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Kultur im Norden Publikum feierte Inszenierung der Bernstein-Oper „A Quiet Place“
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18:50 09.03.2019
Stefan Heinrichs hat für „A Quiet Place“ ein Bühnenbild wie eine Puppenstube geschaffen. Quelle: Olaf malzahn
Lübeck

Leonard Bernsteins 1983 uraufgeführte Oper „A Quiet Place“ ist ein ungewöhnliches Werk. Wenig Handlung, dafür eine Textmenge, die für vier lange Abende ausreichen würde. Und dazu der Anspruch, eine uramerikanische Oper zu sein – was immer das sein mag. Aus diesen problematischen Voraussetzungen hat Regisseurin Effi Méndez am Theater Lübeck einen höchst unterhaltsamen Theaterabend gestaltet.

Denn ein solches ironisches Element steckt in Bernsteins Musik. Er wechselt die Takte wie die Stile in atemberaubender Geschwindigkeit, zitiert sich selbst – immer wieder die „West Side Story“ oder auch „Candide“ – und andere Komponisten am laufenden Band: Das klingt wie bloßer Eklektizismus, ist aber viel mehr. Mit diesem Rückgriff auf die Musikgeschichte hat sich Bernstein eine ganz eigene musikalische Handschrift geschaffen, unverwechselbar und ungemein schwungvoll. Der Erste Kapellmeister Manfred Hermann Lehner und das klein besetzte Orchester finden schnell in diese komplexe musikalische Formen- und Formelsprache hinein und machen deutlich, welch große Qualität in dieser Partitur steckt. Eine große Leistung der Musiker und ihres Dirigenten.

Schwächen im Libretto

Das Libretto von „A Quiet Place“ hingegen hat massive Mängel. Die Geschichte der zerrissenen und zerstrittenen Familie, die nach dem Unfalltod von Mutter Dinah zur Trauerfeier zusammenkommt und sich erst nach vielen vergeblichen Versuchen wieder zusammenrauft, ist nicht stringent erzählt. Zu viele Themen werden nur angerissen und nicht weiter ausgeführt, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet. Was schließlichdie inhaltliche Quintessenz dieser Oper ausmacht, wird nicht recht klar – daran ändert auch die ausgeklügelte und hochprofessionelle Regie von Effi Méndez nichts.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die junge Regisseurin schafft im beeindruckenden Bühnenbild von Stefan Heinrichs immer wieder starke Tableaus, die im Gedächtnis bleiben. Der erste Akt spielt im Bestattungsinstitut in einem Blütenmeer, der zweite im – herausragend gut auf die Bühne gebrachten – Haus der Familie, der dritte im verwilderten Garten. In diesen Umgebungen vollziehen sich Annäherungen und Abweisungen, Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Gewalt. Das erinnert an Thornton Wilder und Tennessee Williams, an Eugene O’Neill und Arthur Miller und ist insofern tatsächlich eine amerikanische Geschichte – aber dennoch eine universelle. „Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um“, hat der Österreicher Heimito von Doderer postuliert. Das zeigt sich in „A Quiet Place“.

Ausgezeichnete Besetzung

Besetzt ist diese moderne Oper – wenn man sie so nennen will –ganz ausgezeichnet. In den Nebenrollen beeindrucken neben Hojong Song als Bestatter und Tim Stolte als Bill vor allem Mario Klein als Doc und Julia Grote als seine ziemlich neben der Spur laufende Frau. Der von Jan-Michael Krüger einstudierte quietschbunt gekleidete Chor (Kostüme: Ilona Holdorf-Schimanke) spielte und sang, dass es eine Freude war.

Huub Claessens ist ein bemerkenswerter Old Sam, Familienpatriarch und Respektsperson auf der einen Seite, auf der anderen eine vor allem in emotionaler Hinsicht gescheiterte Existenz. Der Niederländer war gesanglich und darstellerisch stets auf der Höhe, sein „Big Daddy“ war ein enger Verwandter des „Big Daddy“ aus „Die Katze auf dem heißen Blechdach“.

Gesanglich war Claessens stets auf der Höhe, seine englische Diktion war die am besten verständliche des Abends.Gesangliche Glanzlichter

Evmorfia Metaxaki als Dinahs Tochter Dede setzt schauspielerisch und sängerisch Glanzlichter in dieser Produktion. Man nimmt ihr die frustrierte Ehefrau am Randes Nervenzusammenbruchsebenso ab wie die trauernde Tochter, die sich in sentimentalen Kindheitserinnerungen ergeht und ganz langsam einen Weg zurück zu ihrem Mann findet. Den spielt und singt Christopher Diffey ausdrucksstark und mit großem Engagement. Johan Hyunbong Choi als verfemter Sohn Junior ist eine verwegen erscheinende verkrachte Existenz, bemitleidenswert und hassenswert zugleich – eine bemerkenswerte Leistung des jungen Sängers.

Das Publikum war am Ende begeistert über die Leistung von Sängern, Musikern und Regieteam. Ob der große Beifall auch Bernsteins Oper galt, sei dahingestellt.

Jürgen Feldhoff

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