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Kultur im Norden Peter Maffay: 70 Jahre und kein bisschen leise
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11:38 28.08.2019
„Ich mache Musik, da kann ich in fünf Minuten Dampf ablassen.“ Peter Maffays neues Album „Jetzt!“ erscheint zu seinem 70. Geburtstag am 30. August. Quelle: dpa
Berlin

Alle fünf Jahre muss und möchte Peter Maffay zeigen, wo der Hammer hängt und ein Rockalbum rausbringen. Das Neueste heißt prägnant und auf den Punkt gebracht „Jetzt!“ Im LN-Interview blickt der bald 70-Jährige ein wenig zurück – und richtet den Blick sofort wieder nach vorn.Hier gibts den Titelsong „Jetzt!“ zum Reinhören

Peter, war es mal wieder Zeit für Lederjackenmusik?

Absolut. Das deutete sich ja schon länger so an. Wir haben das letzte Rock’n’Roll-Album „Wenn das so ist“ vor fünf Jahren gemacht. Dann kam „Tabaluga“, dann kam „MTV Unplugged“, und dann wurde es Zeit. Das neue Album ist, abgesehen von einigen schönen Balladen, schon recht kantig.

In „1000 Wege“ singst du „Wir müssen nicht immer bloß geradeaus laufen.“ Wie würdest du den Weg deiner bisherigen 70 Jahre beschreiben?

Da war wirklich alles dabei. Ich bin gesprungen, untergetaucht, gestolpert, auf die Schnauze gefallen, Kurven waren dabei, manche Strecken verliefen auch durchaus schön gerade. Ich habe vieles gesucht, einiges auch gefunden und weiß, dass die Suche nicht wirklich aufhört.

„Jetzt!“ ist ein ziemlich ernstes Album. Das Video zu „Morgen“ mit seinen Schreckensbildern könnte zarten Gemütern geradezu Angst machen.

Die Realität macht noch mehr Angst als das Video. Wir hier in einem relativ geschützten Europa haben noch gar nicht richtig erspürt, was draußen in der Welt passiert. Das ist zum Teil viel, viel heftiger als wir uns das vorstellen können. Als Vater von zwei Kindern wird mir mulmig. Was man tun kann, um die Zukunft der Kinder abzusichern? Man muss versuchen, einen globalen Konsens zu finden. Von dem wir wissen, dass er gerade nicht stattfindet.

Bist du Pessimist?

Nein, das kann ich mir nicht leisten. Mein Sohn will keinen Pessimisten als Vater. Meine kleine Tochter kann es noch nicht erfassen, aber in ein paar Jahren wird sie vielleicht sagen „Willst du wieder warten, bis der Morgen kommt?“ Mir rennt die Zeit davon, uns rennt die Zeit davon. Ich glaube immer noch, dass es Möglichkeiten gibt, einige Entwicklungen zu reparieren, andere auch komplett zum Guten zu werden. Aber, und das ist ja der Hintergrund des Liedes, dann müssen wir jetzt was tun – nicht morgen.

Dein Sohn Yaris ist 16. Kommt er sehr nach dir?

Nicht wirklich. Er ist einen halben Kopf größer als ich (lacht).

Ist er in der Musik involviert?

Er fängt damit an. Er lebt in Spanien, und wir verbringen nur limitiert Zeit zusammen. Wenn er bei mir ist, nehme ich ihn mit ins Studio. Er hat auch mit seinen Kumpels eine Band. Ich pushe ihn aber nicht, er muss seine Entscheidungen selber treffen.

Deine Tochter ist neun Monate alt. Ist es eine Überlegung gewesen, in eine Welt, die so grausam ist wie im „Morgen“-Video gezeigt, einen jungen Menschen zu setzen?

Du hast mich gefragt, ob ich Pessimist bin. Nein! Ich bin eher Optimist. Ich glaube, dass es eine positive Perspektive gibt. Aber ich weiß, dass es sie nicht gibt, wenn wir uns nicht bewegen.

Bist du als Vater entspannter geworden?

Das glaube ich schon. Weil vieles, worauf ich Zeit verwandt habe, erledigt ist. Im Grunde genommen entsteht da ein Freiraum, den ich gern mit den beiden ausfülle. Die Kinder haben so viel Power, die inspirieren mich extrem.

Du hast deine Partnerin Hendrikje als die „Frau deines Lebens“ bezeichnet. Wie meinst du das?

Wir sind uns begegnet. Wir haben uns sehr schnell gefunden, was jetzt ja auch schon wieder vier Jahre her ist. Und es ist so spannend wie am ersten Tag – nein, noch spannender. Ich fühle mich in dieser Beziehung total richtig und wohl. Und ich hoffe, dass es ihr auch so geht.

Wir sprachen am Anfang über deinen Lebensweg. Würdest du gerne wissen, wie der weiter verläuft?

