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Kultur im Norden Mr Raoul K – Sounds aus Lübeck für die Welt
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07:00 09.12.2019
„Ich habe eine Tür aufgemacht“: Raoul Konan in seinem Studio unterm Dach auf Marli. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Es war Ende der Neunziger, als Raoul Konans Freundin ihn mitnahm zu einer Erweckung der besonderen Art: Berlin. Love-Parade. Eine wummernde Feier der guten Laune, eine Prozession nach Ekstasien mit viel nackter Haut und viel nacktem Wahnsinn.

Er hatte so etwas noch nie erlebt. Er war überwältigt. Zum ersten Mal fühlte er sich in Deutschland als Teil eines Ganzen. Zum ersten Mal seit sieben Jahren. Und er wollte genau das machen, was die DJs da oben auf den Wagen machten.

Es hat funktioniert. Heute legt er in Clubs auf der ganzen Welt auf. Mr Raoul K., ein international gefragter DJ aus Lübeck, der auch Platten veröffentlicht. Und einer, der ein eigenes Genre auf den Weg gebracht hat.

1999 nach Lübeck

Raoul Konan ist jetzt 43 und Vater von drei Kindern. Er war sechzehn, als er mit seinem Zwillingsbruder Modest aus der Elfenbeinküste floh. Sie gingen nach Hamburg, wo ein älterer Bruder lebte. Er lernte Tischler, er lernte eine Frau kennen, 1999 zog er nach Lübeck.

Er war Fußballer, Stürmer, ein ziemlich guter sogar. Er spielte bei diversen Lübecker Vereinen, auch in Ratzeburg und Siebenbäumen. Den Wechsel zum VfB Lübeck haben zwei Knie-Operationen verhindert. Er hat dann später dort als Jugendtrainer gearbeitet, spielt aber selbst seit ein paar Jahren nicht mehr.

Zwei Labels, vier Alben

Raoul Konan ist als Musiker als Mr Raoul K. bekannt. Mit Baobab Music und Baobab Secret hat er zwei Labels gegründet, auf denen er eigene und fremde Musik veröffentlicht. Er hat bislang vier Alben herausgebracht, das letzte „African Paradigm“, ist gerade erschienen.

Und er schreibtauch politische Songs. „Wer wegschaut“, sagt er, „ist nicht besser als der, der die Ungerechtigkeit praktiziert.“

Er arbeitet auch nicht mehr als Tischler, sondern macht Musik. Er musste sich irgendwann entscheiden, sagt er. Also konzentrierte er sich auf Techno und House, auf seine afrikanischen Wurzeln, auf die Arbeit als DJ, auf seine beiden Baobab-Labels, auf sein Studio, das er oben unterm Dach seiner Wohnung auf Marli eingerichtet hat. Hunderte Platten stehen da im Regal und auf dem Teppichboden, auf einem Stapel ruht eine leere Albumhülle von Kraftwerk. „Die Platte muss hier irgendwo sein“, sagt er. Rasseln und Trommeln liegen unter den Schrägen, afrikanische Instrumente, die Balafon heißen, Kora oder N’goni, eine Kalimba mit Tonabnehmer. Es gibt Boxen, Monitore, Plattenspieler und eine Menge Elektronik, mit der er an seiner Musik basteln kann. Und direkt vor ihm schaut von einem Poster Bob Marley herab, ein guter großer Geist, der ihm bei der Arbeit zusieht.

Neues Doppelalbum

Ein gutes Dutzend Singles hat er veröffentlicht, dazu vier Alben, das jüngste erst vor drei Wochen. „African Paradigm“ heißt es, eine Doppel-LP, er hat drei Jahre daran gearbeitet. Vor allem am Titelstück, einer 28 Minuten langen Meditation über Afrika, die ihm sehr am Herzen liegt. Und alles ist ein zwanzig Jahre altes Echo der Love Parade.

Er hat sich damals sofort zwei Plattenspieler und ein Mischpult gekauft. Ein paar tausend Mark hat das gekostet, eine Menge Geld für einen Tischlerlehrling mit einer jungen Familie. Seine Freundin war auch nicht wirklich begeistert. Aber was sollte er machen. Es musste ja sein.

Ein Video zu Raoul Konan sehen Sie hier

Er hat dann angefangen aufzulegen. In Lübeck zuerst, in der Red Zone an der Untertrave, dem heutigen Sounds. Aber es lief nicht gut. Die Leute mochten seine Musik nicht, die Tanzfläche blieb leer. Er hätte das mit Mainstream-Musik ändern können, aber das wollte er nicht. Er wollte den Leuten etwas zeigen, etwas beweisen. Und am besten, dachte er, geht das mit eigener Musik.

