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Kultur im Norden Orpheus in der Unterwelt mit Günter Grass
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21:05 15.12.2014
Las im Schloss Stintenburg: Nobelpreisträger Günter Grass. Die Gäste genossen dazu ein siebengängiges Menü. Quelle: Petra Haase
Stintenburg

Er hätte die Entenbrust nicht rosa gebraten. Aber an diesem Abend zählten nicht die kulinarischen Vorlieben des Günter Grass. Es ging um sein Werk, zu dem Kulinarik gehört wie der Rotwein zu einer Lesung mit ihm. „Ein weites Feld“ stand auf dem Programm, nachzuhören vom Nobelpreisträger selbst und nachzuschmecken durch junge, ambitionierte Köche unter der Regie von Günter Weinberg.

Zum dritten Mal wurde am Sonnabend im Schloss Stintenburg auf der gleichnamigen Insel im Schaalsee zu einer Lesung mit Günter Grass geladen, die mit einem vom Werk inspirierten Menü begleitet wurde.

Während die Gäste langsam eintrafen, plauderte Günter Grass bereits im Salon. Es ging um Fontane — natürlich. An seiner Person arbeitete Grass in seinem Roman zwei deutsche Einigungen ab. Es geht um die Offenbach-Stuben in Ost-Berlin, zu DDR-Zeiten Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen mit mehrmonatiger Anmeldefrist, die Grass zum Schauplatz für das Kapitel „Marthas Hochzeit“ erwählt hat.

Und von diesem beschriebenen Menü ließ sich der Lübecker Spitzenkoch Günter Weinberg inspirieren und kreierte ein siebengängiges Menü mit so wohlklingenden Namen „Schöne Helene“ (Entenbrust, Orangensauce, Gemüse, Kartoffelpuffer) oder „Orpheus in der Unterwelt“ (Ochsenbraten mit Zwetschgensauce und Speckbohnen). Letzteres wurde auf Marthas Hochzeit zwar nicht serviert, aber erwähnt.

„Großartig“, lobte Günter Grass den Ochsenbraten, den er bereits mit Günter Weinberg vorgekostet hatte. Die beiden Männer verbindet die Leidenschaft zum Kochen, wenngleich der Nobelpreisträger nur noch selten am Herd stehe, wie er sagte. Während seiner ersten Ehe in Berlin sei er der Koch in der Familie gewesen und gerne Innereien gekocht, plauderte er aus dem Nähkästchen. Er liebe die bodenständige Küche, schwärmte: „Kalbsbries und Schweinekopf, vorzüglich“. Regional und saisonal, sagt man heute, doch das ist ein weites Feld.

Günter Grass las drei Ausschnitte aus „Marthas Hochzeit“ — mit Verve und wippenden Knien. Und nach dem Edelbrand, dem Kaffee und den Pralinen plauderte der 87-Jährige noch um Mitternacht mit den Gästen, signierte Bücher. „Ein wunderbarer Abend, es ist immer eine sehr anregende Atmosphäre“, sagte Stefan Schmidt aus Lübeck. Der Flüchtlingsbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein ist bereits zum dritten Mal bei dieser kulinarischen Lesung und freut sich, dass im kommenden Jahr weitere geplant sind.

Auf die muntere Gesellschaft blickt von einem Gemälde Albrecht Graf von Bernstorff, Ende des 19. Jahrhunderts deutscher Botschafter in London, der im Roman von Günter Grass ebenfalls Erwähnung fand.

Eine schöne Verbindung über Zeit und Raum und Anlass für den jetzigen Hausherrn Johann von Bernstorff für einen Exkurs in die prominent besetzte Ahnenreihe, doch das ist eine andere Geschichte — und ein weites Feld.

Ein wunder- barer Abend, es ist immer eine sehr entspannte und anregende Atmo- sphäre.“ Stefan Schmidt, Lübeck

Petra Haase