In mancher Hinsicht wohl. Wenn ich wüsste, auf welchem Weg zum Beispiel Gesundheit zu finden ist, oder Kraft, Zuversicht und Hoffnung, dann würde ich diesen Weg nehmen. Ich kann nur hoffen, dass auf dem Weg, für den ich mich entscheide, diese Qualitäten liegen. Wenn irgendwo ein Schild stünde „Langes Leben“, dann würde ich den Weg wählen.

Beschäftigt dich mit 70 die eigene Sterblichkeit?

Ja, die beschäftigt mich schon. 70 ist eine Ansage, darüber bin ich mir im Klaren. Mein Vater ist 93 Jahre alt, wie der denkt und sich verhält, das ist erstaunlich. Körperlich hat er Schwierigkeiten, aber geistig ist er phänomenal. Auch er ist ein disziplinierter Mensch, und ich glaube, dass man mit Überlegtheit und Disziplin zumindest die Voraussetzungen schaffen kann, eine solche Strecke zurücklegen zu können. Das werde ich auch müssen. Denn wenn meine Tochter Anouk ihr Abitur macht, werde ich Ende 80 sein.

Was tust du für die Gesundheit?

Naja, ich habe meine Erfahrungen mit Alkohol und Zigaretten gemacht. Die waren heftig. Also lasse ich das.

Fehlt dir der Exzess von früher manchmal?

Nein. Gar nicht. Ich hau mir manchmal so ein fettes Eis rein oder Schokolade. Das merke ich sofort. Ansonsten halte ich mich relativ zurück. Ich treibe ein bisschen Sport, aber auch nicht exzessiv.

Was für Sport machst du?

Zuhause fahre ich leidenschaftlich gern E-Mountainbike. Auf Tour das, was halt geht. Gymnastik, und manchmal bekomme ich ein paar Hanteln aufs Zimmer. Ich habe oft zwei Stöcke dabei, für Escrima, eine Kampftechnik, ähnlich wie Tai Chi, nur mit Stöcken. Das ist eine superschöne Art, sich zu bewegen, du lernst Koordination, und sie erhöht schön gleichmäßig die Beweglichkeit der Fingermuskulatur. Die Stöcke kann ich überall mit hinnehmen. Also, ich brauche nicht viel, um ein bisschen was für meine Fitness zu tun.

„Für immer jung“ heißt eines der neuen Lieder.

Hoffentlich. Jung sein ist für mich keine Frage des Alters. Sondern eine Frage der Einstellung.

Du hast ungefähr den Körper eines Mittdreißigers, oder?

Ich komme für mein Alter ganz gut zurecht. Ich fahre zum Beispiel gern Fahrrad. Ich liebe ja Motorräder, doch die stehen von Jahr zu Jahr länger in der Garage. Mir ist das Fahrrad inzwischen viel wichtiger, auch weil es meditativer ist. Ich bin Frühaufsteher. Wenn ich um 6 Uhr aus den Federn komme, sitze ich um Viertel nach auf dem Rad und fahre 10 bis 15 Kilometer. Anschließend hole ich Brötchen beim Bäcker, wir frühstücken zu Hause zusammen, und dann gehe ich arbeiten.

Noch mal zur Politik. Uns in Deutschland geht es überwiegend gut, und trotzdem … 

… machen wir uns ins Hemd.

Woran liegt das?

Ich hasse es, mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen und anderen Ratschläge zu geben, aber wir haben es nicht nötig, etwa vor den Rechtsextremen zu zittern. Wir haben in Deutschland eine Demokratie und ein Grundgesetz. Also tun sich die zusammen, die dafür sind, dass das so bleibt. Und das ist die große Mehrheit. Wenn es einer Gesellschaft so gut geht wie uns, dann sollte man so viel Selbstbewusstsein und auch Entspanntheit haben, mit solchen Dingen wie der AfD in irgendeiner Form zurechtzukommen. Ich will das gar nicht bagatellisieren. Es ist erschreckend, mit welchen wiederaufbrechenden Geschwüren man es zu tun hat, mit Vorurteilen und Diskriminierung. Wir sollten uns gegenseitig bestärken, nicht schwächen, ehrlich und offen miteinander umgehen, niemandem etwas vorgaukeln. Wir haben es in der Hand: Aufklärung, Bildung, wählen gehen.

Aber in die Politik willst du nicht gehen?

Ach nein. Das ist nichts für mich. Ich bewundere die Menschen in der Politik, wie sie gegen Windmühlen und Gummiwände ankämpfen. Wir haben gute Politiker. Ich mache Musik, da kann ich in fünf Minuten Dampf ablassen. Und im Grunde gehen wir ähnlich wie andere, die in der Gesellschaft arbeiten, raus in die Öffentlichkeit, multiplizieren Meinungen und Impulse und versuchen eine Mehrheit zu finden für einen guten Gedanken. Udo Lindenberg, Rock gegen rechts, das sind alles Ansätze, die mit Politik sehr viel zu tun haben. Vielleicht sind wir ja doch nur eine andere Art von Politikern.

Von Steffen Rüth

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