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Kultur im Norden Revolutionäre der Malerei: Jubiläumsausstellung in den Deichtorhallen
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18:16 12.09.2019
In jungen Jahren und im Fokus der Jubiläumsausstellung in den Deichtorhallen: Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Anselm Kiefer (v. l.).
Hamburg

Die Schau zum 30. Jubiläum der Deichtorhallen ist ein Statement. „BaselitzRichterPolkeKiefer. Die jungen Jahre der großen Meister“ stellt ab dem 13. September vier Malerpersönlichkeiten als Wegbereiter und Wegweiser für die zeitgenössische Kunst in Deutschland heraus. Die Ausstellung konzentriert sich ganz auf die Arbeiten der Künstler in den 1960er Jahren – als „Vorboten eines gewaltigen Umdenkens in der Kunst der Nachkriegsmoderne“, sagt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow, der die Schau mit mehr als 100 Bildern in sein Haus geholt hat.

Anselm Kiefer. Heroisches Sinnbild II, 1970. Öl auf Baumwolle,152 x 262,5 cm,Sammlung Würth Quelle: Deichtorhallen

Die Deichtorhallen eröffneten vor 30 Jahren an einem historischen Datum mit ihrer ersten Ausstellung. Es war der 9. November 1989, der Tag, an dem die Mauer fiel, ein gewaltiger Umbruch in der deutschen Geschichte. Nicht zufällig also ist die Jubiläumsausstellung auch ein Blick zurück auf „Die jungen Jahre der alten Meister“, die im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen sind und in deren Arbeiten sich der gewaltige Umbruch eines neuen künstlerischen Denkens ausdrückt.

Wegbereiter der deutschen Malerei

Welche Fortsetzung es in der aktuellen zeitgenössischen Kunst findet, wollen die Deichtorhallen mit einer großen Schau von 500 Werken junger Künstler zeigen, die am 19. September im Kunstmuseum Bonn eröffnet und nach Stationen in Wiesbaden und Chemnitz am 7. Februar 2020 unter dem Titel „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ auch in Hamburg zu sehen sein wird. Es ist ein großer Bogen, den das Haus damit schlägt, und er setzt an bei der Frage, was diese vier Künstler – Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer – zu solch weltweit erfolgreichen Wegbereitern der deutschen Malerei gemacht hat.

Bruch mit dem Kunstverständnis der Moderne

Georg Baselitz. Der Wald auf dem Kopf, 1969 Museum Ludwig, Köln, Schenkung Sammlung Ludwig, 1976 Quelle: Copyright: Georg Baselitz 2019 Deichtorhallen Hamburg

Sie alle sind noch in die Kriegs- oder Nachkriegszeit hineingeboren, alle setzen sie sich mit dem Grauen des Nationalsozialismus, mit Verantwortung von Schuld, Verdrängung und Verleugnung auseinander. Das tun sie auf äußerst unterschiedliche Weise. Gemeinsam ist ihnen zum einen der Bruch mit der, das Kunstverständnis der Moderne bestimmenden, Abstraktion, zum anderen die Distanz zur Pop Art, die sich vor allem in den USA und Großbritannien Bahn bricht. Baselitz, Richter, Polke und Kiefer wenden sich in ihrer Kunst der figürlichen Darstellung zu. Wie sie das tun, das macht sie zu Revolutionären.

Versehrte, obszöne Helden

Georg Baselitz entwickelt eine Ästhetik des Vulgären. Die Männer etwa auf seinen „Heldenbildern“ sind hässlich, versehrt, gezeichnet, als Heimkehrer können sie das Heldenpathos nur noch in obszöner Zurschaustellung des Phallus vor sich hertragen. Die Bilder lösen einen Skandal aus. Wenige Jahre später stellt Baselitz seine Werke – und damit den Kunstbegriff – auf den Kopf.

Sigmar Polke: Freundinnen 1965/66 Öl auf Leinwand Sammlung Froehlich, Stuttgart Quelle: The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Deichtorhallen Hamburg

„Doppelbödige Motive einer gespaltenen Zeit“

Gerhard Richter, wie Baselitz und auch Polke in der DDR aufgewachsen, kommt 1961 in den Westen an die Kunstakademie Düsseldorf. Hier verbrennt er seine ersten abstrakten Werke und beginnt nach Fotos zu malen, nach Vorlagen aus Zeitungen, Illustrierten, dem Familienalbum. Auf den ersten Blick mögen seine Sujets banal wirken, aber es seien „doppelbödige Motive einer gespaltenen Zeit“, sagt Kunsthistoriker Götz Adriani, der die Ausstellung kuratiert hat.

Gerhard Richter. Schwimmerinnen, 1965 Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm Sammlung Fröhlich, Stuttgart Quelle: © Gerhard Richter 2019 (06082019) Deichtorhallen Hamburg

Wie auch ihre Zeitgenossen Polke und Kiefer – der sich selbst mit Hitlergruß in fremden Städten und Urlaubslandschaften auf großer Leinwand der Kritik aussetzt – unterlaufen die jungen Meister bei der Wahl ihrer Sujets und Maltechniken die künstlerischen Konventionen. In den so entstehenden Brüchen werden auf einmal die Fehlstellen des Wirtschaftswunderlandes Deutschland sichtbar. Das hebt diese Maler heraus und macht sie groß – mit Langzeitwirkung.

Die Deichtorhallen zeigen „Die jungen Jahre der alten Meister“ vom 13. 9. 2019 bis 5. 1. 2020.Zur Ausstellungist ein Katalog erschienen mit Interviews des Kurators Götz Adriani mit Baselitz, Richter und Kiefer, sowie einer ausführlichen Polke-Biografie, dte. Ausgabe: 34,90 €

Weitere Infos zur Ausstellung finden Sie hier

Von Regine Ley

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