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Kultur im Norden Großer Applaus für „Werther“ in Lübeck
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17:17 17.11.2018
Das „Werther“-Bühnenbild hielt sich an sparsam verteilte Blätter und andere Herbst-Requisiten. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Es war einmal ein junger Mann, der verliebte sich unsterblich in eine junge Frau, die einem anderen versprochen war. Sie erwiderte diese Liebe zwar, gestand es sich selbst und dem nach ihr Schmachtenden aber zunächst nicht ein.

So kam es, wie es kommen musste: Der verschmähte junge Mann erschoss sich. Das ist in wenigen Worten die Handlung von Jules Massenets Oper „Werther“, die am Freitag Premiere am Theater Lübeck hatte. Sandra Leupold, die in Lübeck zuletzt „Die tödliche Blume“ inszenierte, hat eine radikal reduzierte und abstrahierte Version des Werkes auf die Bühne gebracht.

Einheitliches Bühnenbild

Im Einheitsbühnenbild von Hanna Zimmermann wird der Spielraum von Plastikbahnen begrenzt, auf dem Boden liegen sparsam verteilt Blätter und andere Herbst-Requisiten.

Hier entwickelt sich das tödlich endende Spiel um die beiden Liebenden in überaus eindringlicher Weise. Denn nichts lenkt ab vom musikalischen und psychologischen Geschehen.

Allerdings birgt diese Art der Darstellung auch Probleme in sich. Massenets Librettisten haben aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ eine aus damaliger Sicht brauchbare Opern-Version gemacht.

Der größte Unterschied zur literarischen Vorlage ist, dass Charlotte Werther ebenso liebt wie er sie. Im Roman empfindet sie für den Unglücklichen nur schwesterliche Gefühle, aber das passt eben nicht zu einem Sujet der Spätromantik.

Reduzierte Inszenierung

In der reduzierten Inszenierung Sandra Leupolds wird deshalb umso deutlicher, wie miserabel dieses Libretto ist. Und wie viel blanken Kitsch es enthält. Wie die Regisseurin ihr Personal auf der Bühne führt, ist große Kunst. Stilisierte, langsame Bewegungen gehören zu ihrem Standard-Repertoire, sie sorgen für einen gewissen Entfremdungs-Faktor, der Distanz schafft zwischen Publikum und Bühne.

Eine naturalistische Darstellung dieser Oper ist heute kaum noch vorstellbar, Werther in seinem berühmten blauen Frack mit gelber Weste würde aus der Tragödie eine Schmonzette machen. So trägt er in dieser Inszenierung gelbe Hosen und immerhin eine blaue Weste (Kostüme: Jochen Hochfeld), ein ferner Abglanz vom Outfit des goetheschen Helden.

Yoonki Baek in der Titelrolle des Werther Quelle: Olaf Malzahn

Sandra Leupold aber zeigt deutlich auf, wie es um den armen jungen Mann steht. Eine Figur ohne Entwicklung, ein Narziss ohne Chance, aus seiner radikalen Selbstbezogenheit auszubrechen. Er steigert sich in seine unerfüllbare Liebe hinein und geht in ihr zwangsläufig unter, eine bedauernswerte Figur in ihrem Mangel an Selbstbewusstsein und Realitätssinn. Literatur – in diesem Fall die Gedichte Ossians und Klopstocks – als Ersatz für das richtige Leben: Eine Sackgasse, aus der nur der letale Pistolenschuss einen Ausweg darbietet.

Musik zu laut

Das ist vorzüglich dargestellt in dieser Inszenierung, schlüssig und auch in dieser radikal reduzierten Ästhetik überzeugend. Musikalisch hat dieser Abend Licht- und Schattenseiten. Dirigent Manfred Hermann Lehner lässt die Lübecker Philharmoniker fast durchgehend zu laut spielen, oft sind die Sängerinnen und Sänger kaum noch zu hören.

Das ist umso unverständlicher bei einer Partitur, die über weite Passagen kammermusikalische Züge trägt. Dem Dirigenten und seinem Orchester gelangen dennoch immer wieder auch klangschöne Szenen, die die Farbigkeit von Massenets Musik hervorhoben.

Großer Applaus für Ensemble und Kinderchor

Herausragend im Ensemble war wieder einmal Wioletta Hebrowska als Charlotte. Sie sang souverän, wirkte manchmal – wohl bedingt durch die streng vorgegebenen Schrittfolgen – etwas gehemmt. Ihr Gesang war dennoch makellos.

Wioletta Hebrowska überzeugte als Charlotte Quelle: Olaf Malzahn

Yoonki Baek in der Titelrolle des Werther erwies sich als Tenor mit fundierter stimmlicher Tiefe. In der Höhe wirkte er jedoch immer angestrengt und eng. Darstellerisch wusste er zu überzeugen.

Emma McNairy als Charlottes Schwester Sophie zeigte bei den Spitzentönen ungewohnte Intonationstrübungen, spielte ansonsten fabelhaft.

In den Nebenrollen überzeugten der gesundheitlich leicht angeschlagene Johan Hyunbong Choi als Albert und Gerard Quinn als Amtmann.

Ein Glanzlicht setzte der von Karl Hänsel einstudierte Kinderchor aus Mitgliedern der Knabenkantorei an St. Marien und dem Mädchenchor der Gemeinnützigen.

Das Publikum spendete am Ende lang anhaltenden Beifall für diese Inszenierung, die keinerlei Attraktionen bot, sondern sich auf ein Psychogramm beschränkte.

Trotzdem große Oper.

Nächste Vorstellungen: 22. November, 20. Dezember und 11. Januar. Weitere Infos unter www.theaterluebeck.de

Jürgen Feldhoff

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