Also hat er eine Platte aufgenommen, „Le Cercle Peul“. 600 Exemplare hat er pressen lassen. Aber sie standen nur bei ihm im Wohnzimmer rum. Niemand wollte sie haben. Was allerdings keine große Überraschung ist, wenn man einfach mal loslegt ohne viel Ahnung vom Vertrieb, von den Wegen und der Mechanik des Geschäfts.

Ein kleines Wunder

Aber es geschah ein kleines Wunder. Er konnte ein paar Alben bei „Underground Solutions“ ins Regal stellen, dem Laden in Hamburg, in dem er selbst seine Platten kaufte. Und irgendwann waren sie weg. Und die anderen zu Hause auch. Er musste nachpressen lassen. Die Platten fanden ihren Weg, ins Ausland, zu DJs, auch zu Gilles Peterson, einem DJ und Label-Betreiber aus England mit einer Radioshow bei der BBC. „Er hat mir sehr geholfen“, sagt er.

So kamen die Dinge ins Laufen. Es gab Anfragen, es gab mehr Anfragen, sein erstes Auslandsgastspiel hatte er in Glasgow. Das war 2008. Inzwischen legt er weltweit auf, in Frankreich, in Griechenland, in den USA. Australien war ihm zu weit, aber in Japan hat er die meisten Fans. Gerade hat das Goethe-Institut angerufen und will mit ihm und dem neuen Album drei Wochen durch Afrika ziehen.

„Pionier eines neuen Genres“

Er spielt nicht in der Liga von Stars wie David Guetta oder Westbam. Und er verkauft auch nicht Zehntausende Platten. Aber es gibt eine Szene, die elektronische Musik mit afrikanischen Klängen schätzt, und für die ist er weltweit unterwegs.

Außerdem hat er eine eigene Gattung geschaffen: House mit afrikanischem Einfluss. „Ich habe eine Tür aufgemacht“, sagt er. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte ihn jüngst den „Pionier eines neuen Genres“. Und da macht er halt immer weiter.

In Raoul Konans neues Album reinhören kann man hier

Vor dem Bürgerkrieg 2010/2011 in der Elfenbeinküste ist er einmal im Jahr in die alte Heimat geflogen und hat mit afrikanischen Musikern im Studio aufgenommen. Seit drei Jahren macht er das wieder, aber es geht heute auch viel übers Internet. Er schickt seine Sachen rüber, dort singen oder spielen Musiker ihren Part ein, und Raoul Konan puzzelt das in seinem Studio oben unterm Dach zu einem neuen Album zusammen.

Aber er wird nicht mehr lange in Deutschland bleiben. Ein halbes Jahr noch, dann geht es mit seiner Familie zurück in die Elfenbeinküste, nach Abidjan. Sein Bruder ist schon seit vier Jahren dort und baut ihm gerade sein Haus. „Mit Doppelwänden“, sagt er, „deutsche Wertarbeit.“

Mit wenig Geld viel helfen

Er will dort vielleicht wieder als Trainer arbeiten. Vor allem aber will er weiter Musik machen, nicht nur als DJ, sondern auch mit einer Band live auf der Bühne. Man kann günstiger leben in Afrika als in Deutschland, sagt er. Und man kann mit wenig Geld viel helfen. Das hat er vor mit seiner Frau. Einfach so.

Er kann sich noch an einen seiner ersten Schockmomente in Deutschland erinnern. Das war, als er von einer Mutter hörte, die ihrer Tochter Geld lieh. Er hat eine Weile gebraucht, das zu verarbeiten, sagt er. Das war so sehr anders als in Afrika. „Dort gibst du, wenn du Geld hast, und willst es nicht zurück. Aber so ist Europa. So sind die Leute erzogen und groß geworden, das ist die Regel.“

Nicht willkommen

Und in Afrika gibt es auch keine seltsamen Blicke wegen seiner Hautfarbe. In Lübeck geht es, sagt er, in Hamburg sowieso. Aber in Erfurt, wo seine Frau lebt, „da merkst du, dass du hier nicht willkommen bist. Du musst als Afrikaner viel mehr leisten als deine Konkurrenz, damit du anerkannt wirst. Und dann darfst du keine Fehler machen, sonst bist du sofort raus.“

Das habe er gespürt, auch im Fußball. In Afrika, glaubt er, gibt es das Problem mit der Hautfarbe nicht mehr. „Dort werde ich nach meiner Arbeit beurteilt.“ Dabei ist er nicht undankbar, ganz bestimmt nicht. Er hat hier in Deutschland viele Möglichkeiten bekommen, viel Hilfe. Aber im Sommer geht er zurück.

Von Peter Intelmann

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