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Kultur im Norden Das bedeuten die Darstellungen auf den Altären von St. Annen
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21:31 16.04.2019
„Eine Perle Schleswig- Holsteins“: Museumsleiterin Dagmar Täube. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Prachtvoll stehen sie da, die mittelalterlichen Altäre des St. Annen-Museums. 28 Stück sind es an der Zahl, die die Besucher in dem ehemaligen Kloster im Museumsquartier bewundern können. Die Ausstellung ist die größte ihrer Art in Norddeutschland und eine „Perle Schleswig Holsteins“, sagt Museumsleiterin Dagmar Täube. „Eine solche Sammlung mittelalterlicher Schnitzaltäre gibt es kein zweites Mal.“ Zum bevorstehenden Osterfest werden in dieser Woche zwei extra Führungen angeboten, die die Schnitzereien, das Handwerk und die Entstehung der Altäre erläutern.

Täube kennt die Altäre sehr gut – und dennoch entdeckt sie immer wieder Neues, wenn sie sich die aufwendigen Schnitzereien und die vielen Episoden aus der Passionswoche anschaut. Jeder Altar ist ein Unikat und erzählt von den letzten Kapiteln im Leben Jesus Christus in der Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag. Wie er sein Ende kommen sah, wie er von Judas verraten und von Pontius Pilatus weggeführt wurde. Wie er von den römischen Soldaten gegeißelt und gezwungen wurde, sein Hinrichtungsinstrument – das Kreuz – durch die Straßen von Jerusalem zu tragen: Jesus wurde auf dem Hügel Golgatha gekreuzigt. Seine Mutter Maria fiel bei diesem Anblick vor Schmerz in Ohnmacht. Nach seinem Tod wurde der Sohn Gottes in ein Felsengrab gelegt – bis zur Auferstehung.

All das fasst ein jeder der Altäre auf seine Art zusammen – beeindruckend vor allem vor dem Hintergrund der jeweiligen Epoche und Entstehungszeit, denn das Mittelalter umfasst gut 1000 Jahre.

„Ausdruck der Boshaftigkeit“

„Schauen Sie mal die Nasen der schielenden Schurken“, sagt die Museumsleiterin und zeigt am Grönauer Altar aus dem Jahr 1430 auf die Soldaten, die um Jesus stehen. „Das Schielen ist Ausdruck der Boshaftigkeit, die Jesus in seinen letzten Tagen widerfahren ist.“ Das wohl bekannteste Stück im Museum ist der Memling-Altar. Er wurde im Auftrag der Lübecker Familie Greverade 1491 für den Dom geschaffen und zählt zu den kostbarsten Schätzen der Stadt. Und auch hier gibt es mit jedem Betrachten eine neue Sicht auf die Dinge.

Die Museumsleiterin vor dem Memling-Altar aus dem Jahr 1491. Quelle: Lutz Roeßler

Viel mehr als die bildhafte Darstellung blieb den Menschen im Mittelalter auch nicht, wenn es um die christliche Lehre ging, denn die meisten konnten nicht lesen. Also musste ihnen das gottestreue Leben über die Botschaften in den Altären nahegebracht werden, damit sie das Leben und Leiden Christi nachempfinden konnten. So konnten sie fromm und gottesfürchtig im Diesseits leben, um eines Tages ins Paradies zu kommen.

Jeder der insgesamt 28 ausgestellten Altäre zeigt seine eigene Darstellung der Passionswoche. Quelle: Lutz Roeßler

„Das Leben damals war sehr aufs Jenseits ausgerichtet“, sagt die Kunsthistorikerin. „Jesus war nicht nur der Prophet der Christen sondern auch ein Sinnbild dafür, dass man eines Tages von seinen Leiden erlöst wird.“

Dagmar Täube freut sich bei den Führungen auch auf viele „Neulinge“, die das Museum und die wertvolle Ausstellung noch nicht kennen. „Das ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte und eine Sammlung, die wir viel mehr schätzen sollten, weil sie großartig ist.“

Schabnam Tafazoli.