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Kultur im Norden Der alte Picasso und seine junge Muse
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14:18 08.03.2019
Ein Mann steht vor dem Bild „Jacqueline in einem Sessel“ des Malers Pablo Picasso im Potsdamer Museum Barberini. Quelle: dpa
Potsdam

Als Pablo Picasso 1973 in Südfrankreich starb, zahlten seine Erben ihre Erbschaftssteuer mit Bildern. Und die Pariser Kulturbürokratie bediente sich nach gut Dünken: wählte Werke aus der blauen Periode, der rosa Periode, kubistische Klassiker, Bilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Alles Kunstwerke, die den spanischen Künstler bis dahin weltberühmt gemacht hatten. Vieles davon ist heute im Musée Pablo Picasso in Paris zu sehen. Was dort weitgehend fehlt, ist dessen Spätwerk. Sein Schaffen aus der sogenannten „Jacqueline-Epoche“ von 1954 bis 1973.

Im Museum Barberini in Potsdam sind genau diese außergewöhnlichen Werke nun zu sehen. Sie zeigen einen hierzulande wenig bekannten Picasso – und einen, der lange Zeit völlig unterschätzt wurde. Lange galten die Arbeiten jener Zeit als Produkte eines alternden Stars, der sich mit einer jungen Frau, der 46 Jahre jüngeren Jacqueline Roque, umgab und gegen den Tod anarbeitete. Nicht schlecht, aber eben nicht der Picasso, wie man ihn in die Kunstgeschichte einsortiert hatte. Mittlerweile hat die Riege der Kunstexperten ihre Meinung geändert, was mit dazu beitrug, dass immer wieder Teile des Spätwerks in Ausstellungen auftauchten. Doch selten in größerer Anzahl und schon gar nicht in Deutschland.

Seit heute ist das anders. Mit „Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso“ zeigt das Museum Barberini seine bislang größte Ausstellung zu einem Künstler. Insgesamt 136 Werke enthält die Schau, die sich in zwei Stockwerken über sieben Säle erstreckt. Gemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen, Skulpturen und Keramiken sind zu sehen – viele darunter, die in Deutschland noch nie gezeigt wurden. Einige sogar überhaupt noch nie in der Öffentlichkeit, wie zu Beispiel ein Porträt von „Jacqueline mit angezogenen Beinen“ aus dem Jahr 1954 – ein farbenfrohes Porträt seiner jungen Frau, das sie in reduzierten Formen und klaren Linien darstellt und dabei – typisch für Picasso – aus unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig zeigt.

Jacqueline ist der Star in dieser Ausstellung. Gut 400 Mal hat Picasso seine junge Muse porträtiert. Ende der 40er-Jahre hatte er Paris verlassen und war in den Süden Frankreichs gezogen. In einer Töpferei, mit der er zusammenarbeitete, lernte er 1953 die junge Jacqueline Roque kennen, mit der er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Wie viele Jacqueline-Porträts in Potsdam zu sehen sind, kann nicht einmal der spanische Gastkurator Bernardo Laniado-Romero sagen. „Ich habe sie nicht gezählt“, räumt er ein.

Es dürfte auch schwer fallen. Denn die Gesichtszüge der jungen Frau – Picasso muss von ihren dunklen Augen und ihrer kerzengeraden Nase fasziniert gewesen sein – tauchen nicht nur auf den zahlreichen mit „Jacqueline“ betitelten Werken auf. Auch auf vielen anderen Bildern, auf denen Frauen zu sehen sind, darunter viele Akte, erscheinen Anspielungen auf Jacqueline.

Picasso trägt alle Stilrichtungen seiner früheren Phasen zusammen und kombiniert sie neu. Mal arbeitet er überraschend eng am Gegenstand, so dass selbst die Gesichter fast schon realistisch erscheinen, dann wieder gewagte Reduktionen in Linien und Formen bis in die radikale Abstraktion: Blaue Periode, rosa Periode, Kubismus, klassizistische Anleihen – alles bereits Bekannte ist vorhanden und trotzdem neu und anders.

Meist entfernt sich Picasso freilich von seinem Gegenstand. Selten nur soll Jacqueline Modell gestanden haben. Picasso arbeitet mit Erinnerungen an Details, an Episoden und Emotionen. So dekonstruiert er eine Person, zerlegt sie in Elemente, Ansichten, Durchsichten und baut sie in neuer Gestalt wieder zusammen – mal zärtlich in Hochachtung, wie bei vielen Jacqueline-Porträts, mal grob und brachial, als wolle er eine Geschichte des Leidens und der physischen Gewalt erzählen.

Diese Kraft, bisweilen auch erotische Energie, zeigen die in Potsdam ausgestellten Werke. Und sie zeigen, dass Picasso sich nicht als Solitär verstand. Allenthalben finden sich Referenzen an die Kunstgeschichte, seine Helden Delacroix, Velasquez, Manet, aber auch an den Zeitgeist: an die Ästhetik der 60er-Jahre, die Kollegen aus der Pop-Art-Abteilung. „Picasso war ein zeitgenössischer Künstler, der die psychodelischen Formen eines Beatles-Covers durchaus aufnahm und verarbeitete“, sagt Kurator Laniado-Romero

Mathias Richter

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