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Kultur im Norden Patronenhülsen als glänzender Teppich in Lübeck
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17:13 27.11.2019
Es ist nicht alles Gold, was glänzt – Antje-Brit Mählmann (l.) und Bettina Tiehrig vor dem Teppich aus Tausenden Patronenhülsen von Thomas Judisch. Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Ein wie geflochten wirkender golden leuchtender Teppich aus Patronenhülsen liegt auf dem Betonboden, filigran angeordnet in Form eines Schachbretts. Fünf Hülsen bilden ein Quadrat, 2500 Quadrate das Kunstwerk. Der junge Bildhauer Thomas Judisch hat es arrangiert, quadratisch, praktisch, ästhetisch. Die Bedeutung und Vielschichtigkeit dieses Bodenbelags schimmert allerdings erst durch, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Für das Projekt KunstBetriebe suchte Thomas Judisch auf dem Betriebsgelände der Gustav Tesnau GmbH & Co. KG in Eutin nach Material für eine Installation und entdeckte zwischen Rohren, Blechen und Metallen Patronen aus Altmessing. Geschäftsführer Jens Tesnau, der das Familienunternehmen in dritter Generation leitet, hatte gleich einen Bezug zu den Patronen: „Unsere Firmengeschichte ist auch durch die Weltkriege geprägt – mein Großvater begann Rohstoffe wie Lumpen, Papier und Metalle zu sammeln, im Zweiten Weltkrieg traf mein Vater sogar einen Mitarbeiter, der ihm helfend seine gefütterten Schuhe gab.“

So kreativ haben sich Künstler mit Materialien norddeutscher und dänischer Betriebe auseinandergesetzt

Die Kehrseite des Glanzes

Zunächst war Tesnau nicht so begeistert von der Idee, mit den Patronenhülsen auf die wechselhafte Geschichte der Firma hinzuweisen. Eigentlich hatte er die Übungsmunition von der Polizeischule Eutin erworben, um sie zu einem guten Kurs wieder zu verkaufen. Dann entdeckte er die Chance in dieser Kunstaktion: „Durch die Installation aus dem Material, mit dem wir sonst Geld verdienen, sehen unsere Mitarbeiter die Firma plötzlich mit anderen Augen. Ich hoffe, wir stoßen auch bei den Ausstellungsbesuchern etwas an“, sagt Tesnau.

Vorher im Schloss Eutin ausgestellt

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie inspirierend und kreativ eine Zusammenarbeit von Künstlern und Unternehmern sein kann und zu Perspektivwechsel und Horizonterweiterung führt. Zum dritten Mal gab es bei dem Projekt KunstBetriebe dieses Rendezvous zwischen Kunst und Kommerz zu sehen in der Kunsthalle St. Annen. Vorher waren die Kunstwerke in den historischen Räumen des Schlosses Eutin ausgestellt und bildeten einen spannenden Kontrast zu dem barocken Interieur.

Bis zum 12. Januar zu sehen

Die Ausstellung wird am Freitag, 29. November um 18 Uhr eröffnet.Es sprechen Antje-Britt Mählmann, Leitende Kuratorin der Kunsthalle St. Annen, Bettina Thierig, Kuratorin der Ausstellung sowie Michael Schmerschneider von der Kulturakademie der Vorwerker Diakonie.

Bis zum 12. Januar 2020 sind die KunstBetriebe zu sehen.

Begleitprogramm

Künstlergespräch am Sonnabend, 30. November, 17 Uhr mit den Künstlern Janine Gerber, Thomas Judisch und Thomas Kadziola, Teilnahme 11 Euro

Kuratorenführung mit Bettina Thierig am Sonntag, 15. Dezember, 15 Uhr, sowie am Sonntag, 12. Januar, 15 Uhr; Teilnahme 11 Euro

Elf Künstler aus Deutschland und Dänemark

Elf Künstler gingen in Betriebe in Schleswig-Holstein und Dänemark, ließen sich dort von Materialien und Themen inspirieren. Diese Verbindung von Wirtschaft und Kunst zu schaffen, bei der ein Austausch entsteht, war das Ziel der Lübecker Bildhauerin und Kuratorin der Ausstellung Bettina Thierig, als sie das Projekt vor neun Jahren ins Leben rief.

Kunst aus dem Baumarkt

Einen Männertraum durfte sich Thomas Rentmeister erfüllen: durch den Baumarkt „Hass+Hatje“ gehen und sich Material aussuchen. Er entschied sich für Holzfaserdämmplatten. Die stapelte er hoch, sägte die Seiten leicht organisch mit einer Kettensäge und zupfte die Seiten zu einer einheitliche Oberfläche, die wie ein XXL-Schwamm oder ein Strohballen wirkt. Und nach der Ausstellung findet das Kunstwerk praktische Verwendung: Die Betreiber der Lübecker Walli können die Matten gebrauchen.

Glühbirne aus Kabelbindern

Beim Lübecker Recyclingunternehmen Gollan recycelte Janine Gerber Industrieabfall zu Kunst. Der dänische Bildhauer Thomas Kadziola hat im Lübecker Betrieb HSP ein großes Stück Kirschholz gefunden, aus dem er eine Büste des St. Jakob schnitzte. Im Foyer der Kunsthalle zieht eine übergroße LED-Glühbirne aus hunderten Kabelbindern die Blicke auf sich – die Künstlerin Kit Kjaerbye war zu Gast bei den Lübecker Stadtwerken, und ihre XXL-Birne sorgte schon für reichlich Gesprächsstoff bei den Mitarbeitern. Im Keller der Kunsthalle hat Andreas Pfeiffer eine Installation zum Thema Fehmarnbelt-Tunnel geschaffen – mit Abstützstangen vermittelt er das Tunnel-Gefühl.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Wie mittels eines Hochdruckreinigers Kunst entsteht, zeigt auf beeindruckende Weise Almut Linde. Sie hat in der Lübecker Firma Bockholdt unbehandelte Fichtenbretter zerfasert und damit spannende Oberflächen zutage gefördert. Auch Späne liegen neben den Brettern. Und vorsichtshalber Zettel: Nicht fegen!

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Von Petra Haase

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