Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Nibelungen 2.0
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Nibelungen 2.0
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:16 13.07.2019
Star des Abends: Klaus Maria Brandauer. Quelle: Imago
Worms

Plötzlich ist das grausame Märchen der Nibelungen ganz aktuell, und die 800 Jahre seit der Entstehung des Heldenepos schmelzen unter dem Kaiserdom von Worms in einem Augenblick zusammen. Ein zorniges Kind begehrt auf gegen die brutale Alternativlosigkeit der Erwachsenenwelt: Was macht ihr mit meinem Leben?! Für einen Moment schimmert die ProtestbewegungFridays for Future“ durch das Drama über Krieger, Königinnen, Drachen und einen verfluchten Schatz.

Ist alles bloß Schicksal? Das fragt Autor Thomas Melle in seinem Stück „Überwältigung“, das die diesjährigen Nibelungen-Festspiele in einer der ältesten Städte Deutschlands eröffnet. Aber das Ensemble um den großen Schauspieller Klaus Maria Brandauer als Hagen findet auf dem Weg zur Antwort in knapp drei Stunden Spielzeit bloß weitere Fragen.

„Ich bin ein Kind und habe ein Anrecht“

Das Nibelungenlied, diese Geschichte von Treue und Verrat, gehört zu den Lieblingssagen der Deutschen. Melle erzählt das um 1200 entstandene Werk vom Ende her. Es beginnt mit dem Finale am Hof von Hunnenkönig Etzel, das, wie es der Mythos will, Tod und Vernichtung der Burgunder zur Folge hat. Doch plötzlich begehrt Kriemhilds Sohn Ortlieb auf: „Ich bin ein Kind und habe ein Anrecht auf mich selbst!“ Mit einem Mal spielen die Figuren gegen ihr Schicksal an, und die Geschichte beginnt von neuem: Nibelungen 2.0. Melle gibt ihnen jene zweite Chance, von der wohl viele Menschen träumen. Wird sie genutzt?

Bei langsam verblassendem Abendlicht eröffnet das Stück vor der Nordseite des Doms gleich mit dem ganzen Ensemble, darunter auch Ex-„Tatort“-Kommissar Boris Aljinovic. Regisseurin Lilja Rupprecht inszeniert „Überwältigung“ als bildstarke Variation des Dramas. Mit Bühnenbildnerin Anne Ehrlich erschafft sie auf der Freiluftbühne aus rund 600 Quadratmeter weißem Tuch eine kühle Gletscherwelt. Hagen on the rocks, gewissermaßen. Auch der Kaiserdom selbst wird bespielt, eine Videokamera überträgt das Geschehen auf eine Großleinwand.

Unter gelben Ponchos

Doch auf das falsche Eis tropft gleich nach Beginn echter Regen, kurz droht die Premiere ins Wasser zu fallen wie der Nibelungenschatz in den Rhein. Als das Publikum wie auf ein Kommando in gelbe Plastikponchos schlüpft, kann sich Brandauer ein Lächeln nicht verbeißen. Intendant Nico Hofmann nimmt es mit Galgenhumor: „Die Stimmung beim Open-Air-Theater ist bei Regen am besten. Dann gibt es eine Solidarisierung zwischen dem Publikum und den Schauspielern.“

Möglicherweise liegt es auch an Hofmann, dass sich die Festspiele steigender Bekanntheit erfreuen. Der Kurpfälzer trat 2015 die Nachfolge von Dieter Wedel mit dem Konzept an, jedes Jahr ein für Worms geschriebenes Werk uraufzuführen. So wird Lukas Bärfuss, frisch gekürter Georg-Büchner-Preisträger, 2021 ein Stück über Martin Luther schreiben. Bei der Premiere 2002 gaben nicht alle den Festspielen gute Chancen. 17 Jahre später existiert eine Art Nibelungentreue des Publikums: Für die Abende bis zum 28. Juli gibt es nur Restkarten.

Einfallstore der Freiheit

Aber wie ist das nun mit dem Schicksal? Melle experimentiert mit alternativen Handlungssträngen, gibt den Figuren „kleine Einfallstore der Freiheit“, wie er es nennt. Das nutzt besonders Lisa Hrdina (Ortlieb), deren Auftritte zu den Höhepunkten gehören. Auch die Rollen von Frigga (Winfried Küppers) und Ute (Andreas Leupold) hat Regisseurin Rupprecht gegen das Geschlecht der Darsteller besetzt.

Eindrucksvoll zeigen Kathleen Morgeneyer (Kriemhild) und Inga Busch (Brünhild) den Streit der Königinnen - eine Schlüsselszene, die in der Originalsage genau hier spielt: auf der Nordseite des Doms.

Kein Tropfen Blut

Doch Schicksal hin oder her: Es kommt, wie es offenbar kommen muss. Hagen ermordet auch an diesem Abend Siegfried. Mitreißend verkörpert Alexander Simon den Drachentöter. Der charismatische Antiheld wirkt im Glitzerhemd wie einst US-Schauspieler Robert Redford in „Der elektrische Reiter“ (Kostüme: Annelies Vanlaere). Mit viel Hingabe agieren auch Moritz Grove (Gunther) und Edgar Eckert (Spielmann). Im Gegensatz zu den Vorjahren fließt übrigens kein Tropfen Blut.

Ein Gänsehautmoment gelingt Brandauer, wenn er allein auf der großen Bühne laut über sein Schicksal nachdenkt. „Ich schaue mich von allen Seiten an und finde doch nur mein altes Gesicht“, sagt der 76-Jährige mit seiner markanten Stimme. Auch er stemmt sich nicht gegen die Spirale aus Hass, Gewalt und Wahnsinn. Sein Argument: „Ich bin der Hagen.“ Von den rund 1300 Zuschauern, darunter der Künstler Jonathan Meese, gibt es am Ende viel Applaus.

Wolfgang Jung

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am Freitag hat Olivier Latry im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Lübecker Jakobi-Kirche gespielt. Eigentlich ist sein Arbeitsplatz aber ganz woanders: in der Pariser Kathedrale Notre-Dame.

14.07.2019

Olivier Latry spielt sonst die Orgel in Notre-Dame. Jetzt saß er beim Schleswig-Holstein Musik Festival in der Lübecker Jakobikirche. Und genoss vollste Aufmerksamkeit.

13.07.2019

Politische Revolte, unglückliche Liebe: Die Premiere von Giuseppe Verdis Oper auf der Eutiner Seebühne wurde zu einem Ereignis.

13.07.2019