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Kultur im Norden Erst das Fressen, dann die Moral
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18:17 11.02.2019
Und der Haufisch, der hat Zähne: Andreas Hutzel (vorne l.) und Michael Fuchs (vorne r.). sind bewaffnet Quelle: Jörg Landsberg
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Lübeck

Grau und trostlos ist Soho, ein Londoner Stadtteil, der aber auch in jeder anderen Stadt dieser Welt angesiedelt sein könnte. Ein ärmliches, mehrstöckiges Haus beherrscht die Bühne. Man kann in die Räume hineinsehen. Auf eine Mauer ist das Porträt einer Frau gemalt, die mit leerem Blick ins Publikum schaut.

In dieser Halbwelt (geschaffen von Ramona Rauchbach) bewegen sich Bertolt Brechts Figuren der „Dreigroschenoper“. Regisseur Malte C. Lachmann hat die Huren, Bettler und Ganoven schnörkellos, ohne einen Funken Räuberromantik auf die Lübecker Bühne gebracht. Sein Konzept geht auf: Er zeigt die Gnadenlosigkeit des Milieus, bricht die Härte aber immer wieder durch Humor und mit Hilfe der unverwechselbaren Musik Kurt Weills auf. Das wirkt wie eine bittere Pille, die mit einem Löffel Honig eingenommen wird.

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„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, weiß Macheath, genannt Mackie Messer und Gangsterboss in Soho. Wer zum Bodensatz einer Gesellschaft gehört, hat an Nächstenliebe, an Ehrlichkeit oder Treue kein Interesse mehr. Es geht ums pure Überleben, um Fressen oder Gefressenwerden. Korrupt sind alle Figuren. Sie verraten ihre Liebsten für Kleingeld oder aus Eifersucht, leben in einer Welt, in der Angst und Schrecken herrschen. Deftige, teilweise rotzige und oft provokante Töne hat Brecht angeschlagen. Das Stück wurde 1928 uraufgeführt und hat an Aktualität nichts eingebüßt.

Ein brillanter Moritatensänger

Bevor sich der Vorhang hebt, kommt eine Gestalt im abgewetzten Samtmantel herangeschlichen, aschfahl, mit rot geränderten Augen, gebeugt und mit suchendem Blick. Der Mann kündigt eine Oper für Bettler an, „die so prunkvoll gedacht ist, wie nur Bettler sie erträumen, und so billig, dass Bettler sie bezahlen können“. Andreas Hutzel brillierte als Moritatensänger und in einer weiteren Rolle als Polizeichef Brown. Beeindruckend war sein intensiver, fast schon irrer Ausdruck, sein Hineinkriechen in die Rolle eines Mannes, der sich als Abschaum fühlt und das Elend seiner Zeitgenossen kommentiert.

Ebenso überzeugend war das Lübecker Debüt von Michael Fuchs in der Rolle des Macheath. Die Vielschichtigkeit der Figur, die so gar nichts Heldenhaftes besitzt, des Mannes, der die Frauen benutzt und durch sie zugrunde gerichtet wird, konnte er überzeugend transportieren.

Noch etwas machte diese Inszenierung besonders: Die Figuren wurden nie der Lächerlichkeit preisgegeben, sie waren anrührend, beängstigend oder hilflos. Sie waren prollig und gänzlich ohne Stilgefühl. Aber man zollte ihnen Respekt. Schrill war das Eifersuchtsduett zwischen den jungen Frauen Polly (Sybille Lambrich) und Lucy (Rachel Behringer), die in dem Song „Komm heraus, du Schönheit von Soho“ um Macheaths Liebe buhlten – ein musikalisches Gekeife auf allerhöchstem Niveau, das hinreißend umgesetzt wurde.

Eine ungewöhnliche Intensität strahlten auch die übrigen Schauspieler aus: Henning Sembritzki als Mr. Peachum, Astrid Färber als dessen Frau, Susanne Höhne als Spelunken-Jenny, Johannes Merz als Pastor Kimball, Will Workman, Johann David Talinksi und Heiner Kock in Doppelrollen als Bettler oder Ganoven.

Jogginghose und Federboa

Die Kostüme von Tanja Liebermann passten sich dem Grau des Bühnenbildes an. Macheath trug Jogginghose und Lederjacke, Mr. Peachum einen grauen Anzug, die Bettler schlammfarbene Kleidungsstücke, die meisten der männlichen Figuren hatten obendrein trostlose Frisuren, ungepflegt, verkommen. Doch manchmal wurde es auch bunt – dann kamen Federboas in Orange und ein prächtiger weißer Pelzmantel auf die Bühne und Lichteffekte in Pink (Licht: Kevin Sock).

Ohne die Musik von Kurt Weill wäre „Die Dreigroschenoper“ nicht zum erfolgreichsten deutschen Stück des 20. Jahrhunderts geworden. Blechern, scheppernd, aber eingängig, romantisch und ironisch klingt das Weill‘sche Orchester, das ebenso Jahrmarktsmusik wie rauchige Kneipentöne produziert. Das achtköpfige Miniatur-Orchester unter der Leitung von Willy Daum musizierte hervorragend. Die Musiker saßen im Orchestergraben, der aber zeitweise hochgefahren wurde. Dadurch erhielten die Musiker eine größere Präsenz. Auch sie waren schrill geschminkt und nach Bettlermanier ausstaffiert worden.

Bemerkenswert war, wie gut die Schauspieler die Gesangsnummern beherrschten. Gesangscoach Turandocht von Arnim hatte erreicht, dass alle mit großer Stimme sangen. Die große Kunst bestand darin, trotz bester Technik nicht ins Opernhafte zu rutschen, sondern im Schauspiel zu bleiben. Ein sehenswertes Stück, das auf allen Ebenen gelungen ist.

Nächste Termine: 21. Februar, 1. und 30. März, 12. und 18. April (jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus).

Cornelia Schoof

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