diese Auszeichnung wird auf Lebenszeit verliehen. Schon mit 23 Jahren hatte Latry den Zenit erreicht, denn einen besseren Arbeitsplatz kann sich kaum ein Organist vorstellen.

Keine Routine in Notre-Dame

Wie ist es möglich, dass sich keine Routine einschleicht, dass man nicht nach und nach an musikalischer Kraft verliert? Diese Frage findet der Wahl-Pariser völlig abwegig, wischt sie mit einer großen Geste vom Tisch, antwortet klar und bestimmt: „Notre-Dame macht Routine unmöglich. Das Instrument ist zu außergewöhnlich.“ Wichtig sei Respekt vor der Orgel und vor ihrer langen Geschichte. Jeder Gottesdienst und jedes Konzert sei etwas Besonderes und vorher nicht kalkulierbar.

In den kommenden drei Jahren wird die Orgel von Notre-Dame schweigen, obwohl sie den Brand der Kathedrale im April wie durch ein Wunder überstanden hat. Latry erzählt: „Messungen im Inneren der Orgel haben ergeben, dass die Temperatur während des Brandes dort nicht höher war als 17 Grad. Wir haben Glück gehabt.“ Das Instrument wird mit seinen 8000 Pfeifen komplett abgebaut, denn die Mauern der Kirche sind einsturzgefährdet und das Mauerwerk kann sonst nicht restauriert werden. Auch die Orgel wird gründlich untersucht.

Blühende Bäume

Der Brand ist ihm sehr nahe gegangen. Er war an dem Tag nicht in Paris, ist aber sofort angereist und sah die beiden Türme der Notre-Dame noch stehen, davor blühende Bäume: „Das hat mir Hoffnung gegeben“, sagte er. Es sei wie ein Zeichen gewesen.

Bach und Orgelmusik gehören für jeden deutschen Musikliebhaber eng zusammen. Was reizt den Franzosen so sehr daran? Olivier Latrys Augen blitzen, als er betont: „Bach gehört allen Menschen.“ Im Übrigen finde er Bachs Musik gar nicht einmal typisch deutsch. „Bach bietet mir viel mehr Freiräume als beispielsweise Beethoven.“

Sprache ist wichtig

Latry lehrt am Conservatoire de Paris. Von seinen ausländischen Studenten verlangt er, dass sie sehr gut Französisch lernen. Seine These: „Man muss Französisch sprechen, um die französische Musik spielen zu können.“ Studenten, die keinen Kontakt zur Sprache bekommen hätten, seien auch keine bemerkenswerten Musiker geworden. Latry selbst spricht sehr gut Deutsch. „Ich wollte die Texte der Choräle verstehen. So fing es an.“

Zwei Klischees besagen, das Französische sei elegant, das Deutsche zuweilen hart. Hier geht Latry mit: „Die Orgeln spiegeln tatsächlich die Sprache des Orgelbauers. Es ist erstaunlich, aber französische Orgeln klingen viel sinfonischer als deutsche Instrumente. Der Anschlag ist weicher. Ich denke, das hängt mit unserer weicheren Sprache zusammen. Deutsche Instrumente haben einen präziseren Anschlag, weil auch das Deutsche konsonantenreicher ist.“

Nachts in der Kirche

Olivier Latry ist ein Mensch, der allerhöchste Maßstäbe an sich selbst stellt. Gerne übt er nachts, wenn alles schläft und er die Kirche für sich hat. Er ist sicherlich ehrgeizig, aber auch ein Mensch, der gern lacht, aufmerksam zuhört, zugewandt ist und Gedankenspiele liebt. Und immer wieder denkt er in Bildern: „Organisten sitzen hoch oben zwischen Himmel und Erde. Das ist ein besonderer Ort.“ Wäre auch ein anderer Beruf denkbar gewesen? Latry ist fast schon befremdet: „Diese Frage habe ich mir nie gestellt.“

https://www.ln-online.de/shmf

Cornelia Schoof

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